AUS DER MISSION

Menschen unserer Heimat


Eine neue Heimat für die AIDS-Waisenkinder von Mandini

Zum Sterben bringen sie die Kinder mit

Regensburger Pater Gerhard Lagleder hilft dort, wo Aids weltweit am verbreitetsten ist


Mandini (Südafrika) "Seit zwei Tagen versuchen wir erfolglos, jemanden zu finden, der sich für die Beerdigung verantwortlich fühlt. Die Mutter lebt etwa 200 Kilometer nördlich, eine Tante in der Nähe von Mandini. Die Mutter ist nicht erreichbar, die Tante haben wir ausfindig gemacht, aber sie kann und will die umgerechnet 70 Euro für die Beerdigung nicht zahlen!" Für den aus Regensburg stammenden Missionsbenediktiner Pater Gerhard T. Lagleder, der im südafrikanischen Mandeni 100 Kilometer nördlich der Hafenstadt Durban ein AIDS-Hospiz leitet, ist das eine neuer Gipfel des Problems. Verwandte bringen ihre todkranken Angehörigen und geben notgedrungen falsche Adressen an, weil sie die Beerdigungskosten nicht mehr tragen können oder holen sie einfach nicht ab. Schon zu viele Verwandte sind an Aids gestorben. Für die traditionell aufwändigen Beerdigungen der Zulu haben sie kein Geld mehr, ja sie haben sich dafür bereits hoch verschuldet und keiner leiht ihnen mehr etwas. Eine Situation, die überall auf der Welt Ausdruck größter Not wäre, im Zululand jedoch besonders ausdrucksstark ist. Wer einen Angehörigen nicht angemessen bestattet, muss nach einem weitverbreiteten Volksglauben ein Leben lang die Ahnengeister fürchten - in diesem Landstrich das Schlimmste, was einem passieren kann. Wie konnte es so weit kommen? Die Gegend um Mandini gilt nach internationaler Expertenmeinung als eine der am schlimmsten von Aids betroffene Gegenden der Welt. Auch im AIDS-geplagten Afrika ein trauriger Rekord. 88 Prozent der AIDS-Tests zeigen die Infektion mit HIV. Nach offiziellen Schätzungen sind in der Gegend von Mandini 60 Prozent der Bevölkerung HIV-positiv. Gründe gibt es viele. Hauptursache ist die weitverbreitete Promiskuität. Einige Faktoren verschärfen deren Auswirkungen zusätzlich. Im Industriegebiet Isithebe leben viele Wanderarbeiter, die zur Verbreitung von Aids in

Afrika überall entscheidend beigetragen. haben. Der großen Not unter Frauen und Mädchen, die oft auf sich allein gestellt sind und nicht wissen, wie sie ihren Lebensunterhalt sichern sollen, stehen in Mandini eine größere Zahl relativ wohlhabender Männer gegenüber. Sie "leisten" sich mehrere regelmäßige Geschlechtspartnerinnen. Auch eine "Fehlerquote" bei südafrikanischen Kondomen von bis zu 30 Prozent, die Tests kürzlich ergeben haben, mag dazu beitragen. Der oft propagierte "sichere Geschlechtsverkehr" ist so sicher eben nicht ist. Die vom Staat millionenfach kostenlos ausgeteilten Kondome könnten sich eher als Zeitbombe, denn als Hilfe erweisen.

Immer mehr Kinder mit Aids

Unter den Opfern von Aids sind immer mehr Kinder. Ein Grund dafür ist der traditionelle Wunsch der Männer nach vielen Kindern. Fatal ist, dass viele nur an der großen Zahl von Kindern interessiert sind und keine Rücksicht auf eine Aidsinfektion der Frauen oder Kinder durch sie nehmen. Hinzu kommen in letzter Zeit immer mehr Kinder und sogar Kleinkinder als Opfer von Vergewaltigungen durch HIV-positive Männer. Sie sind Opfer des weitverbreiteten Aberglaubens, der Geschlechtsverkehr mit einer Jungfrau heile von Aids. Dieser Aberglaube nimmt bei aller Aufklärung nicht etwa ab, sondern verbreitet sich immer weiter. Besonders tragisch sind die Fälle, wo sich Mütter bei der häuslichen Pflege ihrer Kinder anstecken oder Kinder bei der Pflege der Eltern. Die meisten Kinder mit Aids werden während der Geburt von HIV-positiven Müttern infiziert. Ohne medizinische Hilfe ist dies bei etwa 40 Prozent der infizierten Mütter der Fall. Auch durch die Muttermilch kann der Virus übertragen werden. Dies wirkt sich besonders dramatisch in einem armen Land wie Südafrika aus. Stillen ist dort eigentlich die beste Nahrung, wird so aber zur tödlichen Gefahr.

Ein Hospiz als Antwort

Hinter diesen nüchternen Fakten verbirgt sich unvorstellbare menschliche Not. Auf sie hat Pater Gerhard Lagleder eine Antwort auf dem Hintergrund der christlichen Nächstenliebe gegeben. Vor mehr als zehn Jahren ist er als Gemeindepfarrer nach Mandini gekommen. Er hat die vor allem durch Aids verursachte Not, gerade auch der Kinder, hautnah erfahren. 1992 gründete er die "Brotherhood of Blessed Gérard" als Hilfsorganisation des Malteserordens in Südafrika. Sie betreibt unter seiner Leitung seit sieben Jahren in Mandini ein nach dem Seligen Gerhard, dem Gründer des Malteserordens, benanntes Pflege-, Sozial- und Hospiz-Zentrum. Seit einem Jahr ist er von der Arbeit in der Pfarrei freigestellt und kann sich seither zusammen mit seinem Team ganz der Arbeit der Bruderschaft widmen.

Die Bruderschaft hat inzwischen über 1000 fördernde Mitglieder in aller Welt, vor allem aber auch in Südafrika. 389 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer, darunter 168 ausgebildete ehrenamtliche Pflegekräfte aus der Region Mandini arbeiten bei dem Projekt mit. "Wir sind sehr dankbar für die finanzielle Hilfe aus Deutschland, langfristig entscheidend für den Erfolg des Projektes ist jedoch, dass Südafrikaner Südafrikanern helfen", so Pater Gerhard, der als einziger Ausländer im ansonsten südafrikanischen Vorstand der Bruderschaft sitzt.

Kein Platz in Krankenhäusern

Im Hospiz werden vor allem Aidspatienten im Endstadium betreut. Sie finden in südafrikanischen Krankenhäusern - wegen ihrer großen Zahl und weil sie nichts zahlen können - oft keine Aufnahme mehr. "Wenn es irgendwie geht, befähigen wir die Angehörigen in Kursen zur Pflege daheim und fahren auch in den Busch um bei der Pflege zu helfen", nennt Pater Gerard, einen weiteren Schwerpunkt der Arbeit. Die engen Wohnverhältnisse in den Hütten der Townships und die unwegsame Lage der einzelnen ländlichen Kraale machten die häusliche Pflege oft jedoch schier unmöglich. Patienten im Endstadium müssen oft täglich mehrmals gewaschen werden. Wenn das Wasser viele Kilometer auf dem Kopf herbeigetragen werden muss, sei dies fast unmöglich, nennt er ein Beispiel für die Probleme häuslicher Pflege. Offene Wunden und Zweitinfektionen wie Tuberkulose, Geschlechtskrankheiten und Mundfäule stellten für pflegende Angehörige auch eine große Infektionsgefahr dar. Auf diese Gefahr, und die Möglichkeiten sich davor zu schützen, machen die Pflegekurse intensiv aufmerksam. Oft ist wirklich niemand zu Hause und angesichts einer Arbeitslosigkeit von bis zu 60 Prozent kann jemand, an dessen Arbeitsplatz das Schicksal der ganzen Familie hängt, seinen Arbeitsplatz wegen der häuslichen Pflege nicht aufgeben.

Ein Waisenhaus für die unschuldigsten Opfer von Aids

"Die 30 Betten, die wir jetzt haben, sind oft komplett belegt. Experten sagen erst für 2010 den Höhepunkt der Seuche in Südafrika voraus, auch wenn wir uns kaum vorstellen können, dass es noch schlimmer werden kann", so Father Gérard, wie ihn im Hospiz alle nennen. Im April hat er mit seinen südafrikanischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiterinnen und dank der Hilfe von Spenderinnen und Spendern aus Deutschland und aller Welt mit einem Erweiterungsbau begonnen, der etwa 350 000 Euro kosten wird. Das ganze Projekt beruht auf Spenden, da es für solche Projekte in Südafrika keine staatliche Förderung gibt. Von den Deutschen Hilfswerken hat bisher die Sternsingeraktion Unterstützung gewährt. Auf zwei Stockwerken sind weitere zehn Hospizbetten für Erwachsene und 40 Plätze für ein neues Kinderheim geplant. Mit dem Neubau soll nämlich auch einem weiteren Problem abgeholfen werden, dem der AIDS-Waisen.

Notgedrungen leben derzeit dreizehn Kinder im Alter zwischen 6 Wochen und zehn Jahren mit den AIDS-kranken Erwachsenen auf einer Ebene in Räumen die früher Zimmer des Hospizes waren. "Was sollen wir machen, wenn eine Mutter sterbenskrank mit ihrem Kind, das ihr niemand abnimmt, zu uns kommt. Wir hatten ursprünglich kein Kinderheim geplant, aber die Not hat es uns aufgegeben", so Pater Gerhard. Auch für AIDS-kranke Kinder soll das Hospiz noch besser eine ihnen entsprechende Betreuung bieten. Die jungen Patienten sollen, so lange es geht, mit Altersgenossen spielen können. Wenn die Krankheit weiter fortgeschritten ist, soll im Hospiz in Zusammenarbeit mit dem Kinderheim kindgerecht gepflegt werden.

Anlässe, die das neue Angebot notwendig machen, gibt es viele. Selbst AIDS-kranke Mütter sind mit der Pflege ihrer AIDS-kranken Kinder überfordert. AIDS-kranke Mütter bringen ihre Kinder mit ins Hospiz zum Sterben. Die Mutter stirbt und das Kind ist allein. Viele Großmütter, die oft schon über zehn Kinder ihrer vielleicht schon verstorbenen Töchter betreuen, können kein weiteres Kind mehr aufnehmen. Omas mit mehr als zehn Enkeln, für die sie mit ihrer kleinen Rente allein verantwortlich sind, sind keine Seltenheit. In total zerrütteten Familienverhältnissen werden oft Kinder misshandelt und können deshalb vom Krankenhaus nicht in ihre Familie zurückkehren. Alleinerziehende Mütter, und die sind in Südafrika in der großen Überzahl, verlieren sofort ihre Arbeit, wenn sie sich um das kranke Kind daheim kümmern.

In all diesen Situationen soll zukünftig bessere kurz- und langfristige Hilfe möglich sein. "So weit es geht, wollen wir langfristig die Kinder in ihre Familien zurückbringen oder für sie Pflegefamilien finden. Wegen der großen Zahl von AIDS-Waisen wird dies jedoch immer schwieriger", nennt Pater Gerhard das Ziel des neuen Kinderheims. Es soll vor allem die Arbeit im Hospiz organisch ergänzen.

Viele Kinder werden im Kinderheim nicht lange Geborgenheit und Liebe finden, weil gerade bei Neugeborenen die Krankheit oft schnell voranschreitet, wie bei einem fünf Monate alten Buben. Er lebte nur einige Tage im Hospiz. Mutter und Oma hatten ihn in der stillen Hoffnung gebracht, dass er dort doch noch geheilt werden könnte. Seine Mutter, selber HIV-positiv, vielleicht 16 Jahre alt, hat ihn noch einmal besucht und herzzerreißend geweint, als sie ihn gesehen hat.

Einige Tage vor seinem Tod hat ihn Pater Gerhard in der Hauskapelle des Zentrums getauft. Das Taufformular spricht davon, dass die Taufe in der Erstkommunion und der Firmung vollendet werden wird. All das wird Wandile Peter nicht mehr erleben. In seinem viel zu kurzem Leben durfte er nicht nur die Verlassenheit, sondern auch liebevolle Annahme und Pflege erfahren. In seinem Fall war dies nicht nur das Hospiz, sondern auch eine liebevolle, aber völlig überforderte Mutter, und vor allem die Großmutter. Als sie die Nachricht bekamen, dass es ihm immer schlechter ging, haben sie ihn zum Sterben nach hause geholt. Wenigstens um dieses Begräbnis wird sich die Familie kümmern:

Gregor Tautz


Im Zeichen von Kreuz und Auferstehung tauft P. Gerhard den kleinen Wandile Peter. Einige Tage später war er tot.


Aus Verzweiflung hat die Mutter dieses Baby an einer Bushaltestelle einer anderen Mutter gegeben. Angeblich wollte sie nur noch das Gepäck holen. Sie kam nie wieder, weil sie hoffte, dass ihr Kind es bei der anderen Mutter besser hätte.


In der Township von Mandini stehen solche Elendsquartiere.


Völlig ausgemergelt wurde dieses Kind abgegeben.


Die letzten Wochen des Lebens in Geborgenheit, dank des Hospizes.

Für Spenden
und Informationen

Mehr Informationen unter: www.bbg.org.za oder bei der Brotherhood of Blessed Gérard, Herr Johannes Lagleder, Eichstätter Straße 34, 86633 Neuburg, Tel.: 08431/46555, Fax: 08431/644114. Unter diesen Adressen gibt es auch Informationen zur Aufnahme in die Bruderschaft und zur kontinuierlichen Förderung des Anliegens.

Spenden für die Erweiterung des Hospizes und das neue Kinderheim können in Deutschland überwiesen werden auf das Konto Nr. 12021 bei der Sparkasse Neuburg-Rain (BLZ 721 520 70)


Das Hospiz- und Sozialzentrum; der runde Bau im Vordergrund ist die Kapelle.


Dienstbesprechung am Morgen mit den freiwilligen Helfern


Jeden Morgen sind Betreuer und Kranke zum Gottesdienst mit P. Gerhard Lagleder in die Hauskapelle eingeladen.


Nicht jedes Kind erlebt den ersten Geburtstag, deshalb wird er ganz besonders gefeiert.


REGENSBURGER BISTUMSBLATT · Nr. 26 · 30. Juni 2002 · Seiten 14-15


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