Süddeutsche Zeitung · 5. April 2006 · Seite 38


Aids, Leid und Machtlosigkeit

FERNGESPRÄCH

Pater Gerhard Tonque
zur Zeit Mandini, Südafrika

Vor 16 Jahren kam Pater Gerhard Tonque als Pfarrer nach Mandini in Südafrika. Nach Meinung internationaler Experten ist diese Region mittlerweile die am schlimmsten von Aids betroffene Gegend der Welt. Täglich bis zu 16 Stunden steht der Missionsbenediktiner des Klosters St. Ottilien aidskranken Menschen bei.

SZ: Wie können Sie überhaupt noch on Gott glauben - bei all dem Elend, das Sie täglich sehen?

Pater Gerhard: Indem ich den Kreuzweg betrachte. Dann sehe ich Gott, wie er selbst leidet. Auch wenn das jetzt vielleicht pathetisch klingt, es ist unsere Aufgabe, dem leidenden Christus das Kreuz tragen zu helfen. Und Christus begegnen wir in den kranken Menschen.

SZ: Warum gibt es in Südafrika so viele HlV-Infizierte?

Pater Gerhard: Die Armut ist himmelschreiend. In einigen Gebieten sehen die Frauen keine andere Möglichkeit, als ihren Körper feilzubieten.

SZ: Sind die aidskranken Kinder alle von ihren Müttern infiziert worden?

Pater Gerhard: Großteils ja - entweder bereits während des Geburtsvorgangs oder durch die Muttermilch beim Stillen. Es gibt allerdings auch Fälle, in denen Kinder sexuell missbraucht wurden. Hier kursiert ein ganz schlimmes Ammenmärchen. Es heißt, man könne sich von HIV reinigen, wenn man mit einer Jungfrau Geschlechtsverkehr hat. Ich habe ein neun Monate altes Mädchen in den Händen gehalten, das vom eigenen Vater vergewaltigt worden ist.

SZ: Was haben Sie in diesem Augenblick empfunden?

Pater Gerhard: Wut. Ein Gefühl der Machtlosigkeit.

SZ: Es gibt doch wirksame Medikamente, die den Ausbruch von Aids viele Jahre lang verhindern können.

Pater Gerhard: Die Mittel sind nicht das Problem, die kann man auch hier in der Apotheke kaufen. Aber oft fehlt das Geld. Wir brauchen dringend Spender.

SZ: Als Sie vor sechzehn Jahren nach Mandini gingen, wussten Sie da, was auf Sie zukommt?

Pater Gerhard: Nein überhaupt nicht. 1992 gab es in Südafrika nur wenige Aidsfälle. Mittlerweile sterben 99 Prozent unserer Patienten daran. Das Hospiz hat 40 Betten, das Kinderheim ebenfalls 40 - und die sind gerammelt voll. Manchmal haben wir bis zu fünf Todesfälle am Tag.

SZ: Welche Botschaft haben Sie für uns, die hier in Bayern leben?

Pater Gerhard: Dankt dem lieben Gott auf Knien. Dankt ihm auch durch praktische Hilfe. Man erreicht uns per E-Mail unter infobbg.org.za.

SZ: Wenn Sie nach Bayern zurückkommen, auf was freuen Sie sich am meisten?

Pater Gerhard: Ich komme nach Bayern nur noch zu Besuch. Meine Heimat ist jetzt hier. Das hier ist meine Lebensaufgabe, das ist meine Berufung.

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Interview: Dietrich Mittler


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