Kondome allein lösen Aidsproblematik nicht

Die Erlaubnis der Kirche, ein Kondom zu verwenden, ist nicht entscheidend im Kampf gegen Aids.
Das sagte der Missionsbenediktiner Gerhard Lagleder anlässlich des Welt-Aids-Tag gegenüber dem Münchner Kirchenradio.
Vielmehr ginge es darum, die Menschen zu verantwortungsvollem Handeln aufzurufen.

Lagleder engagiert sich seit 1994 im südafrikanischen Mandeni im Kampf gegen HIV.
Für Präventionsmaßnahmen sei es bereits zu spät.
Nur jeder Vierte sei hier überhaupt noch HIV-negativ.
Das Ziel des Paters aus St. Ottilien ist daher die Aidsbehandlung, da diese die Lebensqualität der Betroffenen verbessern kann.
Das größte Problem in Südafrika sei nach wie vor die Angst vor einer Stigmatisierung im Falle einer Infektion mit der Immunschwächekrankheit.
Auch deshalb würden sich viele der Zulu nicht testen lassen, so Lagleder weiter.
Anlässlich des Welt-Aids-Tages findet in Mandeni ein „Fest des Lebens“ statt.
Eingeladen sind alle Patienten, die mit Tanz und Musik ihr Leben feiern.

Die Zahl der Neuinfektionen geht weltweit zwar seit 2001 beständig zurück, dennoch sterben allein in Südafrika täglich 1.000 Menschen an Aids.
17% der weltweit ca. 33 Millionen Infizierten leben hier. (lb)

Ein Telefon-Interview von Linda Burkhard mit Pater Gerhard Lagleder OSB.
Geführt am 30. November 2010, gesendet am 1. Dezember 2010.



In dem neuen Interviewbuch räumt der Papst ja ein, dass in berechtigten Einzelfällen die Nutzung eines Kondoms vertretbar ist. Wie sieht das denn bei Ihnen in der Praxis in Südafrika aus?

Ich kann natürlich nur für die Zulu sprechen. Das ist das Südafrikanische Volk, das ich näher kenne, mit denen ich seit vielen Jahren arbeite. Und der Zulu ist ein Mensch, der ein Kondom überhaupt nicht will. Das heißt, es ist nicht die Frage, dass er kein Kondom verwendet, weil der Heilige Vater dies sagt, sondern er verwendet kein Kondom, weil er ja viele Kinder haben will, weil er im Kindersegen a) seine Manneskraft bestätigt sieht, aber auch eine Alterssicherung sieht, und deshalb, selbst wenn der Heilige Vater käme und ihn bitten würde: „Bitte, verwende ein Kondom, zum Beispiel wenn Du verheiratet bist, damit Du dein Virus nicht an Deine Ehefrau weitergibst, oder umgekehrt“, dann würde der Zulu zu ihm sagen: „Jetzt lass mir endlich meine Ruhe! Das geht Dich nichts an! Denn ich will ja Kinder haben, ich will ja meine Manneskraft beweisen.“ Also, bei uns ist die Frage nicht jetzt, ob die Kirche erlaubt, ein Kondom zu verwenden oder die Kirche nicht erlaubt, ein Kondom zu verwenden. Sondern es fällt uns auch in unserer ganzen AIDS Aufklärungsarbeit unendlich schwer, den Leuten Verantwortlichkeit für die eigene Sexualität beizubringen, und gerade beim Kondom stößt man hier an völlig taube Ohren weil es auf große Widerstände in der Mentalität der Menschen stößt.

Jetzt haben Sie ja bereits gesagt, dass Kondome oft abgelehnt werden. Was sind denn so die Alternativen? Was propagieren Sie dann in Ihrer Arbeit?

Ich meine, unser großes Problem ist, dass es mit der Vorbeugung fast schon zu spät ist, d.h. wir leben in einem Gebiet, in dem etwa zwei Drittel der Bevölkerung HIV-positiv sind, und in den dem Bereich wo wir arbeiten sind sogar 76 % der Bevölkerung HIV-positiv. Da ist es für die meisten mit der Vorbeugung bereits zu spät. Wir konzentrieren uns ganz intensiv auf die AIDS Behandlung. Und die AIDS-Behandlung ist ja dann auch umgekehrt wieder eine AIDS-Vorbeugung, denn wenn die Virenladung durch eine ordentliche AIDS-Behandlung heruntergesetzt ist, ist die Ansteckungsgefahr wesentlich geringer. Und natürlich, wir bringen den Leuten in unserer AIDS Aufklärung auch bei, dass sie verantwortlich sein müssen und sich so verhalten müssen, dass sie den Virus nicht weiter leiten. Also unser großes Problem ist die AIDS Behandlung. Und durch diese AIDS Behandlung erreichen wir dass sehr viele Menschen, die sonst gestorben wären, dass die eben noch 10, 15, 20, vielleicht sogar 25 Jahre weiterleben können, aber dies bei guter Gesundheit. Es geht also nicht darum, dass man irgendein Siechtum ewig lang verlängert, sondern es geht darum, dass es den Leuten wirklich gut geht, dass sich die gesund fühlen, und im Grunde auch gesund sind, dass die zwar immer noch Keimträger sind, aber dass sie gesund sind, dass sie wieder arbeiten können, dass sie ihre Kinder groß ziehen können, dass sie für sich selber und für ihre Kinder sorgen können und genau dies ist es, was wir durch die AIDS Behandlung erreichen.

Jetzt haben sie ja schon von dieser unglaublichen Quote von 76 % Infizierter gesprochen. Welche Probleme ergeben sich dann vor Ort durch diese große Ausbreitung des HI-Virus?

Ich meine, das größte Problem, das wir haben, ist eigentlich ein unerwartetes Problem. Und dies unerwartete Problem ist was wir hier Stigma nennen, das heißt dass die Leute immer noch scheu sind, offen zuzugeben, dass sie HIV-positiv sind und dass sie dann lieber nicht zur Untersuchung gehen, lieber keinen HIV-Test machen, um ja nicht rauszufinden, dass sie HIV-positiv sind. Und wenn die dann anderen sagen würden, dass sie HIV-positiv sind, dass sie dann schief angeschaut oder vielleicht sogar aus ihrer Familie, von ihrem Freundeskreis ausgestoßen oder – sagen wir’s ganz offen – von ihrem Geschlechtspartner gemieden werden. Und deshalb ist es die größte Schwierigkeit bei uns eigentlich die Hilfe, die auf er Hand liegt, die Hilfe, die zur Verfügung steht, durch die antiretrovirale Behandlung, an den Mann zu bringen und so machen wir auch große Werbekampagnen, um die Leute dazu zu überreden, das sie einen HIV-Test durchführen lassen, und wenn sie eben dann HIV-positiv sind, dass man Ihnen frühzeitig helfen kann, und dass sie nicht erst sterbenskrank werden müssen, sondern dass man ihnen vorzeitig hilft, dass sie eben dann, wie ich schon vorher sagte, bei guter Gesundheit noch sehr lange weiterleben können.

Jetzt ist ja heute der Welt-Aids-Tag. Gibt es da bei Ihnen besondere Aktionen in Südafrika?

Ja, was wir seit einigen Jahren machen, jetzt zum vierten Mal, ist, dass wir am Welt-Aids-Tag all unsere AIDS Kranken, und das sind inzwischen Hunderte, die bei uns in Behandlung sind, dass wir die zu einem „Fest des Lebens“ einladen. Also all die Patienten, die bei uns in der Antiretroviralen Therapie sind, sind eingeladen. Und da wird dann gesungen, und wird getanzt, und freuen sich die Leute ihres Lebens. Und dies sind dann so Momente, wo einem eigentlich die Tränen kommen können, weil man eigentlich weiß, wenn die Leute bei uns nicht in der Behandlung wären, wären die alle auf dem Friedhof, aber weil ihnen geholfen wird, können sie diese Lebensfreude haben, können singen, tanzen und können sich das Essen schmecken lassen und so freut man sich am Leben, dankt dem lieben Gott und dankt einander und dankt auch den Menschen, die uns helfen, dass wir diese Behandlung überhaupt durchführen können, all unseren Spendern. Und auf diese Art und Weise wird das Leben gefeiert als Dank an Gott und als Dank an die Leute, die uns helfen, diese Behandlung durchzuführen.


In der Sendung erwähnt: World AIDS Day


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Letzte Aktualisierung am 24-09-2013 20:11:33