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Ausgabe vom 31.10.03


AUSLAND

Aids-Hospiz in Südafrika

DEUTSCHES ÄRZTEBLATT ONLINE

A U S L A N D
Aids-Seuche in Südafrika: Wenigstens den Sterbenden beistehen

Weil der Kampf gegen Aids im südafrikanischen Zulu-Land fast aussichtslos ist, gründete ein deutscher Pater dort ein Hospiz-Zentrum. So kann der ausgebildete Rettungs-Sanitäter die häufig überforderten Familien bei der Pflege ihrer todkranken Verwandten unterstützen.

Mandeni im Osten Südafrikas: Mit mehr als 50 Prozent Arbeitslosigkeit und einer Aidsdichte von 88 Prozent ist das Elend in dieser Region programmiert. Unterstützung von der Regierung gibt es keine – die weiß selbst nicht, wo sie das Geld hernehmen soll. Ein paar Hilfsorganisationen versuchen die schlimmste Not hier zu lindern. Unter ihnen: Die Brotherhood of Blessed Gerard. Gründer der Hilfsgemeinschaft: Ein deutscher Pater.

Ein gleichmäßiges Surren schwirrt in der Luft von Ward Two – die Umluftanlage läuft rund um die Uhr. Acht der neun Betten des Krankenzimmers sind belegt. Agnes (57) liest ein Magazin über Hollywood-Klatsch, im Nachbarbett liegt Hlengiwe (24) und starrt regungslos auf den Fernseher, der über der Holztür des Zimmers hängt – Sesamstraße auf Afrikaans. Hlengiwe versteht nur Bruchstücke der Sendung, sie spricht wie die meisten hier nur Zulu, die Sprache ihres Volksstammes. Seit gestern ist eine Neue da: Sindi. Die 15-Jährige liegt zusammengekrümmt auf ihrer Matratze und weint. Sie hat Schmerzen in den Beinen, aber die sind nicht der Grund für ihre Tränen. Sindi hat Angst, denn sie weiß, warum sie hier ist: Zum Sterben, denn sie alle haben Aids.

„Der Fall von Sindi ist besonders tragisch“, erklärt Pater Gerhard (48). Da sie sich bereits mit 15 im Endstadium der Virus-Erkrankung befindet, kommen nur zwei Möglichkeiten infrage. „Entweder sie war bereits über Jahre hinweg sexuell sehr aktiv – was in ihrem Alter aber wohl auszuschließen ist. Die andere Möglichkeit ist sexueller Missbrauch.“ Wäre Sindi schon von Geburt an mit dem Virus infiziert gewesen, würde sie schon nicht mehr leben. Diese Kinder sterben bereits mit zehn oder zwölf Jahren.

Für Pater Gerhard, der seit 13 Jahren in Mandeni an der Ostküste Südafrikas lebt, gehören solche Schicksale zum Alltag: Mit dem Bau einer großen Papierfabrik vor 40 Jahren kamen auch die Probleme in die Gegend mit circa 250 000 Einwohnern. Das schnelle Geld lockte - Arbeitslosigkeit, Slums, Kriminalität, Prostitution sind die Folge. Mit einer Aidsdichte von 88 Prozent liegt der Ort in KwaZulu Natal, dem Land der Zulu, heute an der Weltspitze.

Als Pater Gerhard, der in Bayern geboren ist, 1990 als Missionar in die Gemeinde gesandt wird, weiß er gar nicht, wo er mit der Arbeit beginnen soll: „Ich wollte den Leuten hier von Gott erzählen, aber als ich das Elend hier sah, wusste ich: Wenn Du da nicht auch hilfst, hört dir eh keiner zu.“ So gründete er zwei Jahre später mit engagierten Mitgliedern seiner Gemeinde die Brotherhood of Blessed Gerard und 1996 das dortige Hospiz-Zentrum. Für Pater Gerhard ideal, wollte er doch in seiner Kindheit immer Arzt werden. Nach einer Laufbahn als Rettungssanitäter, Ausbilder und zuletzt als Diözesanreferent bei den Maltesern seiner Heimatstadt Regensburg, entschied er sich nach dem Abitur aber zum Theologiestudium. Durch die Gründung der ersten Hilfsorganisation des Malteserordens in Afrika kann er nun beides verbinden: Sein medizinisches Wissen und den Glauben an Gott.

Arbeit gibt es genug. Häufig sitzt Pater Gerhard bis spät nachts an seinem Computer, beantwortet Post und erledigt Schreibkram. Tagsüber fährt er mit dem Krankenwagen in den Busch und besucht Patienten, deren Familien das Zentrum um Hilfe gebeten haben. Pater Gerhard: „Oft finde ich dann Kranke, die in Decken gehüllt am Boden liegen. Manchmal in ihren eigenen Exkrementen.“ Wenn, wie in solchen Fällen, die Familie ganz offensichtlich mit der Pflege des Verwandten überfordert ist, wird der Patient umgehend ins Hospiz-Zentrum transportiert und stationär aufgenommen. Ein selbstständiger Arzt aus Mandeni unterstützt die Organisation und kommt zur Untersuchung, wenn nötig. Auch wenn die Bruderschaft die Familien jedes Mal um Spenden bitten – Geld besitzen hier im Busch die Wenigsten.

Kräutertee gegen Aids


„Ein großes Problem ist hier der traditionelle Geisterglaube der Zulu“, erklärt der Benediktinermönch. „Es ist schwer, ihnen begreiflich zu machen, wie man sich mit einer Krankheit infiziert. Für die Zulu ist eine Krankheit ein Fluch, Hexerei.“ Um von diesem geheilt zu werden, benötigt der Patient zunächst eine so genannte iSangoma, ein Medium zwischen der Welt der Ahnen und den Lebenden. Diese hoch angesehene Frau „diagnostiziert“ nun, ob entweder die Ahnengeister blutdürstig sind, einem böse Geister übel mitspielen oder ob etwa eine Nachbarin den Kranken verwünscht hat. Der iNyanga, ein Medizinmann, versucht dann, den Kranken mit Kräutergetränken zu heilen. Eine Alternative: Die Familie muss mit althergebrachten Ritualen die bösen Geister austreiben und – falls die iSangoma eine bestimmte Person als Quelle der krank machenden Hexerei „entlarvt“ hat – kommt dies einem Todesurteil gleich. Der Betroffene wird dann wenig später möglicherweise irgendwo tot aufgefunden.

Hinzu kommt, dass in vielen Familien keine Möglichkeit für eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung existiert, weil die Erwachsenen tagsüber zur Arbeit gehen. Oder weil bereits zu viele Familienmitglieder am Virus gestorben sind.

Wie bei Sandile. Weil alle anderen Familienmitglieder bereits gestorben waren, kam sie vor mehr als einem Jahr als Patientin ins Hospiz-Zentrum – ihren dreijährigen Sohn brachte sie mit. Als sie wenige Wochen später starb, blieb der kleine Junge alleine zurück. „Was sollten wir tun mit Kindern wie diesem? Wir haben uns entschieden, ein Kinderheim anzuschließen“, erklärt Pater Gerhard. Brian ist inzwischen drei Jahre alt. Ein Test ergab, dass er mit dem HI-Virus infiziert ist.

Das Kinderheim, in dem zurzeit 17 Kinder leben, blieb nicht der einzige Anbau. Heute gibt es im Zentrum außerdem eine Nähschule und einen Kindergarten. Die benötigten Pflegekräfte werden vor Ort selbst ausgebildet. Für viele junge Zulu ist das ein erster Schritt heraus aus der Arbeitslosigkeit. Im Zentrum bekommen sie warme Mahlzeiten und können als Pflegekräfte mithelfen – auch wenn ihr Dienst unbezahlt bleibt, da die Spenden nicht ausreichen, um viele hauptamtliche Kräfte zu beschäftigen.

Rettungs- und Pflegehelfer Wiseman Zulu hat alle angebotenen Kurse besucht. Seit drei Jahren ist er einer der wenigen hauptamtlichen Helfer: „Ich sehe das Elend meiner Mitmenschen Tag für Tag. Das ist der Grund, warum ich hier arbeite: Wenn ich mal so weit bin, dass ich Pflege brauche, hoffe ich, dass jemand für mich da ist, so wie ich das heute für die Patienten bin.“

In bestimmten Regionen wie Mandeni werden in 50 Jahren ganze Dörfer leer stehen. Schon heute fallen dort 88 Prozent der HIV-Tests positiv aus. Aids ist schon zu weit verbreitet, medikamentöse Hilfe wie in Deutschland nicht erschwinglich. Durch Aids-Aufklärungsveranstaltungen wollen die Mitglieder der Bruderschaft so vielen Menschen wie möglich eine Überlebenschance aufzeigen. Doch viele Einheimische wollen die Brisanz der Lage nicht wahr haben. Pater Gerhard: „Ich habe das Gefühl, die nehmen uns nicht ernst. Die meisten hören sich zwar den Vortrag an, gehen dann aber trotzdem nicht zum Aidstest und ändern nichts an ihrem Sexualverhalten.“

Auch wenn er jeden Tag einen fast aussichtslosen Kampf gegen die tödliche Immunschwächekrankheit führt - Pater Gerhard will in Afrika bleiben: „Ich hänge sehr an meiner deutschen Heimat. Aber hier habe ich die Erfüllung meiner Berufung gefunden. Mit keinem Menschen der Welt wollte ich jemals tauschen.“

Spendenkonto: Sparkasse Neuburg-Rain, BLZ: 72152070, Kontonummer: 12021

 Eva Pieringer (31.10.2003)


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DEUTSCHES ÄRZTEBLATT · Ausgabe vom 31.10.03


Diese Seite ist Teil der Medienschau der Brotherhood of Blessed Gérard



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Diese Seite wurde am 4.11.2003 erstellt. Letzte Aktualisierung am 08-10-2009 15:40:24