STADT WEIDEN

Nummer 253 · Freitag, 29. Oktober 2004 18


Fromme Predigten helfen nicht im Zululand

Pater Gerhard: "Liebender Gott" muss aus Taten sprechen - Kampf gegen Aids-Katastrophe - Hilfreiche Bruderschaft gegründet

Weiden. (rg) Seine aktuelle Mission trägt den Titel "Heimaturlaub". Es ist der erste seit sieben Jahren - doch Urlaubsgefühle wollen sich bei Pater Gerhard T. Lagleder nicht so recht einstellen. Der 49-jährige Geistliche, den sie im Zululand "Wirbelwind" nennen, eilt von Vortrag zu Vortrag, von Predigt zu Predigt, von Interview zu Interview.

Hilfe schon für die Kleinsten: Pater Gerhard, hier in der Malteser-Uniform, gibt das Fläschchen.
Das Credo des Missionars: "Wenn man Riesenprojekte finanzieren will, muss man halt was dafür tun." Pater Gerhard, in Weiden aufgewachsen, ist Gründer und Präsident der "Brotherhood Of Blessed Gérard" ("Brotherhood of Blessed Gérard", des Vaters des Malteser-Ordens). In der Region Mandeni im Osten Südafrikas betreibt sie Hilfseinrichtungen wie Kinderheim und Pflegestation. Mit dem Geistlichen, der derzeit in Weiden bei seiner Schwester Mechthilde Hirmer-Lagleder wohnt, sprach Redakteur Ralph Gammanick.

Worauf freuen Sie sich am meisten, wenn Sie in die alte Heimat zurückkehren?

Pater Gerhard: Auf Begegnungen mit lieben Menschen - auch mit der Familie natürlich. Und auf das Treffen mit Leuten, die unsere Arbeit unterstützen. Ein Missionar darf nicht nur betteln, er muss auch Dankeschön sagen. Zumal der Großteil der Spenden von Menschen stammt, die nicht sehr betucht sind. Sie bringen Opfer für uns.

Was empfinden Sie bei diesem Wechsel zwischen zwei Welten?

Pater Gerhard: Das ist wie in einer Zeitmaschine. Als ob ich in die Zukunft fahren würde. Zwischen zwei Besuchen fehlen mir Jahre, in denen sich unendlich viel getan hat. Auch in Weiden. Als ich früher hier lebte, war das ein verträumtes Provinzstädtchen. Heute ist Weiden ein Riesenzentrum mit allen Möglichkeiten.

Wie war das, als Sie 1987 erstmals das Zululand betraten?

Pater Gerhard: Ein großer Schock, obwohl ich mich ein halbes Jahr lang auf die Missionsarbeit vorbereitet hatte. Ich fand mich in einer völlig anderen Kultur wieder. 99 Prozent der Menschen dort sind arm. Und dann müssen Sie eine Stammessprache sprechen, die Sie vorher nicht gelernt haben. Sie müssen sich in die Geisterwelt der Zulu hineinversetzen - da helfen Ihnen die ganze Theologie und die akademische Ausbildung nichts. Also müssen Sie Ihre Methoden an die Menschen erst anpassen.

Wie funktioniert das?

Pater Gerhard: Mit logischen Argumenten kommen Sie beim Zulu nicht weit. Sie müssen ihm mit Taten zeigen, dass es den liebenden Gott gibt. Ich kam dort an, sah sterbende Menschen in der Hütte liegen, in ihren eigenen Fäkalien, mit unvorstellbaren Bettgeschwüren. Da wusste ich: Hier kannst du dich nicht auf die Kanzel stellen und fromme Predigten halten - "Tut's schön beten, der liebe Gott wird's schon richten ..." Nein, ich musste anpacken. Es ging darum, die Südafrikaner dazu zu bringen, den Südafrikanern zu helfen.

Das größte Problem ist Aids?

Pater Gerhard: In unserer Provinz haben wir die weltweit höchste Aids-Rate. Allein in unserem Einzugsbereich waren im Januar 2004 76 Prozent aller Aids-Tests positiv. Wir haben ein Industriegebiet, in dem alle Fabrikarbeiter getestet wurden: 88 Prozent HIV-positiv! Eine Katastrophe. Wir sprechen nicht von einer Aids-Epidemie, sondern von einer Aids-Pandemie. Das heißt, alle Menschen sind irgendwie von der Krankheit betroffen. Wenn es einer nicht selbst ist, dann sind es seine Familienmitglieder.

Was gibt Ihnen Kraft, wenn Sie tagtäglich mit diesem Leid konfrontiert werden?

Pater Gerhard: Mein Glaube - und das ist jetzt keine Frömmelei. Es ist einfach meine Aufgabe, den Menschen zu helfen. Und wir sehen den Erfolg: wenn wir uns die Situation der Leute ohne unsere Hilfe vergegenwärtigen. Kranke werden von den Angehörigen gemieden, denn für die Krankheit sind "böse Geister" verantwortlich, die jedem die Lebensenergie rauben, der ihnen zu nahe kommt. In einem konkreten Fall wurde eine Aids-kranke Frau mit ihrem Kind in eine Hütte verbannt. Das Essen schob man ihr in einem Napf unter der Türe durch. Wir haben sie dort herausgeholt und liebevoll betreut. Sie ist einige Monate später in Würde gestorben. Ihr Sohn lebt bei uns im Kinderheim. Wir schaffen die Leute also aus dem letzten Loch raus, geben ihnen ein sauberes Zimmer, fragen sie, ob sie lieber Kaffee oder Tee wollen. Für sie ist das so etwas wie ein Kulturschock. Ein Kulturschock der Liebe.

Wie vielen Menschen haben Sie bisher geholfen?

 
Wirkt er nicht wie ein urgemütlicher bayerischer Pater? Doch in seinen Pfarreien im Oster Südafrikas nennen sie Pater Gerhard T. Lagleder "Wirbelwind". Der 49-jährige Missionar, der in Weiden aufgewachsen ist, beschränkt sich im Zululand nicht auf "fromme Predigten", sondern packte kräftig an, um die schlimmste Not zu lindern. Bis zum 21. November verbringt er in Ostbayerneinen "Heimaturlaub" - in dem er kräftig die Werbetrommel für seine Projekte rührt. In Vorträgen, Predigten, Interviews. "Urgemütlich" ist was anderes.

Bild: Wilck

Pater Gerhard: Tausenden. Allein in dem Hospiz, dem größten unserer zwölf Projekte, ermöglichten wir über 1000 Leuten ein menschenwürdiges Sterben. Heuer haben wir mit der "antiretroviralen Therapie" begonnen: Die Infizierten bekommen von uns Medikamente, die das Virus am Vermehren hindert. Der Betroffene kann damit zehn bis 20 Jahre normal weiterleben. Ansonsten sind wir nach der Aufbauarbeit in der Phase der Konsolidierung. Wir sichern uns finanziell ab.

Wie viele Helfer packen mit an?

Pater Gerhard: 40 Hauptamtliche und 550 Ehrenamtliche. Darunter ist übrigens eine weitere Oberpfälzerin: Susanne Stauffer aus Ebnath, eine Musik- und Tanztherapeutin. Sie hat sich für uns ein Jahr Urlaub genommen und kümmert sich toll um die Kinder.

Mussten Sie auch schon Rückschläge hinnehmen?

Pater Gerhard: Laufend. Viele unserer Ehrenamtlichen sterben ebenfalls, denn sie sind von der Aids-Problematik nicht ausgenommen. Irgendwann ruft man bei der Familie an, um zu fragen, wo der fleißige Mitarbeiter wohl bleibe. Und dann heißt es: "Wissen Sie denn nicht, dass er gestorben ist?"

Auch in Weiden haben Sie schon Aufbauarbeit geleistet - 1974 als Gründer des Malteser Hilfsdienstes.

Pater Gerhard: Schon als Schüler hielt ich in der Umgebung Erste-Hilfe- und Pflege-Kurse. Das wuchs dann. Irgendwann habe ich ein paar Leute geworben, die so wie ich anderen Menschen helfen wollten. Wir waren eine schlagkräftige Truppe. Das Rote Kreuz bot damals nicht so viele Kurse an. Inzwischen haben sich die Malteser hier ganz schön ausgebreitet.

Verfolgen Sie eigentlich den Streit um die Finanzierung des deutschen Gesundheitssystems?

Pater Gerhard: Wenn hier einer zehn Euro Praxisgebühr im Quartal zahlen muss, stellt er sich schon furchtbar an. Die Leute, denen wir helfen, wissen überhaupt nicht, was eine Krankenkasse ist. Wenn ich ihre katastrophale Situation mit der hier vergleiche ... Ich muss wirklich sagen: Die Deutschen jammern auf hohem Niveau.

 

Pater Gerhard T. Lagleder und seine "Brotherhood Of Blessed Gérard"

Armut, Aberglaube, Aids, Ansteckung. Ein Teufelskreis. Ihn zu durchbrechen: Das versteht Pater Gerhard als seine Mission in der 250.000-Einwohner-Region Mandeni in Südafrika. Eigentlich hatte er Sanitäter werden wollen, damals, als er noch Clemens Lagleder hieß und das Augustinus-Gymnasium besuchte. 1974 gründete er als 18-Jähriger den Malteser-Hilfsdienst in Weiden.

Acht Jahre später schlug er jedoch die Laufbahn eines "Sanitäters für die Seele" ein, indem er ins Kloster der Benediktiner in St. Ottilien eintrat. Er benannte sich nach dem Gründer der Malteser, dem seligen Gerhard Tonque. Anfang 1987 begann er seine Missionsarbeit in Südafrika. Die "Brotherhood Of Blessed Gérard" rief er zusammen mit engagierten Mitgliedern der Gemeinde 1992 ins Leben. Inzwischen zeichnet die Bruderschaft für zwölf Projekte verantwortlich, von dem das größte die Hospiz ist - die Pflege von Todkranken, vor allem Aids-Patienten.

Weitere Einrichtungen sind unter anderem ein Kinderheim für Waisen sowie kranke, misshandelte und ausgesetzte Buben und Mädchen (40 Prozent der Neugeborenen in seinen Gemeinden tragen den Aids-Virus bereits in sich), ein Kindergarten für sozial Benachteiligte und ein Entwicklungshilfezentrum mit einer Nähschule zur Linderung der Arbeitslosigkeit. Damit will die Bruderschaft verhindern, dass sich Frauen zur Prostitution gezwungen sehen. "Viele Kinder werden vor oder außerhalb der Ehe geboren", berichtet der Pater.

"Oftmals macht sich dann der Mann aus dem Staub." Wichtig: die Aids-Aufklärung. "Groß warnen können wir nicht", bedauert der Pater dabei. "Denn acht von zehn unserer Zuhörer sind bereits HIV-positiv. Also erzählen wird ihnen, wie sie mit der Krankheit leben können." Ferner leisten die rund 600 Aktiven Hunger- und Nothilfe. Für die medizinische Behandlung von Armen ist ein Krankenfonds eingerichtet. Schüler und Studenten erhalten Stipendien. Die "Brotherhood" ist ein "privater Verein von Gläubigen" innerhalb der katholischen Kirche, dem aber Mitglieder jeder Konfession beitreten können.

Spendenkonto:
Kontonummer 12021
Sparkasse Neuburg-Rain
Bankleitzahl 721 520 70.

Weitere Informationen: bbg.org.za

Pater Gerhard in Herz Jesu

Weiden. (rg) Besonders verbunden fühlt sich Pater Gerhard T. Lagleder der Pfarrei Herz Jesu. Un ter anderem deren Sternsingeraktion kommt alljährlich seinen Projekten in Südafrika zugute. In den Sonntagsgottesdiensten um 8.30 und 11 Uhr hält der Missionar die Predigten in der Stadtpfarrkirche.

Bereits am heutigen Freitag stellt Pater Gerhard seine "Brotherhood of Blessed Gérard" und ihr segensreiches Wirken im Pfarrheim Herz Jesu vor. Der Vortrag beginnt um 15 Uhr, der Eintritt ist frei. Eingeladen sind alles Interessierten.


Der Neue Tag · Nummer 253 · Freitag, 29. Oktober 2004


Diese Seite ist Teil der Medienschau der Brotherhood of Blessed Gérard



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Diese Seite wurde am 1.12.2004 erstellt. Letzte Aktualisierung am 08-10-2009 15:42:27