FÜR DAS BISTUM REGENSBURG

75. Jg. 25./26. November 2006 / Nr. 47



Als die HIV-infizierte Khethiwe eingeliefert wird, sieht es so aus, als würde sie die Nacht nicht überleben. Doch die Kleine bekommt noch eine Chance.


AIDS AUF DEM SCHWARZEN KONTINENT

Ein ganzes Volk stirbt

Diakon Thomas Müller hilft HIV-Infizierten in Südafrika

Zum Weltaidstag am 1. Dezember wird weltweit der Opfer der tödlichen Immunschwächekrankheit gedacht. Würde man die Erdteile nach der Häufigkeit der AIDS-Erkrankungen einfärben, wäre der schwarze Kontinent wirklich schwarz. Der südlichste Teil am dunkelsten: In Südafrika sind 27,9 Prozent der Bevölkerung HIV-positiv. In dem Gebiet um Sundumbili sogar 76 Prozent und iSithebe wurden bei einer Reihenuntersuchung von Fabrikarbeitern sogar 88 Prozent HIV-positiv getestet. Das heißt, dass dort in wenigen Jahren wohl rund 200 000 Menschen an AIDS sterben werden. Das ist fast die gesamte Bevölkerung. Dei Hilfsorganisation "Brotherhood of Blessed Gérard" will dort, wo das Elend besonders groß ist, helfen. Der deutsche Diakon Thomas Müller erzählt von seinem Einsatz als ehrenamtlicher Helfer.


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Viele Patienten sind dem Tod näher als dem Leben. Diakon Thomas Müller möchte Aidskranken in Südafrika ein menschenwürdiges Sterben ermöglichen.

Südafrika stirbt langsam

Ein deutscher Diakon über seinen Kampf gegen AIDS

MANDENI (KNA) - Immer wieder schrecken die Nachrichten auf: "Schwerer Verkehrsunfall - zehn Tote"; "Busunglück - 34 Tote"; "Flugzeugabsturz - 347 Tote"; "Naturkatastrophe - 6500 Tote". "AIDS im Zululand - 15 000 000 Tote!" Die letzte Meldung wird es so wohl nie geben, obwohl es die Wahrheit ist.

Es geschieht nicht innerhalb weniger Stunden und es kann beim besten Willen nicht pressewirksam aufgemacht werden, selbst nicht am Weltaidstag, am 1. Dezember. Das AIDS-Problem ist so groß, dass kein Staatsmann es mal eben wahlkampfwirksam lösen könnte.

Viel Geld und viel Zeit sind nötig, das hat in den reichen Ländern keiner, beides nicht. Und die Zulu haben kein Erdöl und auch sonst nichts, was die USA und Europa unbedingt bräuchten. So werden weiterhin täglich die Toten aus ihren Hütten getragen und meist informell beerdigt, viele Friedhöfe sind schon heute längst überfüllt.

Ich bin in Berlin aufgewachsen, habe als Fernmeldehandwerker gearbeitet, als Maschinenschlosser und Luftfilterbauer. Später habe ich den unwiderstehlichen Ruf Christi in meinem Herzen gespürt und habe als Küster und Hausmeister Theologie und Religionspädagogik nebenberuflich studiert. Mehr als zehn Jahre war ich dann als Ständiger Diakon und Gemeindeberater im Bistum Hildesheim tätig und habe in Oyten bei Bremen gelebt. Nun bin ich zusammen mit meiner Frau für drei Jahre als Volunteer im Herzen des AIDS-Todes. Vor gut zehn Jahren begannen hier fünf Menschen, etwas gegen das unbeschreibliche Elend zu tun. Sie hatten kein Geld, aber ein großes Herz und unendliches Gottvertrauen.

So wuchs in rasantem Tempo ein beispielhaftes Projekt: die Brotherhood of Blessed Gérard. Vor zehn Jahren, kurz nach der Gründung, wurde in Mandeni, 100 Kilometer nördlich von Durban, ein Zentrum gebaut, das inzwischen zwei Mal erweitert wurde. Immer wieder ließen sich Menschen dafür gewinnen. So ist die rein aus Spendengeldern finanzierte Brotherhood of Blessed Gérard heute Schrittmacher in der AIDS-Bekämpfung mit dem größten Hospiz des Landes. Es umfasst  40 Plätze in klimatisierten Krankenzimmern, einem Kinderheim mit weiteren 40 Plätzen und vielen ambulanten Projekten. Immer wieder kommen staatliche und private Einrichtungen, um sich Rat in der Umsetzung antiretroviraler AIDS-Behandlung zu holen.

Meine Frau und ich helfen hier, wo immer eine helfende Hand von Nöten ist. Langeweile kennen wir nicht. Fast täglich ist einer von uns zusammen mit einer Krankenschwester mit dem Krankenwagen draußen im Township oder im Busch. Wir holen Patienten aus ihren Behausungen. Mitunter aus gepflegten Zuluhütten, rund und mit Stroh gedeckt, manchmal aus Township-Billigbauten, rechteckig und total voll gestellt mit „Sperrmüllmöbeln“ und immer wieder auch aus Elendsvierteln. Viele sind dem Tode näher als dem Leben, und die meisten von ihnen sterben in den folgenden Tagen. Ihnen können und wollen wir ein menschenwürdiges Sterben ermöglichen - gewaschen und gepflegt, in sauberer Kleidung in einem frisch bezogenen Bett und in Begleitung eines Helfers oder einer Helferin.

Erstaunlich oft erholen sich unsere Patienten, wenn sie ausreichend mit Flüssigkeit versorgt, gut gepflegt und ernährt werden. Dann ist es möglich sie auf HAART (Hoch-Aktive-Anti-Retrovirale-Therapie) vorzubereiten. Dazu muss erst einmal die fast immer begleitende Tuberkulose behandelt werden. Gelingt dies, so können diese Patienten noch viele Jahre bei hoher Lebensqualität weiterleben.

Die Brotherhood of Blessed Gérard wird das AIDS-Problem Südafrikas nicht lösen, aber hier wird beispielhaft gezeigt wie es gehen kann. Hier stirbt ein ganzes Volk. Und hier, wo ich sterbende Säuglinge auf dem Arm halte, wo täglich junge Menschen an AIDS sterben, da stirbt das Volk nicht nur in meinen Händen, sondern auch in meinem Herzen.

Thomas Müller

Der Autor ist Ständiger Diakon der Diözese Hildesheim und lebt seit 2005 in Mandeni an der Ostküste Südafrikas.


KATHOLISCHE SonntagsZeitung ·  24./26. November 2006 / Nr. 47 · Titelseite und Seite 12


Diese Seite ist Teil der Medienschau der Brotherhood of Blessed Gérard



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Letzte Aktualisierung dieser Seite am 08-10-2009 15:56:21