Radio Horeb
Montag, 7. August 2008

Ulrich Schwab interviewt Pater Gerhard Lagleder OSB

 


In Mexiko-Stadt tagt seit Anfang der Woche die Welt-AIDS-Konferenz. Rund 20.000 Teilnehmer aus der ganzen Welt diskutieren dabei über neue Wege im Kampf gegen die Krankheit. Vor allem Möglichkeiten der HIV-Prävention stehen dabei im Mittelpunkt. Und von diesen Möglichkeiten gibt es noch immer nicht allzu viele. Impfstudien sind zuletzt ohne Ergebnis abgebrochen worden und so bezweifeln viele Mediziner, ob es jemals einen Impfstoff gegen AIDS geben werde. Allein im letzen Jahr haben sich 2,7 Millionen Menschen neu mit dem Krankheitserreger infiziert, etwas zwei Drittel von ihnen in Afrika. Vor allem südlich der Sahara ist AIDS inzwischen die häufigste Todesursache. Das gilt auch für Südafrika. Dort, im Zululand, hat der Missionsbenediktiner Pater Gerhard Lagleder vor zwölf Jahren ein Hospiz für AIDS-Kranke eingerichtet. Mit seinen Mitarbeitern sorgt er sich seitdem um Prävention und Aufklärung vor den Gefahren einer Infektion. Über den Kampf gegen AIDS in Südafrika hat sich Ulrich Schwab mit dem Benediktinerpater unterhalten.

Ulrich Schwab:
"Pater Gerhard, wo sehen Sie die größten Hoffnungen für Präventionsmöglichkeiten?"

Pater Gerhard:
"Ich denke, wenn wir nicht endlich lernen, dass AIDS-Prävention keine ausschließliche Frage der Gummi-Industrie ist, dann wird die Menschheit weiterhin an der AIDS Pandemie im rasanten Tempo zugrunde gehen.
Ich denke, dass allzu viele Leute nichts anderes tun als Kondome zu verteilen und damit erwecken sie den Eindruck "Du kannst rumschlafen so viel Du willst. Solange Du ein Kondom verwendest, kann Dir nichts passieren."
Aber der Mensch wird damit degradiert zu einer unkontrollierbaren Sex-Maschine. Und es wäre wichtig, dass wir endlich einmal intensive Aufklärung betreiben.
Und warum dies bei uns so wichtig ist:
Es gibt bei uns ein ganz schlimmes Ammenmärchen in Afrika, und dieses Ammenmärchen ist, dass ein AIDS-Kranker den HI-Virus los wird, wenn er Geschlechtsverkehr mit einer Jungfrau hat.
Statistisch gesehen wird jede Südafrikanerin zweimal in ihrem Leben vergewaltigt.
Wir müssen also die Menschen dazu erziehen, dass sie Verantwortung übernehmen, dass ihr Tun Konsequenzen hat, auch ihre Sexualität!
Ich glaube, wir müssen den Menschen ein Werte-System zurückgeben, so dass sie Sexualität als ein wunderbares Geschenk Gottes verstehen und zum Ausdruck ihrer wahren Liebe und nicht nur so als Ventil der egoistischen Trieb-Befriedigung."

Ulrich Schwab:
"Pater Gerhard, diesen Verhalt, den Sie schildern oder diesen Aberglauben dass man den Virus wieder loswerden kann durch neuen Sex, das zeigt auch dass die Aufklärung noch große Fortschritte machen muss. Wie kommt denn die Aufklärungsarbeit generell in Südafrika voran?"

Pater Gerhard:
"Ich denke, es kommt gerade darauf an, wer sie macht und mit welchem Hintergrund er diese Aufklärung macht.
Ob es dem Menschen wirklich darum geht, dass er den Leuten Verantwortung beibringt oder ob es ihm nur momentan darum geht, den schlimmsten Schaden einzudämmen und ich hab so ein bisschen den Eindruck, dass viele der Stellen, nicht nur Regierungsstellen, sondern auch private Stellen einfach gar nichts anderes im Sinn haben als den Schaden momentan zu kontrollieren und das heißt das einzige was dann getan wird ist dass man eben Container (=Behälter) aufstellt mit Kondomen und da kann sich jeder bedienen und damit erweckt man dann so den Eindruck "Es kann ja ohnehin nichts passieren solange du ein Kondom verwendest."
Aber man spricht den Menschen damit ihre Würde ab, als ob der Mensch bloß ein Mensch wäre der vom Trieb gesteuert ist und selber keine Entscheidung mehr hat.
Drum denke ich, dass Willensbildung sehr wichtig ist, eine Werte-Erziehung, eine Erziehung zur Verantwortlichkeit und Aufklärung.
Ich glaube, dass dies die einzig wirklich langfristig wirksamen Mittel zur AIDS-Prävention sind."

Ulrich Schwab:
"In Berichten über die Situation bei den AIDS-Kranken in Afrika ist zu lesen, dass die Krankheit vielfach auch tabuisiert wird. Spricht man in Südafrika in ihrer Region, darf man da über die Krankheit und über ihre Gefahren sprechen?"

Pater Gerhard:
"Das ist ein ganz heikles Thema. Ich denke, dass sich die Sache etwas entflicht jetzt und dass die Menschen ein bisschen offener reden drüber weil eben es kaum einen Menschen gibt, der nicht entweder selber betroffen ist oder der in seinem nächsten Bekanntenkreis oder Freundeskreis Leute hat, die von HIV und AIDS betroffen sind und somit kann man's einfach nicht mehr vermeiden - aber selbst dann wenn es ist dann wird immer noch hinten herum um den heißen Brei herumgeredet und keiner wird es offen zugeben. Und das ist auch ein Riesenproblem, dass die Leute dann auch nicht zum HIV-Test kommen weil sie Angst haben, dass wenn sie in der Schlange anstehen vor irgendeiner Klinik um zum HIV-Test zu gehen, dass sie dann einer fragt "Ja sag einmal was führst du denn für ein Leben? Und dies ist ein ganz großes Problem. Also, da müssten die Leute noch viel ungezwungener werden, dass sich hoffentlich doch mal jeder Mensch testen lässt ob er wirklich HIV-negativ ist und somit keine Behandlung braucht."

Ulrich Schwab:
"Das deutet auch darauf hin, dass so wie mit der Krankheit so tabuisierend umgegangen wird werden die AIDS-Kranken wahrscheinlich auch eher an den Rand der Gesellschaft gedrängt."

Pater Gerhard:
"Da haben Sie recht.
Schauen sie, wenn zu uns Leute ins Hospiz reinkommen, die werden von der Familie gebracht und viele dieser Patienten bekommen nie einen Besuch. Wir sagen den Leuten bei der Aufnahme: Bitte, es ist ganz wichtig für Deinen Verwandten, dass er häufig Besuche bekommt. Aber kein Mensch kommt weil jeder Angst hat vor der ganzen Geschichte. Man will mit dem Kranken keinen Kontakt haben. Auch hat man Angst, dass die Krankheit durch böse Geister hervorgerufen ist und wenn man dann Kontakt mit dem Kranken hat könnte dieser Zauber der bösen Geister auf einen selber übergehen. Und dies ist das große Problem. Man arbeitet also hier noch mit Leuten, die häufig sehr archaische Vorstellungen haben und da muss eben, wie ich es vorher sagte, unendlich viel an Aufklärungsarbeit getan werden."

Ulrich Schwab:
"Pater Gerhard, welche Bevölkerungsgruppe ist denn am stärksten von der Krankheit betroffen?"

Pater Gerhard:
"Es sind eigentlich alle Bevölkerungsgruppen. Da kann man im Grunde niemanden ausschließen. Ich habe immer gemeint, so wie viele andere auch, dass AIDS eine Krankheit der Schwarzen sei. Aber das stimmt nicht. Auch in der Chicy-Micki-Society von Durban sind es eben die Weißen, bei denen die HIV Rate erschreckend hoch ist, wo eben dann sexuelle Freizügigkeit so ein Gesellschaftsspiel ist und es sind im Grunde alle Bevölkerungsschichten betroffen.
Ein ganz großes Problem haben wir mit den armen Leuten, und es gibt nicht nur Arme bei den Schwarzen. Es gibt auch Arme unter den Mischlingen. Es gibt auch selbst Arme unter den Weißen weil sehr viele dieser jungen Leute dann einfach oft keine andere Verdienstmöglichkeit sehen als ihren Köper feil zu bieten und sie sagen Ja , lieber kann ich dann noch zwei drei Jahre leben und brauche nicht zu verhungern als dass ich HIV-negativ bin und verhungere."

Ulrich Schwab:
"Pater Gerhard, wie stark breitet sich denn die Epidemie in Südafrika heute noch aus? Es ist ja seit langen diese Gefahr bekannt. Steigt jetzt diese Gefahr der Neuinfektionen trotzdem noch weiter?"

Pater Gerhard:
"Leider! Und es ist ganz ganz schlimm, weil eben die AIDS-Prävention einfach nicht greift, weil sie einfach falsch angefasst wurde.
Und aus diesem Grunde ist es leider immer noch im Steigen begriffen. Ich kann es in Prozentzahlen jetzt nicht mir aus dem Finger saugen, aber es ist leider immer noch rasant im Steigen begriffen und das ist eine sehr bedrohliche Situation vor der wir stehen und dies ist aber auch eine große Herausforderung, dass wir unsere AIDS-Prävention einfach noch verstärken müssen und - wie ich vorher sagte - es ist halt so wahnsinnig wichtig, dass man die Leute zur vor- und außerehelichen Enthaltsamkeit erzieht, zur ehelichen Treue erzieht. Und ich sage den Leuten immer: Schau, wenn ein Einbrecher Handschuhe trägt, wenn er das Fenster einschlägt, damit er sich dabei nicht verletzt, wenn er das Fenster einschlägt, dann ist dies eine gute Prävention. Aber eine bessere Prävention ist es nicht vor dem Schaufenster einen Behälter mit Handschuhen aufzustellen, sondern den Menschen zu erziehen, dass er schon einmal gar nicht das Fenster einschlägt.
Und ich glaube da muss unsere Erziehung hingehen, dass die Menschen Verantwortung lernen, dass die Menschen ihren eigenen Willen bilden können und dass der Mensch nicht einfach degradiert wird zu einem Tier das seine Triebe nicht kontrollieren könnte."

Ulrich Schwab:
"Welche Hilfe bietet denn das Gesundheitssystem in Südafrika heute für Neuinfizierte? Sicherlich gab es jahrelang in vielen afrikanischen Ländern kaum Behandlungsmöglichkeiten für AIDS-infizierte. Wie ist das heute?"

Pater Gerhard:
"Ja, Gott sei Dank hat sich was die AIDS-Behandlung betrifft unendlich viel getan. Ich meine, jeder weiß dass man AIDS nicht heilen kann, aber man kann mit antiretroviralen Medikamenten den Verlauf der Krankheit nicht nur stoppen, sondern eigentlich zurückdrehen, insofern als dass der Patient, der regelmäßig seine Medikation einnimmt, sich wirklich wohlfühlt, die Virenbelastung auf minimale Werte zurückgeht und die CD4-Helferzellen, die vom Virus zerstört werden, wieder wachsen und damit das Immunsystem wieder in Gang kommt und damit geht es dem Patienten wieder gut und so kann der Mensch dann noch zehn-fünfzehn-zwanzig, vielleicht sogar 25 Jahre länger leben, der sonst innerhalb dieses oder des nächsten Jahre sterben würde, wenn er mal soweit ist, dass er die Medizin braucht.
Gottlob wird dies jetzt allgemein angeboten von den verschiedenen Regierungskrankenhäusern, aber ich bin auch sehr stolz zu sagen, dass in Südafrika das größte Nicht-Regierungs-Programm an antiretroviraler Behandlung durchgeführt wird, das es auf der ganzen Welt gibt, wo über 10000 Menschen in Behandlung sind und das ist das AIDS-Behandlungsprogramm der Südafrikanischen Katholischen Bischofskonferenz und wir sind ein Teil dieser Behandlung, d.h. wir führen auch selber in unseren Hospiz diese Behandlung durch und es ist einfach eine unheimlich schöne Sache zu sehen wie Patienten, die früher durch das Leichenhaus das Haus verlassen haben, jetzt inzwischen innerhalb von wenigen Wochen zu Fuß über die Fronttüre unser Hospiz verlassen können und das ist eine unheimlich großartige Sache."

Ulrich Schwab:
"Pater Gerhard, was erhoffen Sie sich jetzt von der derzeit stattfindenden Welt-AIDS-Konferenz in Mexiko?"

Pater Gerhard:
"Was ich vorher sagte ist dass ich denke die einzig wirklich wirksame AIDS-Vorbeugung ist die, dass man die Leute zur Verantwortung erzieht, dass man die Leute dazu erzieht dass sie Sexualität als einen positiven Wert sehen und ich würde mir erhoffen von dieser Konferenz , dass es nicht nur eine strategische Konferenz ist wie man am wirksamsten möglichst viele Kondome verteilt sondern dass es wirklich darum geht, wie kann man den Menschen in seiner Menschenwürde sehen, respektieren , in seiner Menschenwürde entwickeln und ihm Hilfsmittel zur Hand geben dass er sein Leben in seine eigenen Hände nimmt und dass wir so langfristig gesehen AIDS eindämmen können."

Also nicht nur die Menschen in Südafrika, auch die Gesundheitsexperten bei der Welt-AIDS-Konferenz in Mexiko sollen umdenken lernen, hin zu einem verantwortungsvollen Umgang mit unserer Sexualität. Das sagt der Benediktinerpater Gerhard Lagleder , der seit zwölf Jahren in Südafrika AIDS-Patienten betreut und Präventionsarbeit leistet. Mit ihm hat Ulrich Schwab gesprochen.


Diese Seite ist Teil der Medienschau der Brotherhood of Blessed Gérard



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Diese Seite wurde zuletzt am 31-03-2013 23:25:22 aktualisiert.