FÜR DAS BISTUM REGENSBURG

5./6. April 2008 / Nr. 14 · Seite V


"Mutter" von 39 Kindern

Susanne Stauffer aus Ebnath hilft AIDS-Waisen in Südafrika


Im südafrikanischen Kinderheim von Mandeni betreut die aus Ebnath stammende Susanne Stauffer als Leiterin derzeit 39 Kinder.

Foto: Tautz

Wer weiß, was die 28-jährige Ebnatherin heute machen würde, wenn sie vor gut fünf Jahren im damaligen Regensburger Bistumsblatt - der heutigen Katholischen SonntagsZeitung für das Bistum Regensburg - diesen einen Artikel nicht gelesen hätte. Unter dem Titel: "Zum Sterben bringen sie die Kinder mit", berichtete er von einem Sterbehospiz in Südafrika, das von der "Brotherhood of Blessed Gérard" im Zulu-Land in Südafrika betrieben wird. Wahrscheinlich würde sie heute nach dem Studium der Musik und Tanzpädagogik am Mozarteum in Salzburg irgendwo im deutschsprachigen Raum im Musikbereich arbeiten.

Tatsächlich hört sie heute im Zulu-Land jeden Morgen um 6 Uhr den Lärm von 39 Kindern vor ihrer Tür. Abends gegen 20 Uhr, wenn alle Kinder im Bett sind, steht die Finanzverwaltung der vielfältigen Hilfsorganisation in Südafrika mit etwa 40 Festangestellten und Hunderten Ehrenamtlichen auf dem Programm. Wenn jemand vor sechs Jahren Susanne Stauffer einen solchen Alltag vorausgesagt hätte, dann hätte sie ihm auf gut Oberpfälzisch wohl erklärt, dass er „spinnt".

Angefangen hat das alles mit dem Entschluss, nach dem Abschluss des Studiums ein Jahr lang etwas ganz anderes zu machen, ein Jahr dorthin zu gehen, wo „die Mütter zum Sterben die Kinder mitbringen".

Mandeni gilt selbst im schwer betroffenen Südafrika als eine absolute Hochburg von AIDS. Im Hospiz werden seit 1996 AIDS-Kranke jeden Alters unentgeltlich bis zum Tod gepflegt. Aus den Slums stammende Menschen, die bis dahin oft nur wenig Zuwendung und Liebe erfahren haben, sollen die Erfahrung machen: „Aus liebenden Händen von Menschen gehen wir in die liebenden Hände Gottes".

Immer wieder brachten todkranke Mütter ihre Kinder zum Sterben mit ins Hospiz, weil sich niemand um sie kümmern konnte. Es ist eine traurige Tatsache, dass die Väter sich oft nicht darum kümmern. Wenn Großeltern da sind, haben sie manchmal bis zu zehn Enkel ihrer bereits verstorbenen Kinder zu versorgen und kommen an ihre Grenzen. Welchen Händen sollten solche Mütter im Angesicht des Todes in ihrer Verzweiflung ihre meist noch sehr kleinen Kinder anvertrauen?

Missionsbenediktiner Pater Gerhard Lagleder hat daher zusammen mit zahlreichen Südafrikanern nicht nur ein Hospiz gegründet, sondern daneben auch ein Kinderheim. Lagleder kommt aus der Oberpfalz, hat 1976 in Weiden Abitur gemacht, in Regensburg Theologie studiert und in Weiden sowie in Schwandorf und Deggendorf den Malteser Hilfsdienst aufgebaut. 1982 wurde er in Regensburg zum Priester geweiht und ist dann bei den Missionsbenediktinern eingetreten.

Rettender Anker

Zu Pater Gerhard und seiner Arbeit im sozialen Brennpunkt des Zulu-Landes ist Susanne Stauffer nach ihrem Studium vor gut drei Jahren gekommen. Im Care-Zentrum hat sie die ganze Bandbreite der Arbeit vom Hospiz über das Kinderheim, die AIDS-Prävention, die Sozialarbeit, die medizinische Versorgung und auch die Seelsorge kennengelernt. 300 Patienten sind zum Beispiel in einem sogenannten „Hoch-Aktiven Anti-Retroviralen Therapie (HAART) Programm". Diese Medikamente können AIDS zwar nicht heilen, aber das Leben (auch) von Eltern um Jahrzehnte verlängern.

Wenn das nicht gelingt, ist "Susi" - wie alle Kinder sie liebevoll nennen - zusammen mit ihren neun festangestellten und zusätzlichen ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen im drei Schicht-Betrieb der rettende Anker. "Unter unseren Kindern sind Aids-Waisen, aber auch Kinder, die von den Eltern misshandelt oder vernachlässigt worden sind. Andere sind als Babys anonym ausgesetzt worden", beschreibt Susanne Stauffer die schwere Hypothek "ihrer" Kinder zu Beginn des Lebens. Derzeit leben 39 Kinder im Alter zwischen fünf Monaten und 15 Jahren im Heim, darunter auch einige Behinderte.

Aus dem geplanten einen Jahr in Südafrika ist für Susanne Stauffer zunächst ein zweites geworden. Am 6. April 2006 wurde dann die Leiterin des Kinderheims, Clare Kalkwarf, brutal in ihrem Haus von Einbrechern ermordet. Sie war zudem Managerin der gesamten Bruderschaft. Seitdem ist Susanne Stauffer die Leiterin des Kinderheims. Im Lauf der Zeit hat sie sich auch in die Finanzverwaltung der Organisation eingearbeitet, für die sie inzwischen verantwortlich ist.

Ins Herz geschlossen

Auf die Frage, wie lange sie noch bleiben wird, gibt Susanne Stauffer ohne Zögern die Antwort: „Ich kann doch meine 39 Kinder nicht alleine lassen. Ich liebe sie alle und ich glaube sie mögen mich auch." Dass die ihre Susi ins Herz geschlossen haben, kann man bei einem Besuch täglich erleben. Ob sie mit den Kleinsten spielt oder spricht, den größeren Kindern vorliest oder mit den Schulkindern Hausaufgaben macht: Immer ist sie trotz vieler anderer Aufgaben ganz bei der Sache. Bei 39 Kindern auf engstem Raum geht es natürlich nicht ohne Strenge.

Mit der Enge soll es bald ein Ende haben. Derzeit werden für die zehn ältesten Kinder Räume für eine Wohngruppe gebaut. „In kleinen Zweibettzimmern haben sie dann mehr Privatsphäre und müssen für sich selbst kochen, waschen oder einkaufen. Das ist eine notwendige Vorbereitung für das selbständige Leben als Erwachsene", freut sich Susanne Stauffer auf die neuen Chancen. Auch die Babys, die zur Zeit noch zu acht in einem Zimmer sind, können dann besser verteilt werden. Ein größerer Speiseraum, ein Studiersaal und ein größerer Aufenthaltsraum sind ebenso in Bau.

Mit Blick in die Zukunft liegt auf dem ersten Stock des Erweiterungsbaus keine Holzdecke, sondern solider Beton. Es stehen auch schon die nackten Außenwände für einen zweiten Stock und eine künftige Erweiterung um 24 Betten. „Die Kinder werden älter und brauchen mehr Platz. Wenn morgen ein Baby ausgesetzt wird, wollen wir es nicht zurückweisen. Wenn eine Mutter bei uns stirbt, soll sie wenigstens ihr Kind in guten Händen wissen", begründet Susanne Stauffer die zukünftige Erweiterung. "Wann wir diese Räume ausbauen können, hängt allerdings von Spenden ab", wirbt sie für Unterstützung aus der Oberpfälzer Heimat.

Gregor Tautz

Wer mehr über die Arbeit des Kinderheimes in Mandeni wissen oder Spenden überweisen will, kann sich im Internet informieren unter www.bbg.org.za.


KATHOLISCHE SonntagsZeitung ·  5./6. April 2008 / Nr. 14 · Seite V


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