19   Nummer 195 · Donnerstag, 25. August 2005

STADT WEIDEN


„Nackten kann man nichts aus Tasche ziehen“

Missionar Pater Gerhard T. Lagleder über den Schuldenerlass –
Bildung als wichtigste „Hilfe zur Selbsthilfe“


Er weiß, was den Menschen in der Dritten Welt hilft – und was nicht: Pater Gerhard T. Lagleder (49) ist seit 18 Jahren Missionar in Mandeni/Südafrika.

Weiden. (rg) Wann er mal wieder seine alte Weidener Heimat besuchen kann, „weiß momentan wirklich nur der liebe Gott“: Pater Gerhard T. Lagleder, seit 18 Jahren Missionar in Mandeni/Südafrika, klagt über „Stress“ in seiner Organisation „Brotherhood Of Blessed Gérard“. Die betreibt nicht weniger als zwölf Hilfsprojekte in der 250 000-Einwohner- Region – vom Kinderheim bis zur Hospiz.

Die alltägliche Not dort ist so groß, dass die „hohe Politik“ nur ganz am Rande eine Rolle spielt. Selbst der G 8-Gipfel im Juli, wie Pater Gerhard im NT-Interview bekennt. Obwohl die Staatschefs in Edinburgh doch den Schuldenerlass und weitere Hilfe für Dritte-Welt-Länder auf den Weg brachten. In Südafrika predigt der ehemalige Weidener lieber vom Wunder der Brotvermehrung – das sich, so behauptet der Geistliche, wiederholen könne. Unter seinem bürgerlichen Namen Clemens Lagleder besuchte der heute 49-Jährige einst das Augustinus-Gymnasium. 1974 gründete er den Malteser-Hilfsdienst in der Max-Reger-Stadt, bevor er jedoch die Laufbahn eines „Sanitäters für die Seele“ einschlug. Wegen seines Arbeitseifers nennen ihn die Menschen im Zululand „Wirbelwind“.

War der G8-Gipfel, bei dem es um den Schuldenerlass ging, ein Thema bei Ihnen?

Pater Gerhard: Sie wissen, ich arbeite in der Aids-Hochburg der Welt mit einer HIV-Durchseuchungsrate von 76 bis 88 Prozent. Ich lebe in einer sehr von Armut geprägten Gegend, wo das Hauptinteresse des Großteils der Bevölkerung darin liegt, ob sie heute mal genug zu essen bekommen. Die meisten haben sehr geringe Bildung und sind politisch absolut desinteressiert.

„Falls ich mich auf den Marktplatz in Mandeni stellen würde und 100 Leute fragte, was denn der G8-Gipfel sei, würde wohl kein einziger wissen, worum es auch nur annähernd geht.“

Pater Gerhard

Falls ich mich auf den Marktplatz in Mandeni stellen würde und 100 Leute fragte, was denn der G8-Gipfel sei, würde wohl kein einziger wissen, worum es auch nur annähernd geht. Ich habe vor rund 15 Jahren, also noch zu Apartheid-Zeiten, mal eine Gruppe von Zulu im Busch gefragt, wie sie denn die Apartheid empfinden und worunter sie am meisten litten. Als Antwort bekam ich die Frage, was denn Apartheid sei. Ich erntete großes Erstaunen, als ich erklärte, worum es bei der Rassentrennung ging. Davon hatten sie bislang noch gar nichts mitbekommen. Der Häuptling hatte ihnen seit Jahrhunderten gesagt, wo es lang geht. Dass es unterschiedliche Rassen mit unterschiedlichen Rechten gab, hatte sie nie tangiert.

Die Betroffenen interessiert die „hohe Politik“ also gar nicht?

Pater Gerhard: Freilich kommt es darauf an, ob Sie mit dem politisch absolut uninteressierten Großteil der Bevölkerung reden oder mit den wenigen Interessierten. Auch da wird die Sache großteils nur sehr naiv beurteilt: Jeder wünscht sich vom G8-Weihnachtsmann das magische Ausradieren der roten Zahlen.

Ist ein Schuldenerlass wirklich hilfreich? Kritiker meinen, er nutze nur den Diktatoren und zementiere damit die Missstände.

Pater Gerhard: Es gibt eine alte Deutsche Redensart: Einem Nackten kann man nichts aus der Tasche ziehen. Ich denke, es geht den Kreditgebern eben wie so manchem Gerichtsvollzieher. Wo nichts ist, ist eben nichts und der stichhaltigste Gerichtsbeschluss zum Eintreiben der Schulden scheitert kläglichst am Mangel an Masse. Mit anderen Worten: Viele Länder haben ihre Kredite ja nicht gewinnbringend angelegt, sondern schlicht und einfach ausgegeben. Wenn die Schulden erlassen werden, geht es deshalb nicht darum, dass Gelder, die zum Rückzahlen der Kredite gedacht waren, nun freigesetzt und zum Wohl der Bürger des Landes eingesetzt werden könnten, etwa zur Bekämpfung von Aids, Armut und Unterentwicklung, sondern schlicht und einfach um das Abschreiben ohnehin nicht verfügbarer Mittel.

Der Erlass soll nach EU-Willen nur bei „guter Regierungsführung“ gewährt werden.

Pater Gerhard: Das klingt genauso unangenehm wie die Zeugnisbemerkungen im Fleiß und Betragen. Solange es keine Beanstandungen gibt, ist alles kein Problem, aber wer setzt den Maßstab wo an – und wer ist dann letztendlich der Richter?

Wie groß sind die politischen Missstände in Ihrer Region?

Pater Gerhard: Darüber schweigt natürlich des Sängers Höflichkeit. Dass allüberall Plakate aushängen mit der Bitte, Fälle von Korruption doch bitte über eine gebührenfreie Telefonnummer zur Anzeige zu bringen, ist sicher nicht rein zufällig. Und dass sogar unser früherer Vizepräsident zurückgetreten wurde, als man Shabir Shaik nachwies, dass er ihn bestochen hatte, ist sicherlich allerorts bekannt.

Gäbe es aus Ihrer Sicht nützlichere Maßnahmen als den Schuldenerlass?

Pater Gerhard: Wenn ich jetzt am Biertisch säße, hätte ich natürlich sofort eine Paradeantwort bereit: die Rückführung der immensen Summen veruntreuter Gelder aus so genannten Privatkonten korrupter Regierungsfunktionäre weltweit. Aber damit würde ich mich auch nur auf die Stufe derer stellen, die meinen, der Schuldenerlass käme dem kleinen Mann im Busch zugute. Vielleicht wäre eine wirklich nützliche Maßnahme die konsequente Unterstützung nachhaltiger nichtstaatlicher Entwicklungsprojekte. Die US-amerikanische Regierung hat da zum Beispiel einen gewaltigen Schritt in die richtige Richtung gemacht, indem sie Gelder für die antiretrovirale Behandlung von Aids- Kranken eben nicht nur über Regierungskanäle, sondern direkt an Organisationen weiterleitet, die nachweislich nachhaltige und qualitativ gute Arbeit auf diesem Gebiet leisten.

Haben Sie Hoffnung, dass Hunger und Armut der Dritten Welt in absehbarer Zeit entscheidend bekämpft werden können?

Pater Gerhard: Oh ja! Ich freue mich jedes Jahr auf den Sonntag, an dem ich über die wunderbare Brotvermehrung am See Gennesaret predigen darf. Tausende hatten nicht zu essen. Die Jünger wollten die Leute einfach wegschicken, damit sie selber was bekommen. Jesus stiehlt sich nicht aus der Verantwortung und bittet die Jünger, alles auf den Tisch zu legen, was sie haben. Erst nachdem dies geschehen ist, wirkt Jesus das Wunder der Brotvermehrung. Und ich verspreche Ihnen hiermit hoch und heilig: Falls die Menschen auch heutzutage alles auf den Tisch legten, was sie haben, um mit den anderen Menschen zu teilen, geschähe auch heute jeden Tag ein neues Wunder der Brotvermehrung. Und keiner auf der ganzen Welt bräuchte zu hungern, zu frieren, oder Pflege und Fürsorge zu entbehren.

Ist es nicht so, dass die Entwicklungshilfe allenfalls die Symptome des Übels lindern kann?

Pater Gerhard: Nein, auf keinen Fall. Ich denke, das A und O ist Bildung. Hilfe zur Selbsthilfe ist nur möglich, wenn wir die Hilfsbedürftigen dazu befähigen, sich selber zu helfen. Dazu ist Bildung eine unabdingbare Voraussetzung.


Weitere Informationen:
http://bbg.org.za


Der Neue Tag · Donnerstag, 25. August 2005


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Diese Seite wurde am 24.12.2004 erstellt. Letzte Aktualisierung am 08-10-2009 15:43:25