Radio Horeb

Mission in Südafrika

Ein Interview von Radio Horeb mit P. Gerhard Lagleder OSB, Präsident der Südafrikanischen Malteser (Brotherhood of Blessed Gérard), Diözesancaritasdirektor von Eshowe, Südafrika.
Aufgezeichnet am 3. Juli 2009, gesendet am 28. Juli 2009 um 11:00 Uhr.


Grüß Gott, liebe Zuhörer! Willkommen zum Talk bei Radio Horeb. Ich bin Sabine Böhler. Heute, liebe Zuhörer, richten wir unseren Blick in eines der ärmsten Länder der Welt nach Südafrika. Anlass dazu gibt uns der Missionsbenediktiner Pater Gerhard Lagleder. Er lebt und wirkt seit 23 Jahren an der Ostküste Südafrikas. Heute ist er unser Studiogast, denn er ist für einige Monate auf Heimaturlaub. Grüß Sie Gott, Pater Gerhard, schön dass sie heute hier bei uns sind!

Grüß Gott, Frau Böhler, Grüß Gott, liebe Hörer! Ich danke Ihnen, dass sie mich eingeladen haben, und in sehr froh da sein zu dürfen.

Südafrika, liebe Zuhörer, liegt an der südwestlichen Spitze des großen schwarzen Kontinentes. Ethnisch es ist ein sehr gemischtes Land, in dem Menschen aller Hautfarben leben. Aufgrund dieser Vielfalt wird Südafrika oft als Regenbogennation bezeichnet, doch leider was es aufgrund der verschiedenen Volksgruppen nicht immer möglich, konfliktfrei nebeneinander her zu leben. So beherrschen ethnische Probleme und Unruhen zwischen der weißen Bevölkerungsminderheit und der schwarzen Mehrheit die Geschichte und die Politik des Landes. Doch 1990 gab es eine politische Wende, was den jahrelangen Kampf der schwarzen Bevölkerungsmehrheit unter ihrem politischen Führer Nelson Mandela zuzuschreiben ist. Er wurde 1994 zum ersten schwarzen Präsidenten des Landes Südafrika gewählt. Wirtschaftlich ist Südafrika das bedeutendste und weitest entwickelte Land auf dem afrikanischen Kontinent, und dennoch, liebe Zuhörer, ist die Armut und die Not der Menschen unbeschreiblich groß. Besonders in den Außenbezirken großer Städte sind die Lebensstandards der hauptsächlich schwarzen Bürger sehr niedrig. Sie finden schwer Anschluss, haben keine Ausbildung, und auch keine Arbeit. AIDS ist trotz der Bemühungen seitens der Regierung weiterhin ein Hauptproblem. Pater Gerhard, wie ist denn die Situation jetzt bei Ihnen in Mandeni im Zululand an der Ostküste Afrikas?

Politisch gesehen ist die Situation des Landes sehr ruhig geworden, gottlob. Allerdings wir sind von einem unendlichen Problem umfangen, und das ist das Problem von AIDS. Es gibt im ganzen Bereich von Südafrika etwa ein Drittel der Bevölkerung, die HIV-positiv sind. Im Bereich der Provinz KwaZulu/Natal sind es zwei Drittel der Bevölkerung. Dann gibt es so genannte „pockets of high infection rate“, also in endemische Gebiete, in denen die Ansteckungsrate ganz besonders hoch ist. Und im Gebiet von Mandeni waren im Januar 2004, wo ich es schwarz auf weiß nachweisen und verifizieren kann, 76 % der HIV Tests positiv. Und so gibt’s für uns ein großes Problem momentan, und dies ist das, dass uns der Leute reihenweise wegsterben an AIDS und das überschattet alles andere.

Und da sind wir auch gleich schon bei einer ihrer Hauptaufgaben, nämlich dass sie der Leiter eines so genannten Aidszentrums sind.

Das ist richtig. Wir machen nicht nur AIDS Vorbeugung, sondern wir machen auch AIDS Behandlung, d.h. wir geben den Menschen hoch aktive Antiretrovirale Therapie: Das sind Medikamente die, wenn sie rechtzeitig und richtig eingenommen und regelmäßig eingenommen werden, die Lebensqualität der Patienten unendlich verbessern, so dass die Patienten wieder praktisch gesund werden, oder sich gesund fühlen, dass die zur Arbeitsstelle zurückkehren können, dass die Mütter ihre Kinder großziehen können, und dass sie noch weitere 10, 15, 20, ja vielleicht sogar 25 Jahre leben können, wenn sie diese Behandlung bekommen. Und dies ist eine unendlich wichtige Arbeit, die wir im Auftrag der südafrikanischen katholischen Bischofskonferenz dort durchführen.

Gleich werden wir darüber auch noch weiter sprechen. Aber vorher, Pater Gerhard, möchte ich Sie noch unseren Zuhörern vorstellen. Pater Gerhard Lagleder, liebe Zuhörer, ist ein gebürtiger Regensburger, hat auch in Regensburg studiert. Im Jahr seiner Priesterweihe, das war 1982, trat er in St. Ottilien bei den Missionsbenediktinern ein. Nach 5 Jahren in St. Ottilien, wo er unter anderem auch als Schulseelsorger und Religionslehrer tätig war, wurde er nach Südafrika entsandt. In Südafrika wirkte er zunächst drei Jahre als Kaplan bevor er seine erste eigene Pfarrei übernahm. 1992 hat sich Pater Gerhard Lagleder zusammen mit einigen Südafrikanern entschlossen, die „Brotherhood of Blessed Gerard“ zu gründen um den Menschen in seiner Gemeinde noch besser helfen zu können. Die Bruderschaft des Seligen Gerhard, wie man das auf Deutsch ausdrücken würde, ist eine Hilfsorganisation innerhalb des Malteser-Ritterordens dem Pater Gerhard seit 15 Jahren auch angehört. Und seitdem es die Bruderschaft gibt, sind zahlreiche Projekte für die ärmsten der Armen in Afrika entstanden. Man könnte fast sagen, in jedem Jahr eines. Dabei sind Hilfen für Kinder und ihre Mütter, für Alte, Kranke, Sterbende, und natürlich für die vielen vielen HIV-Infizierten wie wir es eben schon gehört haben. In der Provinz, in der Pater Gerhard tätig ist, waren es im Jahr 2004 76 %, die infiziert waren. Wie die Zahlen nun aktuell 3 - 4 Jahre später sind, wissen wir nicht. In der nächsten Stunde sprechen wir ausführlich, mit welchen Nöten die Menschen in Südafrika zu kämpfen haben, wie die Brotherhood of Blessed Gérard versucht, den Menschen im alltäglichen Leben hilfreich zur Seite zu stehen. Wir erfahren etwas über den Namensgeber der Bruderschaft, den Seligen Fra Gérard Sasso, den Gründer des Malteser-Ritterordens, dessen Mitglied ja auch unser Gast ist. Also freuen Sie sich auf eine interessante Stunde mit meinem Gesprächsgast Pater Gerhard Lagleder aus Südafrika. Pater Gerhard, sie sagen selbst, Südafrika das sei ihre neue Heimat geworden. Worauf freuen Sie sich denn jetzt besonders, wenn sie jetzt wieder nachhause fliegen, und ihre deutsche Heimat zurücklassen?

Ja, um ganz ehrlich zu sein, ich freue mich auf meine Kinder. Und wenn ich von „meinen Kindern“ spreche, wir haben ein Kinderheim mit 41 Kindern, und für die bin ich wie ein Vater zuständig, und die – auf Englisch spricht man einem Priester ja mit „Father“ an – und die sagen alle Father zu mir. Aber ich empfinde auch für diese Kinder nicht nur eine Verantwortlichkeit sondern auch ein emotionelles Gefühl. Ich mag die unendlich gerne, und auf die freue ich mich eigentlich am meisten, und dann erst kommt wieder mein Schreibtisch dran, und meine übliche Arbeit, wo ich jetzt schon so ein bisschen Heimweh habe, und ich freue mich wirklich, dass ich bald wieder nachhause, nach Afrika, zurückkehren darf.

Es war ja schon eine recht lange Zeit, die sie dann hier waren, insgesamt dreieinhalb, fast vier Monate, wer hat sie denn in dieser Zeit vertreten?

Ich habe gottlob im November letzten Jahres einen sehr fähigen neuen Geschäftsführer bekommen, der die Geschäftsführung unserer Hilfsorganisation übernommen hat, und der ist so zuverlässig, dass er dies durchaus tun kann, und wenn er irgendwelche größeren Problemen Fragen hatte, kann man sich ja heute elektronisch miteinander verständigen, über E-Mail oder über Handy, aber das war kaum notwendig, weil er, wie gesagt, die Sache sehr gut in der Hand hat. Und da bin ich sehr dankbar, dass dies auch möglich ist, weil damit es auch ein Zeichen ist, dass so eine Organisation auf eigenen Beinen steht. Denn man wirft der Mission ja oft vor, dass man irgendwo ein Riesenprojekt hinstellt, das völlig vom Ausland abhängig ist, und das ohne den Missionar nicht läuft. Und wir haben eben das Gegenteil bewiesen. Und da bin ich sehr glücklich darüber, dass wir es geschafft haben, dass wir den Südafrikanern beigebracht haben, oder sie dazu ermutigt haben, sich selbst zu helfen, und dies ist jetzt wirklich verwirklicht.

Pater Gerhard, erzählen wir uns etwas über die Gegend, in der sie jetzt leben in Südafrika, und besonders über die Menschen, über die verschiedenen Bevölkerungsschichten, die dort auch zusammenkommen, grade Schwarze und Weiße!

Ja, es gibt über 90 % Zulu, das sind schwarze Südafrikaner, und die anderen 10 %, da gibt's Mischlinge, die wir in Südafrika „Coloureds“ nennen, und der Rest sind Weiße. Es gibt ganz wenige Inder, die Inder sind mehr im Süden, in Durban beheimatet. Aber die meisten unserer Klientel, wenn sie es so nennen wollen, oder Pfarrkinder, sind schwarze Südafrikaner, nämlich Zulu.

Und gerade in Ihrer Provinz, in KwaZulu/Natal, da leben auch viele Asiaten, die vorwiegend aus Indien kommen. Wie leben denn diese verschiedenen Gruppen miteinander, also die Asiaten, die ja meist wahrscheinlich Hindus sind, und die schwarze Bevölkerung?

Ja, Sie haben Recht. Von den Asiaten, das sind meistens Inder, sind etwa die Hälfte Hindu, und die andere Hälfte sind Moslem, und es gibt nur ganz wenige Christen unter ihnen. Die Menschen leben in Südafrika natürlich immer noch in den alten Strukturen. Es gab ja früher den „group areas act“, also ein Gesetz, nach dem Weiße nur in dem Gebiet wohnen durften, Schwarze nur in jenem, Mischlinge nur in einem anderen, und die Inder bzw. Asiaten, wie man sie nannte, wieder in einem anderen Gebiet. Und da sind sie natürlich wohnen geblieben die Leute, die ihre Häuser haben, brechen ihr Haus nicht ab, um jetzt mit anderen Leuten gemeinsam zusammenzuleben, aber es weicht sich natürlich auf.

Sie werden ja als „Father“ bezeichnet, wie Sie uns das eben auch schon berichtet haben. Sie sind jetzt ein Father, ein Weißer, der aus Europa kommt, aus Deutschland kommt, wie werden sie von der überwiegend schwarzen Bevölkerung angenommen?

Ja, in der Zwischenzeit, ich bin ja schon dem 23. Jahr in Südafrika, fällt es mir eigentlich überhaupt nicht mehr auf, dass ich oft einzige Weiße in einer großen Menge von schwarzen Menschen bin, weil ich natürlich auch die Sprache der Menschen spreche, und mich als einer von Ihnen fühle. Anfangs war es allerdings durchaus nicht so, sondern es dauert anfangs immer eine gewisse Zeit, bis ein Weißer von den Schwarzen einfach auch anerkannt wird. Dies muss man natürlich auf dem Hintergrund der Geschichte verstehen, wo die Weißen normalerweise die Schwarzen ausgenützt haben, für sich verwendet haben, und sie in einer sehr despektierlichen Weise behandelt haben, und da braucht man schon eine lange Zeit, bis man vertrauensbildende Maßnahmen ergriffen hat, und bis die gegriffen haben, so dass dann die Leute Vertrauen zu einem bekommen. Gottlob hat man natürlich als Priester und als Missionar einen gewissen Vertrauensvorschuss, weil man der Kirche automatisch vertraut. Allerdings, wie gesagt, dauert es ein paar Jahre, bis man dann so richtig zuhause wird, und dies hängt auch sehr mit der Sprachkenntnis zusammen. Denn, stellen sie sich vor, sie sind in Deutschland, und es kommt jemand zu ihnen, der kaum ein Wort Deutsch kann, und will mit Ihnen sprechen, dann tun sie sich auch hart, mit dem sich auszutauschen, und dies, wie gesagt, ist also jetzt überhaupt kein Problem mehr. Und ich wiederhole mich, wenn ich sage, manchmal fällt es mir gar nicht mehr auf, dass ich der einzige Weiße in einer großen Gruppe schwarzer Menschen bin.

Das heißt also, sie haben auch die Sprache der Zulu erlernt?

Selbstverständlich!

War es schwierig, die Sprache zu erlernen?

Ja, dies ist wirklich schwierig: Es sind nicht nur die Schnalz- oder Klick-Laute, die es in der Zulu-Sprache gibt. Die hat man sehr schnell gelernt. Aber die Grammatik ist unendlich schwierig, die ist etwa ähnlich der hebräischen Grammatik, und hat sehr viele Vor-, Zwischen- und Nach-Silben, und von daher ist es für einen, der es neu lernen muss, sehr schwierig, ordentlich Zulu zu sprechen.

Na, da gab’s dann bestimmt den ein oder anderen Lacher, als Sie sich ausprobiert haben in dieser doch sehr neuen Sprache?

Ja, so ist es. Vor allem ist es dann auch so, dass im Zulu sehr viel von der Sprachmelodie abhängt, und dass auch sehr viel von der Betonung abhängt und dass es für einen Außenstehenden gleich lautende Wörter gibt, die unterschiedliche Bedeutung haben, je nach der Sprachmelodie, zum Beispiel: Ein Priester wird „uMfundisi“ genannt, und ein Lehrer wird „uMfundisi“ genannt. Sie haben vermutlich kaum einen Unterschied gehört, aber da liegt es eben an Nuancen. Und ähnlich ist es auch mit einem anderen Beispiel, wo die Kirchgänger dann manchmal lachen, das Gleichnis vom Senfkorn. Es gibt bei uns kein Senfkorn in Afrika. Jetzt verwendet man das Hirsekorn, und das Hirsekorn heißt „amabele“ und die weiblichen Brüste heißen „amabele“ und wenn man das falsch ausspricht, dann schmunzeln die Leute immer.

Das kann ja auch helfen, Barrieren einfach auch zu überwinden. Pater Gerhard, Sie haben eben schon kurz angedeutet, dass man der Kirche vertraut, dass es deswegen für sie auch relativ einfach war, Fuß zu fassen, das Vertrauen der Bevölkerung zu erwerben. Wie ist denn der Stand der Kirche in Afrika? Erzählen Sie uns von dem Gemeindeleben!

Ja, die römisch-katholische Kirche beträgt etwa 6,9 % der Bevölkerung momentan, wenn man der Wikipedia Glauben schenken darf, und sie spielt allerdings eine wesentlich größere Rolle. Einmal ist die römisch-katholische Kirche der größte Träger von Nicht-Regierungs-AIDS-Programmen in Südafrika, und zum anderen ist die römisch-katholische Kirche doch sehr angesehen, weil sie auch sehr konsequent das in die Tat umsetzt, wovon sie in der Predigt spricht. Ich hab dies beispielsweise – ich komm immer wieder auf AIDS zurück, weil ich einfach in diesem Metier lebe – Ich hab dies zum Beispiel vor etwa 14 - 15 Jahren erlebt, als wir unser Hospiz vorbereitet haben, und da habe ich dann mit Geistlichen und Kirchenvertretern andere Kirchen gesprochen, und hab die eingeladen: „Jetzt setzen wir uns mal zusammen, und jetzt unterhalten wir uns mal, wie wir am besten das AIDS Problem angehen können!“ Und dann haben die anderen Mitbrüder gesagt: „Ach ja, wir haben da überhaupt kein Problem. Ihr Katholiken habt da vielleicht ein Problem, aber wir nicht.“ Und so waren wir eben dann die einzigen, die wirklich was in die Tat umgesetzt haben, und die wirkliche Programme durchgeführt haben. Und jetzt sieht man dies durchaus mit Anerkennung, dass die Katholiken nicht nur fromm predigen, sondern auch die Frommen ordentlich das Wort Gottes in die Tat umsetzen, und das ist ja die Predigt, so wie es uns der heilige Paulus sagt, dass unser Glaube tot ist, wenn er keine Werke aufzuweisen hat.

Das heißt also, Sie haben wahre Pionierarbeit geleistet im Zululand, wo sich jetzt leben und tätig sind.

Danke für das Kompliment der Pionierarbeit! Ja, es war schon ein großes Stück Aufbauarbeit, das wir geleistet haben, denn als ich dorthin kam,  war – und da will ich mich jetzt gar nicht selber glorifizieren, aber es ist einfach eine Tatsache – In dem Bereich, wo ich war, hatte die karitative Tätigkeit der Kirche aus dem Verteilen von Geldscheinen an Bettler bestanden, und dies ist ja nicht so die ganz ideale Art und Weise, wie man Menschen helfen kann, die in Not sind, und deshalb dachte ich mir, wir müssen unbedingt eine ordentliche Struktur schaffen, in dem die Südafrikaner lernen, den Südafrikanern zu helfen, und selbst Eigenverantwortung zu übernehmen. Und genau deshalb habe ich eben eine Hilfsorganisation gegründet, die mit Südafrikanern arbeitet, und ich bin der einzige Ausländer im Vorstand, und damit habe ich es erreicht, oder haben wir es gemeinsam erreicht, dass die Menschen dort wirklich diese Verantwortung selbst jetzt übernommen haben.

Und das war fünf Jahre nachdem sie schon in Afrika gelebt und gewirkt haben, ist der Entschluss gereift, zusammen mit einigen Südafrikanern die „Brotherhood of Blessed Gérard“ zu gründen. Die Bruderschaft des Seligen Gerhard, das ist ja eine Hilfsorganisation innerhalb des Malteser Ritterordens. Entsendet wurden Sie ja nach Südafrika von ihrem Orden, den Missionsbenediktinern von St. Ottilien. Wie kommt es zu dieser Verbindung, Pater Gerhard?

Ja, da geht’s jetzt in meine ganz persönliche Biografie: Ich bin jetzt 40 Jahre Malteser und ich bin seit 1982 im Benediktinerorden und meine ganz persönliche Berufungsgeschichte hat was mit den Maltesern zu tun, insofern als ich meine Berufung zum Priestertum im Krankenpflegedienst, im Sanitätsdienst, in den Diensten die die Malteser hier in Deutschland tun, erkannt habe, und gesagt habe: „Was die Menschen brauchen, ist nicht nur die medizinische Hilfe, sondern was die Menschen brauchen, ist die Hilfe Gottes. Und ich wollte immer den Menschen helfen so gut es geht, und habe eben dann darin meine ganz konkrete Berufung erkannt, dass ich mir gesagt habe: „Wir müssen den heilenden, den liebenden Christus den Menschen näher bringen!“ Und somit habe ich mich dann eben entschlossen, dass ich nicht Arzt werde, wie ich das als kleiner Junge immer vorhatte, sondern dass ich sozusagen ein Arzt für die Seele werden darf. Als sich in St. Ottilien eingetreten bin, stand in der Zeitung „Malteser wird Benediktiner“ und als ich dann 1994 in den Malteserorden aufgenommen wurde stand in der Zeitung „Benediktiner wird Malteser“ und beides mal hatte die Zeitung nicht recht, denn in meiner ganz persönlichen Auffassung ist dies alles ein Guss: Ich bin Benediktiner, ich bin Malteser, ich bin Priester, ich bin Missionar, ich bin Mönch, und dies ist eine Legierung aus diesen Elementen, die in sich stimmig ist, und ich brauche da keine Hüte zu wechseln, heute hier, morgen da, sondern für mich ist dies alles eins, meine ganz konkrete Berufung.

Geboren wurden sie nicht als Gerhard sondern sie hatten einen anderen Vornamen. Und sie haben den Namen Gerhard angenommen sozusagen als Ordensname.

Ja, ich hab 4 Taufnamen: Ich bin Clemens nach dem Papst Clemens, Anton nach dem Anton von Padua, Konrad nach dem Bruder Konrad  - Meine Mutter ist Altötingerin, daher die Verbindung zum Bruder Konrad  - und ich heiße auch Maria. Zu meiner Zeit war es üblich, dass wir einen Dreiervorschlag dem Erzabt unterbreiten durften, von dem er normalerweise den ersten genommen hat. Und so war eben mein Wunsch, dass ich nach dem Gründer des Malteserordens, dem Seligen Gerhard, dann auch diesen Namen des Seligen Gerhard als meinen Ordensnamen bekomme.

Wie hat denn der Selige Gerhard sie und das Projekt bisher begleitet?

Wir haben uns ganz bewusst die „Bruderschaft des Seligen Gerhard“ genannt, weil wir das Charisma des Ordensgründers des Malteser-Ritterordens, nämlich dieses Seligen Gerhard, in die Tat umsetzen wollten. Und der Selige Gerhard war ein Mensch, der es verstanden hat, die Zeichen der Zeit zu erkennen, der es verstanden hat, Kräfte aus ganz Europa damals zu mobilisieren, um seine Ziele zu verwirklichen, und das war einfach die Sorge um die Pilger, die ins Heilige Land nach Jerusalem kamen, und hat dort ein großartiges Werk aufgebaut, in dem der Mensch gesehen wurde als Abbild Christi. In den alten Ordensregeln heißt es, man muss dem Kranken dienen wie dem Herrn „quasi dominus“ und das im Kranken den Herrn zu erkennen und im Kranken dem Herrn zu dienen, das war seine große Idee, und die hat er in die Tat umgesetzt, und der Malteserorden ist ja der drittälteste Orden der Kirche überhaupt, nach den Benediktinern und den Augustinern, und so hat eben der Selige Gerhard international unendlich viel bewirkt. Der Malteserorden es ja heute in über 100 Ländern dieser Welt aktiv, nicht nur als religiöser Orden, sondern auch als Hilfsorganisation und so wurden diese Ideale des Seligen Gerhard durchgeführt.

Die Bruderschaft des Seligen Gerhard, das ist eine Hilfsorganisation innerhalb des Malteser-Ritterordens. Erklären Sie uns noch ganz kurz den Unterschied Malteser Hilfsdienst, Malteser Ritterorden. Weil der Hilfsdienst ist bei uns eher bekannt.

Ja, der Malteser Hilfsdienst ist der Hilfsorganisation des Malteser-Ritterordens in Deutschland, so wie eben die Brotherhood of Blessed Gérard oder die Bruderschaft des Seligen Gerhard die Hilfsorganisation des Malteserordens in Südafrika ist.

Sie sind der Präsident dieser großen Hilfsorganisation in Afrika, der Brotherhood of Blessed Gérard. Sie haben uns eben gesagt, das ist gleichzusetzen mit dem großen Malteser Hilfsdienst, der hier bei uns in Deutschland tätig ist, und Ursprung, die Gründer sozusagen, das ist der Malteser-Ritterorden. Gleich werden uns noch weiter darüber unterhalten über die zahlreichen Hilfsprojekte, die sie gestartet haben, seit der Gründung 1992, und vor allen Dingen werden wir uns auch über das HIV/AIDS-Aufklärungs-Programm unterhalten, die Hilfe die Sie für Kinder anbieten, die Kindergärten, die Kinderheime. Sie haben ein Katastrophenhilfeprojekt und vor allen Dingen auch ein Hospizzentrum. Liebe Hörerinnen und Hörer von Radio Horeb, bleiben sie dran. Gleich geht es weiter, hier im Talk bei Radio Horeb.

Unser Gast hier heute bei Radio Horeb, das ist Pater Gerhard Lagleder. Pater Gerhard ist Missionsbenediktiner. Er ist aber auch Mitglied des Souveränen Malteser-Ritterordens. 1992 hat er die Brotherhood of Blessed Gérard gegründet, das ist eine Hilfsorganisation innerhalb des Malteserordens. Er selbst wurde auch in diesen Orden aufgenommen, er ist also sozusagen Mitglied des Malteser-Ritterordens, aber weiterhin auch noch Missionsbenediktiner von St. Ottilien und er besucht gerade hier seine deutsche Heimat. Er ist für dreieinhalb Monate sozusagen auf Heimaturlaub, wie er uns selber schon erzählt hat, freut er sich wieder heim zu kommen in seine afrikanische Heimat. Er hat eine Hilfsorganisation gegründet, die sich Bruderschaft nennt. Pater Gerhard, normalerweise ist es üblich bei uns, dass wir Vereine gründen für verschiedene Projekte. Diese Vereine verwalten dann auch die Gelder. Wieso nennen sie sich Bruderschaft?

Dies hat einen sehr dezidierten Grund, nämlich einmal einen historischen Grund, weil die Gründung des Malteserordens die Gründung einer Bruderschaft ursprünglich war. Der Selige Gerhard hat in Jerusalem die Bruderschaft des Heiligen Johannes zu Jerusalem gegründet im Jahr 1099, die erst 1113 von Papst Pascalis II. dann als religiöser Orden anerkannt worden ist. Also, die ersten 14 Jahre war der Malteserorden auch eine Bruderschaft. Und so haben wir eben bei unserer Gründung gesagt: „Wir wollen gerne in diese historischen Fußstapfen treten, aber nicht nur die Historie, sondern wir sind ganz bewusst, juristisch gesehen, ein kirchlicher Verein, bei dem das religiöse Element eine ganz wesentliche Rolle spielt, weil wir davon ausgehen, dass man sich nicht nur den Aktivitäten verlieren soll, sondern dass die geerdet sein müssen, dass die eine Basis brauchen, dass die eine Grundlage brauchen in unserem Glauben, und so ist für die Mitglieder der Brotherhood of Blessed Gérard das religiöse Leben sehr wichtig, besonders für diejenigen, die wir „dedicated members“, also – das kann man schlecht übersetzten, vielleicht könnte man‘s mit dem „Dedizierten Mitgliedern“ verstehen und um ein Dediziertes Mitglied zu werden in der Brotherhood of Blessed Gérard müssen sie erst mal ein ganzes Jahr sehr aktiv in der Hilfsorganisation gewesen sein, und dann so eine Art Noviziat ablegen, das heißt ein Einführungs-Jahr, in dem Sie wiederum Ihre Ernsthaftigkeit ihres Entschlusses, ihr Leben in den Dienst der Kirche zu stellen, im Dienst in unserer Organisation, einmal unter Beweis stellen, aber zum anderen dann auch Einführungen bekommen in die Geschichte, in die Spiritualität, in den inneren Zusammenhalt, in die religiösen Grundlagen unserer Organisation, so dass Sie dann, wenn Sie aus Dediziertes Mitglied bei uns sind, wirklich mit ganzem Herzen und ganzer Seele das Ganze als eine religiöse Tätigkeit sehen.

Also mit vollem Herzen im Dienst der ärmsten der Armen, der Kranken, der Aidskranken, der Aidswaisen, der Kinder, die aidsinfizierte Eltern haben, und vielleicht selbst schon AIDS infiziert sind, einfach mit Liebe zu stehen. Wie viele Mitglieder haben Sie denn inzwischen in der Bruderschaft? Wie dürfen wir uns das vorstellen?

Ja, wir haben in der Bruderschaft über 2000 Mitglieder in der Zwischenzeit, von denen knapp die Hälfte Fördermitglieder sind, finanzielle Fördermitglieder. Dann gibt’s bei uns auch eine spirituelle Fördermitgliedschaft. Dies sind Leute, die sagen: „Ich kann nicht nach Südafrika gehen und die Kranken pflegen, und ich hab kein Geld, sondern ich nehme Dich ganz bewusst in mein regelmäßiges Gebet rein. Wir haben zum Beispiel eine Abtei in Dänemark, wo alle Mitglieder dieser Abtei Spirituelle Fördermitglieder unserer Organisation sind, und uns ganz bewusst diese Gebetsunterstützung geben. Und darum bitten wir die Menschen auch, so dass unsere Arbeit wirklich getragen ist vom Segen Gottes. Und ich sehe das so als ein Luftpolster, oder vielleicht noch mehr als ein Polster der Liebe, auf das wir uns da betten dürfen, um getragen zu sein vom Wohlwollen Gottes, von der Gnade Gottes, und da bitten wir eben möglichst viele Menschen, uns im Gebet mitzutragen in unserer Arbeit. Die ist hart genug, die wir dort leisten müssen.

Seit 92 sind sie ganz aktiv mit der Brotherhood of Blessed Gérard tätig. Wie haben Sie denn entschieden, mit welchen Projekten Sie beginnen? Weil ich könnte mir vorstellen, dass man die große große Not sieht. Man könnte bestimmt 10, 20 Baustellen auf einmal errichten, aber man kann nur mit einer beginnen. Womit haben Sie begonnen?

Wir sind nicht mit der Idee an die Gründung der Hilfsorganisation rangegangen, dass wir jetzt möglichst viel bauen, oder große Projekte beginnen, sondern das Ganze war einfach eine Antwort auf die Nöte, die es ganz konkret in dem Bereich gab, wo ich als Pfarrer da war.

Da erzähle ich Ihnen gerne eine kleine Geschichte, eine wahre Begebenheit: Ich wurde als Priester gerufen zu einer Frau, um ihr die Krankenkommunion zu bringen, und fuhr dann in den Busch raus, und hab sie in ihrer Hütte vorgefunden, und sie war wirklich im Sterben gelegen. Sie war miserabel beieinander. Ich hab mit ihr gebetet. Ich hab ihr die Krankensalbung gegeben. Ich hab ihr die Krankenkommunion gegeben. Und dann habe ich zu ihr gesagt: „Sie, ich bin nicht nur Priester, sondern ich kenne mich auch medizinisch aus. Was fehlt Ihnen denn?“ „Ach, ich hab so einen wehen Rücken!“ Dann habe ich gesagt: „Darf ich mir den Rücken mal anschauen?“ Und dann hat sie mir dies erlaubt, und dann hatte sie Bettgeschwüre an ihrem Rücken, so dass man die Wirbel sehen konnte, dass man die Knochen in den offenen Wunden sehen konnte. Und dann sagte ich zu ihr: „Also, sie brauchen unbedingt ganz dringend einen guten Arzt.“ Dann hat sie gesagt: „Ja, ich hab ja kein Geld. Das kann immer gar nicht leisten!“ Sage ich: „Lassen Sie das mal meine Sorge sein.“ Und nach einigem Zureden hat sie dann zugestimmt, und dann habe sie auf meinen Pick-up gelegt, und zu einem Arzt gebracht, der der Pfarrgemeinderatsvorsitzende unserer Kirchengemeinde in der Township Sundumbili war, und der hat sie dann ins Krankenhaus eingewiesen und dort starb sie in derselben Nacht. Und dann kam dieser Arzt, der Doktor Thabethe, auf mich zu und hat gesagt: „Mensch, Pater, können wir da gar nichts machen? Wie wir Menschen helfen können? Es sterben hier so viele Leute einfach daran, dass sie vernachlässigt sind, dass sich keiner um die kümmert.“ In dem Fall von dieser Maria, heißt sie mit Vornamen, war es einfach so, dass sie alt und gebrechlich war, und dass sie von zwei älteren Damen gepflegt werden sollte, die selber so gebrechlich waren, dass sie ihr nicht mehr helfen konnten. Die starb einfach an Unterernährung und an mangelnder Pflege. Und da ist dann diese Idee eines Pflegezentrums entstanden und die haben wir dann durchgeführt.

Das erste Projekt, das wir überhaupt durchgeführt haben, war ein Hilfsfonds für Arme Kranke, wo wir Kranken, die sich eine medizinisch notwendige Behandlung nicht leisten konnten, unter die Arme gegriffen haben, dass sie sich diese medizinische Behandlung leisten konnten, und dass die durchgeführt werden konnte, haben dann sehr bald auch mit einer Haushalts-Schule begonnen, weil es oft so war, dass Zulu-Frauen gerne Arbeit bekommen hätten, aber wenn sie dann dachten, der Staubsauger sei ein Ungetüm, oder wenn sie die Dinge angebrannt haben, oder zu heiß gebügelt haben, dann haben sie die Arbeit immer wieder verloren. Und so haben wir dann so eine Haushaltsschule begonnen, um Leute zu schulen, wie sie dann Geld verdienen konnten. Das war eines der frühen Projekte. Ein weiteres frühes Projekt war eine Nähschule, wo wir Frauen zu Näherinnen ausgebildet haben, um gerade wiederum Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten. Und dies ist ja die beste Entwicklungshilfe, dass man die Leute auf die eigenen Beine stellt, ohne sie zu bevormunden. Und da bin ich sehr stolz, dass dies in diesem Fall geklappt hat. Später kamen andere Programme mit dazu. Der Kindergarten kam relativ bald mit dazu, und dann entstand das Pflegezentrum, und dieses Pflegezentrum war ja anfangs eigentlich nur als Pflegezentren gedacht, um sich einfach um Kranke zu kümmern, die sonst durch Vernachlässigung vielleicht sterben würden. Und dann wurden wir einfach von der AIDS-Welle überrollt, das heißt, dass er immer mehr Aidskranke zu uns kamen. Und so wurde dann das Haus automatisch zum Hospiz. Und wir sind wir heute das größte Hospiz Südafrikas, mit unseren 40 Betten.

Weltweit machen sich die Menschen, Pater Gerhard, Gedanken wie man dem Aidsvirus entgegenwirken kann durch große Aufklärungsprogramme auch, dann gibt‘s Hilfsprogramme, die auf medikamentöse Art und Weise helfen. Welche Wege gehen Sie?

Wir gehen einen sehr umfassenden, oder integrierten Weg, würde man das im Deutschen ausdrücken, das heißt, wir betreiben erst mal AIDS Vorbeugung. Wir sagen den Leuten: „Was ist der HIV-Virus? Welche Möglichkeiten oder Gefahren gibt es, dass Du Dich eventuell mit diesem Virus anstecken kannst? Wie kannst du's verhindern, dich anzustecken?“ Wir unterrichten die Leute, wenn sie HIV-positiv sind, und das sind ja die meisten bei uns, wie sie positiv mit der Infektion leben können, aber wie sie dann gleichzeitig wieder verhindern können, einen anderen anzustecken mit dem Virus, den sie haben. Das ist das Aidsaufklärungsprogramm. Und dann kommt natürlich die AIDS Hilfe dazu, die AIDS-Betreuung, und zwar in zweierlei Hinsicht: Auf der einen Seite als Hospiz, dass wir uns einfach um die Patienten kümmern, die zum Sterben kommen, für die es keine medizinische Hilfe mehr gibt, nicht nur AIDS Patienten, sondern auch Patient mit Krebs oder anderen lebensbedrohlichen oder lebensverkürzenden Krankheiten, aber vor allem AIDS. Und das dritte große Programm ist eben das AIDS-Behandlungs-Programm. Dies betreiben wir seit 2003 und haben damit lang vor der Regierung Südafrikas mit ihrem AIDS-Behandlungs-Programm begonnen hat, dieses in die Wege geleitet. Wir waren des vierte Programm der Bischofskonferenz überhaupt in Südafrika. Und wir geben den Menschen Medikamente, und diese Medikamente können verhindern, dass sich der Virus im Blut vermehrt. Und damit nimmt die virale Ladung oder die Virenbelastung ab. Das ist eines unser Hauptaugenmerke in dieser Zeit.

Jetzt im Zusammenhang mit Aids und der Behandlung und der Vorbeugung von AIDS-Kranken gibt es jetzt zwei wichtige Fragen, dich gerne an Sie stellen möchte, und zwar einmal die Frage nach der Prävention. Gerade als der Papst dieses Jahr in Afrika war, kochte wieder die Frage nach den Kondomen sehr hoch. Und die nächste Frage, Pater Gerhard, ginge in die Richtung, dass man sagt. „Ja, die Medikamente sind sehr kostspielig, sehr teuer, sie sind nur einer bestimmten Anzahl von Patienten zugänglich. Wie teilt man gerecht auf und wie finanziert man das Ganze auch? Ich möchte als erstes diese leidige Kondomfrage an sie stellen. Wie hat die Diskussion in Deutschland auf sie gewirkt?

Als der Heilige Vater in Afrika war, hatte ich zwei Rundfunkinterviews per Telefon, eines vom Norddeutschen Rundfunk und eines von der Antenne Bayern, und jeder hat natürlich dieselbe Frage gestellt: „Was sagen Sie als Mann der Kirche, die an der Vorfront von AIDS in Südafrika steht, da zu dem, was der Heilige Vater über die Kondome sagt?“ Und die waren mir dann furchtbar böse, dass ich gesagt habe: „Der Heilige Vater hat recht, der Papst hat Recht.“ Und als sie dann fertig waren mit dem Schlucken hab ich‘s begründet. Und zwar hab ich gesagt: „Der Heilige Vater hat recht, weil der – ich kann nur für die Zulu sprechen, die ich wirklich näher kenne – der Zulu mag kein Kondom. Wenn ich mich vor den hinknien würde, und ihn bitten würde: „Bitte, nimm ein Kondom!“ dann gibt er mir einen Tritt ins Gesäß und sagt: „Du weißer Mann, du willst ja uns Schwarze nur dezimieren! Diese ganze AIDS-Geschichte ist eine Fiktion von Euch Weißen! Ihr redet uns da irgendeinen Blödsinn ein, und ihr wollt nur damit erreichen, dass wir weniger Kinder bekommen, damit ihr Eure Vorherrschaft über uns Schwarze ausbauen könnt!“ Das ist es eine. Andere gibt’s dann wieder die sagen: „Ja, die Kondome die sind mit Viren verseucht und wenn wir jetzt ein Kondom verwenden, dann stecken wir uns damit an.“ Drittens, es gibt so was ähnliches wenn eine Stiftung Warentest, das nennt sich „South African Bureau of Standards“ und die haben mal alle am südafrikanischen Markt befindlichen Kondome durchgetestet. Und da waren über 5 % der Kondome am südafrikanischen Markt fehlerhaft, selbst in der Empfängnisverhütung, und ein Sperm ist ja wesentlich größer als der HIV-Virus. Der HIV-Virus ist das kleinste Lebewesen auf der ganzen Welt mit 70/1000 mm, also 70 nm groß. Es gibt kein kleineres Lebewesen auf der Welt und das kommt durch das kleinste Loch durch. Und das ist es große Problem. Es werden tonnenweise Kondome unters Volk geworfen. Die Leute wollen es nicht, die Leute wollen ja Kinder haben, die wollen Kinder haben, um a) als Macho dazustehen, als großer Mann dazustehen, auf die Schulter geklopft zu bekommen „Mensch, Du bist ein toller Kerl, Du hast 10, 15, 20 Kinder gezeugt!“ Dies ist das eine, und zum anderen brauchen sie eine Altersvorsorge. Sie denken „Wenn ich viele Kinder hab, dann werden die im Alter für mich sorgen.“ Also nur so Kondome aufzustellen, und den Leuten Kondome zu geben, hilft leider nichts. Und dies ist eines der riesengroßen Probleme, die oft völlig vernachlässigt werden. Und jeder meint nur, es gibt nicht genügend Kondome. Es gibt an jeder Straßenecke Kondome. Das ist so ein bisschen übertrieben, was ich sag, aber in allen öffentlichen Gebäuden, in den Apotheken, in den Postämtern, auf den Polizeistationen, in jeder öffentlichen Toilette, überall gibt’s Kondome in Hülle und Fülle. Aber das Problem ist, dass die Zulu das Kondom nicht wollen. Was wir daher tun müssen ist, dass wir den Leuten erstens mal sagen: „Es gibt nur eine wirklich hundertprozentige Möglichkeit, HIV-Infektion zu verhindern, und das ist Enthaltsamkeit.“ Natürlich ist es ein Kampf gegen Windmühlen, wenn man denkt, man könnte die Leute dazu überreden, aber die Wahrheit muss trotzdem gesagt sein, und es gibt Leute, die sich wirklich daran halten. Es ist nicht so, gerade angesichts dieser großen Katastrophe, vor der wir stehen, gibt es durchaus Leute, die das ernst nehmen. Zum zweiten, dass man den Leuten was sagt von Treue. Heute traut sich kein Mensch mehr über eheliche Treue zu reden, sowohl hier in Europa, als auch in Afrika, aber wenn ich meinem Partner treu bin kann mir überhaupt nichts passieren und dies ist sehr wichtig, dies zu sagen, denn so allgemein gesehen stellt sich ein Zulu vor, oder der normale Zulu findet es überhaupt nicht als ehrenrührig, wenn er Kinder von verschiedenen Frauen hat. Es gibt ja auch bei uns die Mehr-Ehe, die Polygamie. Also die Monogamie ist kein Ideal, das in der Geschichte, das in der Denkweise des Zulu eine große Rolle spielen würde. Man muss also neue Wege gehen in der AIDS Vorbeugung, und muss dies aber mit großer Vehemenz und mit großer Nachhaltigkeit angehen. Und man darf sich vor allem mit entmutigen lassen. Das ist es große Problem, so nach dem Motto: „Ja, es steigt immer wieder! Was hilft denn das Ganze?“  Man darf nicht aufhören, man muss immer weitermachen, und sich durch kleine Misserfolge nicht entmutigen lassen. Das ist ganz wichtig.

Zum Verständnis, Pater Gerhard, sind unter dem Volk der Zulu, sind das auch Christen?

Ja natürlich, es gibt auch Christen unter den Zulu. Die meisten Zulu sind Animisten, früher hätte man Heiden gesagt, das sind also Leute, die in einem Angstzustand leben vor Ahnengeistern, vor bösen Geistern, und versuchen, diese bösen Geistern und Ahnengeister durch verschiedene Dinge, wie Zaubereien in Schach zu halten, oder Opfer die mit diesen Ahnengeistern bringt, um damit ein Gleichgewicht des Wohlfühlens zu erreichen indem man diese Ahnengeister durch Opfer davon abhält, einem was Böses zu tun. Das ist so die traditionelle Zulu-Religion. Aber es gibt unter den Zulu auch durchaus Christen. Die Mission war erfolgreich und die Mission ist … oder wie soll ich sagen, die Katholikenzahl ist nach wie vor im Steigen bei uns, und dies ist eine sehr schöne Sache. Also der Glaube bedeutet den Leuten schon einiges.

Nun gibt es schon sehr sehr gute medikamentöse Programme, die es einem HIV-Infizierten möglich macht, trotz Infektion noch etliche Jahre Jahrzehnte zu leben. Eine Mutter bekommt die Möglichkeit, ihre Kinder noch aufzuziehen, Familienväter können ihre Familie versorgen, können ihrer Arbeit nachgehen, doch auf der anderen Seite sind diese Programme sehr kostspielig. Sie sind nur einen begrenzten Teil der Infizierten, der doch auch sehr sehr armen Menschen zugänglich, und dann wäre vielleicht auch noch ein Nachteil, dass die Menschen denken: „Ach, dann ist es ja doch nicht so schlimm, wenn ich mich vielleicht mit HIV infiziere. Es gibt er diese super Wunder-Medikamente. Was sagen Sie dazu?

Ja, zum ersten Mal, so super Wunder ist es leider nicht, denn Superwunder würde heißen, dass man den Virus töten könnte im Körper, und dies ist nicht der Fall. Man kann also AIDS nicht heilen. Der Patient wird immer noch an AIDS sterben, aber dann vielleicht erst nach einem Vierteljahrhundert, und das ist ja schon eine unheimlich tolle zusätzliche Lebenserwartung, die wir den Patienten schenken können. Dies ist das eine, was die Aidsmedikamente betrifft, haben wir ein unendliches Problem und es liegt nicht daran, dass es zu wenig Medikamente gäbe oder dass die teuer sind, unser größtes Problem liegt darin, dass man die Leute gar nicht dazu bringt, dass sie überhaupt einen HIV-Test machen lassen, und daher dann, wenn sie HIV-positiv sind, dann zur Behandlung anstehen würden. Und dies ist das große Problem: Wir müssen also die Leute sozusagen überreden, und wir machen also jetzt Öffentlichkeitsarbeit, wir gehen raus in die Fabriken zum Beispiel, und machen es ihnen einfach, einen HIV-Test auch anonym zu bekommen, und wenn dann das Ergebnis eben HIV-positiv heißt, dass man Ihnen dann die Behandlung anbietet, und sagt: „Du, pass auf, wenn du jetzt keine Behandlung bekommst ist Deine Lebenserwartung sehr gering, aber wenn du die AIDS-Behandlung bekommst, kannst Du noch lange und bei guter Gesundheit weiterleben. Die Menschen haben bei uns nicht diese große Angst und dies ist eine Sache, die auch mir manchmal auch negativ aufstößt, wenn ich Leute sehe, die auch in der Krankenpflege tätig sind, aber ihr Sexualverhalten überhaupt nicht ändern, genauso einen gefährlichen Umgang mit der Sexualität pflegen, wo sie sich dann einfach auch anstecken, unter ich denke, dies hängt damit zusammen, dass die Leute bei uns gar nicht so die große Angst vor dem Sterben haben. Eines der großen Probleme ist dann, wenn's den Leuten wieder gut geht. Die kriegen die Behandlung und dann erwachen natürlich auch wieder die körperlichen Sehnsüchte, und dann sind die Leute oft unvorsichtig.

Und deshalb ist es bei uns ganz wichtig in der AIDS Behandlung, dass wir, vor der Patient die erste Tablette bekommt, einen dreiwöchigen Einführungskurs halten, wo wir dem Patienten wirklich in sehr dezidierter Art und Weise erzählen „Was ist der Virus? Was macht der Virus in deinem Körper? Wie kannst du mit dem Virus umgehen? Was macht die Medizin mit dem Virus? Und wir tun dies auch in einer Art und Weise, wie es der Kranke verstehen kann, das heißt wir versuchen uns auf den Verständnislevel der Menschen einzustellen, also wir machen eine ordentliche Vorbereitung der Patienten auf die Behandlung, so dass die dann auch nachhaltig wirkt.

Und wir machen eine Nachbetreuung in dem Sinn: Jeder AIDS Patient bekommt von uns mindestens einmal pro Monat einen Hausbesuch von einem Therapieberater, der Ihm dann so auf die Schulter klopft und sagt: „Na, Kerle, wie geht’s Dir denn? Ist alles in Ordnung? Hast Du Sorgen? Hast Du Probleme? Hast Du gesundheitliche, soziale Probleme?“ Wenn es soziale Probleme sind: Wir haben eine Sozialarbeiterin hauptamtlich eingestellt, dann kann die mithelfen. Wenn's andere Probleme sind, kann unser Doktor helfen, wenn es seelsorgerische Probleme sind, kann ich als Priester oder ein anderer Kollege helfen. Und so hat man eben bei uns so ein integriertes Modell der Aidshilfe, das sehr wirksam ist, und wir werden auch immer wieder gerühmt für unsere hohen Erfolgsraten in unserer Behandlung.

Pater Gerhard, wir gehen dem Abschluss unseres Gespräches entgegen. Es war eine sehr kurzweilige Stunde. Zum Abschluss möchte ich Sie doch noch fragen: „Was erwartet Sie, wenn Sie jetzt im August heimkommen? Worauf freuen Sie sich besonders? Und was sind ihre Wünsche für das kommende Jahr?“

Was mich erwartet, wenn ich zurückkomme, ist natürlich erstens das Care Centre als solches, die Menschen, die dort leben, auf die freue ich mich natürlich, und ich sagte vorher schon, dass ich mich natürlich ganz besonders auf die Kinder freue, die ich jetzt ein paar Monate nicht gesehen hab. Und da geht es mir nicht anders wie einem Vater, der sich auf seine Kinder freut, wenn er die wieder in die Arme schließen darf. Ich freue mich aber auch, weil auf mich neue Aufgaben zu kommen, und zwar die Aufgabe, dass wir jetzt die Arbeit, die wir in einem relativ kleinen Bereich, also der Bereich von Mandeni umfasst ungefähr nur eine Viertelmillion Menschen (250.000). Ich werde jetzt versuchen, dass wir die soziale Arbeit der Kirche auf Diözesan Ebene ausdehnen, und dass wir an vielen Orten, vielleicht nicht so große, aber dann trotzdem auch wirksame Programme der Betreuung von Armen und Kranken ins Leben rufen können. Dazu hat mich unser Bischof am 1. Januar zum Diözesan Caritasdirektor ernannt. Und dies ist bei uns keine Riesenorganisation, sondern eine Person mit einer Aufgabe, und jetzt steht es eben vor mir, diese Arbeit auf Diözesanebene hin auszudehnen, und so zu helfen, dass möglichst vielen geholfen wird, und darauf freue ich mich natürlich.

Pater Gerhard, wir wünschen Ihnen, dass sie noch viele weitere Jahre, 30 Jahre, 45 Jahre, weiter tätig sein können und einfach vielen vielen Menschen, ja, hilfreich mit den Ideen unter die Arme greifen können. Wir freuen uns, dass sie unser Gast waren. Wir bitten Sie jetzt zum Abschuss noch um Ihren priesterlichen Segen.

Lasst uns beten! Herr, allmächtiger Gott, wir danken Dir, dass Du uns berufen hast, vor Dir zu stehen und Dir zu dienen. Wir bitten Dich, dass Du unser Herz mit Deiner Gnade und mit Deinem Segen füllst, so dass wir für andere Menschen zum Segen werden dürfen. Wir bitten Dich um Deinen Segen, besonders für die Kranken, für die Verlassenen, für die Menschen, um die sich sonst niemand kümmert. Öffne das Herz der Menschen, dass sie Deine Liebe Ihnen weiter schenken in ihrer helfenden Tat. Und so segne uns, und so segne Euch der allmächtige Gott, der Vater und der Sohn und der Heilige Geist. Amen.

Vielen Dank! Alles Gute! Gute Heimreise wieder! Auf Wiederhören!

Ganz herzlichen Dank! Danke auch für die Einladung! Ich war sehr froh und bin sehr glücklich, dass ich mit Ihnen plaudern durfte.

Und für alle die Hörerinnen und Hörer, die nun ein Herz entdeckt haben für Südafrika, Sie können natürlich das Projekt unterstützen. Wir haben es gehört durch das Gebet und natürlich auch vielleicht durch eine Geld-Gabe.

Mein Name ist Sabine Böhler. Liebe Hörerinnen und Hörer, ich darf mich von Ihnen verabschieden. Das war unsere Talk- und Musiksendung bei Radio Horeb. Wir waren im Gespräch mit Pater Gerhard Lagleder, ein Missionsbenediktiner im Zululand in Südafrika.

 


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Diese Seite wurde zuletzt am 17-04-2013 22:07:02 aktualisiert.