Notizen aus der "Aids-Hauptstadt"

Regensburger Pater kämpft seit zwölf Jahren gegen HIV

Regensburg - Gerhard Lagleder hat die Szene noch vor Augen, als das schwer verletzte Baby in sein Hospiz gebracht wurde. "Ich habe es selber in den Händen gehabt", sagt der bayerische Missionar fassungslos. Wenige Tage später starb das Mädchen an den Folgen einer Vergewaltigung. Es wurde nur neun Monate alt.Seit 1987 lebt Pater Gerhard in Südafrika. Der Regensburger ist heute in der Provinz KwaZulu-Natal zuhause, in Mandeni, 100 Kilometer nördlich der Hafenstadt Durban. Mandeni hat es als "Aids-Hauptstadt" zu trauriger Berühmtheit gebracht. Im Januar wurden dort bei 76 Prozent aller Aids-Tests Viren gefunden. Das ist die höchste Aidsrate auf der Welt.


Pater Gerhard Lagleder

Vor zwölf Jahren hat der Benediktiner, der zur Erzabtei Sankt Ottilien gehört, ein eigenes Hilfswerk gegründet. Mit mehr als 1.500 Mitgliedern ist die "Brotherhood of Blessed Gérard" heute die größte katholische Hilfsorganisation in Südafrika, die sich ganz dem Kampf gegen die Immunschwäche verschrieben hat. Die grassierende Armut nennt Pater Gerhard als Hauptgrund für die weiter steigende Zahl der HIV-Infektionen. Dazu kommen kulturelle Umstände. Die Frau gilt als Besitztum des Mannes. Der Brautpreis beträgt elf Stück Vieh. "Das können sich die wenigsten leisten, gern haben sie sich trotzdem", erzählt der 49-jährige Ordensmann. Manche Frauen haben Kinder von sieben verschiedenen Männern.

Kaum beizukommen ist den Wanderlegenden: Der weiße Mann habe HIV ins Land gebracht, um die Schwarzafrikaner zu dezimieren, er bringe dafür sogar "infizierte Kondome" in Umlauf. Solche Geschichten machen die Runde. Und dass man sich durch den Verkehr mit einer Jungfrau die Seuche wieder vom Hals schaffen könne. "Deswegen werden immer jüngere Mädchen vergewaltigt, sogar neun Monate alte Babys", berichtet der Missionar. Lange Zeit hat der Staat nur auf Präservative gesetzt, um Aids einzudämmen. Mit mäßigem Erfolg, sagt Lagleder. Viele Kinder seien der größte Stolz eines Zulus. Außerdem raubten die Gummis den Spaß. "Ein Bonbon esse ich auch nicht mit Papier", gibt der Benediktiner die Haltung der Männer wieder. Was Lagleder hoffnungsvoll stimmt: Er beobachtet, wie die Mauer des Schweigens um "die Krankheit" langsam bröckelt. Im Sommer gestand Innenminister Mangosuthu Buthelezi bei der Beerdigung eines seiner Kinder noch am offenen Grab, dass es an Aids gestorben sei. "Das war ein Paukenschlag."

Seit wenigen Monaten hat die Bruderschaft eine Pionierrolle in der südafrikanischen Aids-Hilfe inne. Noch vor der Regierung startete sie, mit Geld aus den USA, ein Programm zur Gratisbehandlung von Aidskranken mit antiretroviralen Medikamenten (ARVs). Vor zwei Jahren kostete die Therapie, die in den reichen Ländern längst Standard ist, einen südafrikanischen Fabrikarbeiter noch vier Monatslöhne, war also unerschwinglich. Heilen lässt sich Aids mit den ARVs nicht. Doch sie schenken den Patienten bis zu 20 Jahre "bei guter Lebensqualität", erklärt der Benediktiner.

Christoph Renzikowski/KNA


Süddeutsche Zeitung Nr. 278, Dienstag, den 30. November 2004, Seite 45


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Diese Seite wurde am 7.12.2004 erstellt. Letzte Aktualisierung am 08-10-2009 15:57:10