Schlesinger, Dieter (Hrsg.)

Südafrika

Entwicklung von Wirtschaftsräumen und -strukturen

Exkursionsbericht


Materialien und Forschungsberichte aus dem Institut für Wirtschaftsgeographie der Universität München. München 2002.
(= WRU-Berichte, Heft 17)


2.18 Tätigkeit und Wirkung staatlicher und nicht-staatlicher deutscher Organisationen (Anja Maurer)

2.18.3 Tätigkeiten nicht-staatlicher Organisationen

2.18.3.1 Die Kirchen

Als drittes Beispiel soll die Brotherhood of Blessed Gérard in Mandini genannt werden. Der Malteser Pater Gerhard hat eine Missionsstation ins Leben gerufen, die den Bedürftigen ohne Rücksicht auf Glauben, Hautfarbe und politische Richtung hilft. Mandini liegt in der Region in Südafrika, welche die höchste AIDS-Rate aufweist. Aus diesem Grund wurde ein Hospiz- und Pflegezentrum errichtet, um den Kranken einen menschenwürdigen Tod zu ermöglichen. Darüber hinaus wurden ein Kinderheim für AIDS-Waisen, eine Nähschule für arbeitslose Frauen sowie ein Altenclub eingerichtet. Zur AIDS-Vorbeugung wird auf Aufklärungsmaßnahmen gesetzt (vgl. Protokoll vom 21.8.).

(S. 108)


3.9 Protokoll vom 21.08.2001:

Das "traditionelle" Leben der Zulu und soziale Probleme

Programm:  [...] Besuch bei der Brotherhood of Blessed Gerard in Mandeni [...]

3.9.2 Fahrt entlang des Zuckerrohrgürtels, Besuch bei der Brotherhood of Blessed Gerard in Mandeni (Anja Maurer)

[...] Nach Stanger führt die Fahrt in die Industriestadt Mandeni  zur Brotherhood of Blessed Gerard. Die gemeinnützige Organisation wird von einem Benediktinerpater aus dem bayerischen Kloster St. Ottilien geleitet. Die Missionsbenediktiner aus St. Ottilien sind seit 1900 weltweit tätig und von den 200 Mönchen ca. 100 weltweit im Einsatz. Das oberste Ziel dieser Missionarstätigkeit ist heute die Hilfe zur Selbsthilfe und nicht mehr wie in früheren Zeiten die Bekehrung zum Christentum.1

Im Jahr 1992 gründete Pater Gerhard zusammen mit den Pfarrgemeinderatsvorsitzenden aus Mandini und Sundumbili sowie deren Frauen die Brotherhood of Blessed Gérard als Verein von Gläubigen. Das Motto der Brotherhood of Blessed Gérard ist das der Malteser-Ritter: "Verteidigung des Glaubens und Hilfe den Bedürftigen." Die Brotherhood of Blessed Gérard lebt dieses Motto durch freiwilligen Dienst an den Armen, durch wohltätige Projekte - ohne Rücksicht darauf, welcher Hautfarbe oder politischen Richtung die Bedürftigen angehören.

Bis Anfang August 2001 war Pater Gerhard der Pfarrer in der Gemeinde. Nun hat ein junger Zulu das Pfarramt übernommen. Pater Gerhard ist seitdem nur noch für die Sozialarbeit zuständig.2 Die Bruderschaft hat sich zu einer gemeinnützigen Organisation entwickelt, die Südafrikanern helfen will. Die Arbeit wird zum größten Teil ehrenamtlich durchgeführt. Pro Schicht sind 10 ehrenamtliche Mitarbeiter im Zentrum tätig. Im Ganzen hat die Bruderschaft 360 aktive ehrenamtliche Mitglieder, von denen 140 ausgebildete Pflegekräfte sind, von denen wiederum 40-50 regelmäßig bereitstehen. Außerdem werden vier hauptamtliche Mitarbeiter beschäftigt.

Die Bruderschaft wirkt im Großraum Mandini, das sich ca. 100 km nördlich von Durban befindet. Die etwa 100.000 Einwohner dieses Gebietes sind zu 90 % Zulu, zu 6 % Mischlinge und zu 4 % weiße Südafrikaner. Außerdem hat diese Region eine der höchsten AIDS-Raten der Welt, Zahlen von bis zu 88 % HIV-Infizierten werden genannt. Die Region um Mandini wird durch große Industrieanlagen geprägt. Die Chance auf entlohnte Arbeit hat viele Schwarze aus dem Buschland angezogen, die dafür das intakte Sozialgefüge ihrer heimatlichen Kraale verlassen haben. Problematisch ist, dass nicht genügend Wohnungen vorhanden und die Löhne so gering sind, dass sie nicht einmal zum Bau einfacher Häuser ausreichen. So sind um iSithebe und Sundumbili ausgedehnte Elendsviertel entstanden.

Ohne Hilfe von Außen gelingt es nur ganz wenigen, dem Teufelskreis der Armut zu entrinnen: Geringe Ausbildung verursacht Arbeitslosigkeit, Arbeitslosigkeit bedingt Hunger, Hunger macht krank, Krankheit schafft Armut, und wer arm ist, kann sich keine Bildung leisten. Die Brotherhood of Blessed Gérard hat sich deswegen zur Aufgabe gemacht, die Fesseln dieses Teufelskreises zu durchbrechen und ein Leben in Menschenwürde zu ermöglichen. Sie sehen in den Armen ihre Brüder und Schwestern, denen sie aus der Armut helfen wollen. Für sie bedeutet Hilfe nicht, den Armen Geld zu geben, sondern die Ursachen dieser Armut zu bekämpfen. Bis zu einer Entfernung von 25 km wird häusliche Pflege angeboten. Es kommen aber auch Menschen von über 100 km Entfernung, um eine menschenwürdige Pflege zu erhalten. Für diese Menschen stehen 30 Betten zur stationären Pflege bereit.

Zur Überwindung des Teufelskreises wird an allen Punkten angesetzt. Die Ausbildung wird durch einen Kindergarten und einen Ausbildungsfonds unterstützt, der Arbeitslosigkeit soll durch ein Entwicklungshilfezentrum, in dem Näherinnen ausgebildet werden, entgegengewirkt werden. Gegen den Hunger wurde ein Hungerhilfeprojekt gestartet, das HI-Virus soll durch AIDS-Aufklärung  und Gesundheitserziehung eingedämmt werden und die Armut durch das Care Centre aufgefangen werden.

Die Tätigkeit der Bruderschaft gliedert sich in mehrere Projekte zur Nothilfe und Hilfe zur Selbsthilfe:

Zu den Nothilfe-Projekten zählen:

Zu den "Hilfe zur Selbsthilfe-Projekten" zählen das Pflege-, Sozial- und Hospiz-Zentrum. Dadurch soll die Versorgungslücke zwischen Krankenhaus und Zuhause überbrückt werden. In den Krankenhäusern sind nicht genügend Plätze für alle Kranken vorhanden. Viele Menschen sind jedoch zu krank, um sich daheim selbst versorgen zu können. Deswegen wurde das Care-Centre-Konzept entwickelt, das auch als "Glückskleekonzept" bezeichnet wird. Es basiert auf vier "Blättern":

Weiterhin werden folgende Leistungen angeboten: Es wird eine Kindertagesstätte unterhalten, um Müttern das Verdienen ihres Lebensunterhalts zu erleichtern. In einem Entwicklungshilfe-Zentrum können arbeitslose Frauen eine Ausbildung zur Näherin erhalten, damit sie für ihre Familien sorgen und unabhängig werden können. In dem Seniorenclub gibt es Angebote, die es alten Menschen ermöglichen, aus ihrer Einsamkeit auszubrechen. Bedürftige Schüler und Studenten, welche die hierzulande hohen Kosten ihrer Ausbildung selbst nicht bestreiten können, können zur Unterstützung auf Ausbildungsstipendien zurückgreifen.

Eines der zentralen Projekte ist sicherlich die AIDS-Vorbeugung. Hierbei handelt es sich um Aufklärung der Öffentlichkeit über AIDS und Schulung von Ausbildern für die AIDS-Vorbeugung. Es werden Firmen, Fabriken etc. besucht, um die Menschen aufzuklären, wie AIDS verbreitet wird und wie man mit AIDS leben kann. Da die AIDS-Behandlung pro Monat 3.300 Rand kostet und ein Fabrikarbeiter nur 250-300 Rand pro Monat verdient, kann den Menschen nur durch vorbeugende Beratung geholfen werden.3

Die Finanzierung der Brotherhood of Blessed Gerard findet ausschließlich über Spenden statt. Der Staat oder die Kirche unterstützen die Arbeit nicht finanziell. Auch von südafrikanischen Firmen kommt nur wenig Unterstützung. Eine Ausnahme bildet das Unternehmen Whirlpool, das sich für die Bruderschaft engagiert.

Spendenkonto in Deutschland: Bruderschaft des Seligen Gerhard e.V.; D-86633 Neuburg; Sparkasse Neuburg-Rain (BLZ 721 520 70); Konto Nr. 12021.

(S. 166-169)


Anmerkungen von Pater Gerhard:

1 Das Ziel der Mission ist seit jeher, die Menschen zum ganzheitlichen Heil zu führen und dies schließt die Befähigung der Menschen mit ein, selbstständig und unabhängig zu werden, aber hat durchaus auch das Endziel, die Menschen dem ganzheitlichen Heilbringer Jesus Christus nahe zu bringen.

2 Karitative Hilfe ist eine der drei Wesenaufgaben der Kirche. Mein Aufgabenschwerpunkt liegt neben der Krankenseelsorge in der Leitung unserer Hilfsorganisation.

3 Inzwischen ist es uns gelungen, ein eigenes Programm zur Hoch-Aktiven Anti-Retroviralen Therapie (HAART) zu initiieren, das inzwischen knapp 150 Patienten regelmäßig betreut.