16   ZUR ZEIT

FRANKFURTER ALLGEMEINE SONNTAGSZEITUNG, 8. MAI 2005, NR. 18



Foto Frank Röth

Trauriger Titel: "Aids-Hauptstadt der Welt" nennt eine Lokalzeitung Mandeni, dessen Hospiz 40 Sterbebetten bereithält.

Über Aids reden sie nicht

Ein Hospiz im südafrikanischen Industrieort Mandeni pflegt Todkranke

Von Thomas Scheen

Mandeni. Khethiwe M1. hat einen kahlgeschorenen Schädel und unglaublich lange, manikürte Fingernägel. Sie belegt das vierte von acht Betten im Zimmer des Hospizes von Mandeni. In der Ecke läuft2 ein Fernseher. Die Luft scheint zu stehen3 in dem Raum. Seit einem Jahr sei sie krank, sagt Khethiwe und fächert sich mit dem T-Shirt Luft zu. Sie ist 18, und ihre Haut ist übersät mit Krebsmelanomen. Aids? Ja, davon habe sie gehört. Aber sie habe das nie als ihr Problem betrachtet, sagt sie. Mit 14 habe sie den ersten Boyfriend gehabt. Der war 21 und "erfahren". Ihre Familie? Ihr Vater tot, die Mutter vor drei Jahren an Tuberkulose gestorben, ihrer 25 Jahre alten Schwester aber gehe es ganz gut. Von ihrem Boyfriend hat sie nie wieder gehört.

Khethiwe wird das Achtbettzimmer im "Blessed Gerard"-Hospiz nicht mehr lebend verlassen. Natürlich weiß sie das, sie ist schließlich nicht blind, aber mit 18 Jahren will sich das niemand eingestehen. Sie ist hier, um in Frieden zu sterben. Wie alle Frauen in dem Krankenzimmer, wie alle Patienten in den 40 Sterbebetten, die das größte Hospiz Südafrikas bereithält. Wobei schon die Tatsache, dass ein Hospiz mit 40 Betten das größte des Landes ist, ein unheilvolles Licht auf die Betreuung von Todkranken wirft.4  Jeden zweiten Tag ein Sterbefall, rund 200 im Jahr, "und wir könnten noch viel mehr Betten belegen", sagt der deutsche Pater Gerhard Lagleder, der das Hospiz gegründet hat.

Mandeni, der kleine Industrieort nördlich von Durban, ist schnell beschrieben: eine Durchgangsstraße, ein paar Tankstellen, die obligatorische Shopping Mall; das gastronomische Angebot erschöpft sich in einer Filiale von "Kentucky Fried Chicken". Die Stadt trägt einen unschönen Titel: "Aids-Hauptstadt der Welt" titelte eine lokale Zeitung vor einiger Zeit, als eine unabhängige Medizinergruppe die Industriearbeiter der Region auf Aids untersuchte und eine Durchseuchungsrate von 88 Prozent feststellte. Weil das der Regierung zuviel war, ließ sie ein Gegengutachten erstellen, und dann waren "nur noch" 76 Prozent HIV-positiv.

Der Grund für die galoppierende Aids-Rate in der Gegend heißt Saapi5 und ist ein südafrikanischer Papierkonzern, der hier eine große Fabrik unterhält. Fabrik heißt Einkommen, Einkommen heißt Kaufkraft, Kaufkraft zieht Prostitution magisch an. Gleich hinter den Schloten der Papiermühle ist das Ergebnis dieses Teufelskreises zu besichtigen: in Sundumbili, dem Slum von Mandeni. Hier leben die wenigen, die in der Fabrik Arbeit gefunden haben, und die vielen, die am Gehalt der wenigen Glücklichen teilhaben wollen. Khethiwe, die junge Frau mit dem Hautkrebs, stammt aus Sundumbili, wie die meisten der Hospiz-Patienten.

Grasüberwucherte Pfade schlängeln sich durch das Gewirr aus Blechhütten. Am Wegrand verkauft eine Frau Süßigkeiten und Zigaretten. Sie bietet sie einzeln feil, 15 Rand für eine ganze Packung Zigaretten hat hier kaum einer übrig. "Contractor" in der Fabrik sei er, sagt ein etwa 30 Jahre alter Mann, der höflich auf alle Fragen antwortet, seinen Namen aber nicht nennen will. Zur Zeit sei er ohne "contract", ohne Vertrag. Mal gibt es einen, für drei Wochen, dann wieder monatelang nichts.

Er zählt auf: 120 Rand Miete für die Hütte, Strom hat er nur, wenn er sich eine Prepaid-Karte für den Zähler leisten kann, und das alles ohne festes Einkommen. Im Gegensatz dazu die, die einen festen Job haben: 1000 Rand monatlich, eigentlich ein Hungerlohn, machen sie in Sundumbili zu kleinen Königen, die sich Zuneigung und Sex kaufen können. Stimmt es, dass viele Bewohner von Sundumbili an Aids erkrankt sind? Der Mann zuckt mit den Schultern. Er selbst, sagt er, nehme diese Krankheit ernst. War er mal beim Arzt? "Nein, ich habe Angst davor, was der mir sagen könnte." Pater Gerhard formuliert drastischer: "Hier sterben die Leute wie die Fliegen."

Diese Zustände waren Anfang der neunziger Jahre der Grund für das Engagement des Paters. Damals sei er zu einer Krankensalbung gerufen worden. Die Frau, die er besuchte, war so erschöpft, dass er sie auf der Ladefläche seines Transporters zu einem einheimischen Arzt fuhr. Der war über den Zustand der Frau genauso entsetzt wie der Deutsche. Vor allem, weil beide nicht einsehen wollten, dass Menschen an mangelnder Versorgung sterben.

So entstand das "Pflege-, Sozial- und Hospiz-Zentrum "Blessed Gerard", benannt nach dem Namensgeber des Malteserordens. Ein weißgelber Klinkerbau, der aussieht wie ein deutsches Kreiskrankenhaus. Gepflegter Rasen, lichtdurchflutete Flure, warme Farben an den Wänden: "Wir haben uns gefragt, warum sterbende Afrikaner eigentlich kein Recht auf frische Bettwäsche, eine freundliche Umgebung und vernünftiges Essen haben sollen", sagt der Pater. Und deshalb ist die von der "Brotherhood of Blessed Gerard", der südafrikanischen Hilfsorganisation des Malteserordens2, betriebene Einrichtung ein Hospiz nach deutscher Kliniknorm, errichtet, um denen Hilfe zu leisten, die sonst ganz alleine blieben. Weil sie kein Geld haben, aus zerrütteten Verhältnissen stammen oder schon zu krank sind, um sich noch selbst zu versorgen.

Braen M1 liegt auf der Männerstation. Gleiches Achtbettzimmer wie Khethiwe eine Tür weiter, dieselbe Hilflosigkeit. Braen ist 26, arbeitslos, und das war er eigentlich immer schon. Er komme aus Stanger und leide an Tuberkulose, sagt er. Es gehe ihm heute ganz gut, er kann aufrecht im Bett sitzen. Er erzählt, er habe in Sundumbili gelebt, irgendwann habe er einen Bluttest machen lassen - und "nun ja". Dann sagt er, es sei besser, darüber zu reden. Über was? Aids? Braen lächelt verlegen, will das Wort nicht aussprechen.

Häufig kommen Kranke, die durchaus noch eine Lebenserwartung von mehreren Monaten haben, in einem "erbärmlichen Zustand" aus dem staatlichen Krankenhaus in das Hospiz, erzählt Pater Gerhard. Ihre Tuberkulose wurde nicht behandelt, die Wundstellen vom wochenlangen Liegen wurden nicht versorgt. Diese mangelnde Sensibilität in den staatlichen Einrichtungen hat direkt mit der Apartheidszeit zu tun. Damals endete der berufliche Aufstieg einer schwarzen Frau bei Lehrerin oder Krankenschwester, höher ging nicht. Deshalb wurden viele Frauen nur deswegen zu Krankenschwestern, weil der Beruf soziales Ansehen versprach. Die Folge heute ist ein völliges Desinteresse an den Patienten und deren Pflege.

Um so stolzer ist der Pater auf seine südafrikanischen Mitarbeiter. Das Hospiz finanziert sich ausschließlich über Spenden, für mehr als 35 Festangestellte reicht das Budget nicht. Es seien die mehr als 700 ehrenamtlichen Helfer, die das Ganze am Laufen hielten, sagt er. Doch angesichts der Vehemenz, mit der die Pandemie in Südafrika wütet, sind selbst 700 Helfer in einem Kaff wie Mandeni einfach zuwenig. "Eigentlich", sagt Pater Gerhard, "müßte man über ganz KwaZulu-Natal ein Laken spannen und ,Hospiz' draufschreiben."


Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 08.05.2005, Nr. 18 / Seite 16


Fußnoten (Anmerkungen P. Gerhards):

1 Obwohl sich die Patienten aus freien Stücken von den Journalisten interviewen ließen und dabei ihre Namen mitgeteilt haben, sind die Familiennamen hier zum Schutz der Identität der Patienten abgekürzt.

 

2 Geringfügige Korrekturen des Textes sind durch Kursivschrift gekennzeichnet.

 

3 Am Tag, als uns die Journalisten der FAZ besuchten, war die Klimaanlage ausgefallen.

4 Laut der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin (Stand 3/2004) hat das größte deutsche stationäre Hospiz (Franziskushaus Frankfurt) 18 Betten. Die Dichte von Hospizbetten pro Einwohner in Deutschland ist am niedrigsten in Thüringen, wo es gar kein stationäres Hospiz gibt, und am höchsten in Hamburg mit 24 Betten pro Million Einwohner. In Mandeni gibt es 40 Hospizbetten für eine Viertelmillion Einwohner, also rechnerisch gesehen eine Dichte von 160 Betten pro Million Einwohner.

5 Sappi betreibt nur eine von Dutzenden von Fabriken in der Gegend von Mandeni. Ohne die örtliche Industrie hätten die Menschen noch weniger Einkommen. Ich sehe den Grund der hohen AIDS-Rate eher in der Armut und extrem hohen Arbeitslosigkeitsrate (Im Großraum von Mandeni leben ca. eine Viertelmillion Menschen, aber es gibt nur ca. 25.000 Arbeitsplätze), so dass viele junge Frauen gar keine andere Verdienstmöglichkeit sehen als die üblichen 3,50 Euro pro Dienstleistung einer Prostituierten. Siehe auch: AIDS Ursachen und Leiden

 


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Diese Seite wurde am 27. Mai 2005 erstellt. Letzte Aktualisierung am 08-10-2009 15:44:54