Südafrika – Katholische Kirche im Kampf gegen AIDS

Ein Interview von Pater Niggewöhner
mit  dem Missionsbenediktiner Pater Gerhard Lagleder OSB,
Gründer des Hilfswerks “Brotherhood of Blessed Gérard”

Sendung am 30. September 2012, ausgestrahlt bei

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Grüß Gott und willkommen bei „Weltkirche aktuell“. Aus dem Studio der päpstlichen Stiftung „Kirche in Not“ begrüßt sie Volker Niggewöhner. Mit Südafrika wollen wir uns heute beschäftigen und mit einem Mann der vor 20 Jahren mit der „Brotherhood of Blessed Gérard“ eine Gemeinschaft gegründet hat, die mittlerweile die größte katholische Hilfsorganisation Südafrikas ist. Freuen Sie sich mit mir auf den Missionsbenediktiner Pater Gerhard Lagleder.

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Grüß Gott, Pater Gerhard!
Herzlich willkommen bei uns in der Sendung!

Grüß Gott, Herr Niggewöhner und liebe Zuhörer.
Dankeschön, dass Sie mich zum Gespräch eingeladen haben.

Pater Gerhard, man nennt sie in Südafrika „Father Gérard“, benannt nach dem seligen Ordensgründer der Malteser, denen Sie auch angehören.
Sie sind aber weder Franzose noch Südafrikaner, sondern ein waschechter Bayer. Richtig?

Ja das stimmt.
Ich bin in Regensburg geboren und ich bin in Regensburg aufgewachsen.
Ich habe auch dort studiert und bin dort zum Priester geweiht worden.
Nach meiner Priesterweihe 1982 bin ich dann wieder in Bayern geblieben und zwar in das oberbayerische St. Ottilien bei den Missionsbenediktinern eingetreten.
Also ich bin wirklich ein waschechter Bayer.

Also dort in St. Ottilien haben Sie dann auch 1986 ihre Feierliche Profess abgelegt und sie sind bereits wenige Monate danach als Missionar nach Südafrika gegangen.
War das eigentlich ein Wunsch von ihnen?
Hat Sie das Land vorher schon beschäftigt?

Ja, ein Missionar zu werden das war schon mein Wunschtraum.
Sonst wäre ich ja sicher nicht in einen Missionsorden gegangen.
Und dies ist gottlob in Erfüllung gegangen.
Allerdings war ich erst vorgesehen für eine Neugründung auf den Philippinen, aber dann sind im Zululand so viele meiner Mitbrüder gestorben, dass der Erzabt zu mir gesagt hat: „Gerhard, könntest Du nicht nach Südafrika gehen in das Zululand?“
Ich habe momentan etwas die Nase gerümpft, denn damals war es noch die Zeit der Apartheid und als Weißer ins Land der Apartheid zu gehen, dachte ich mir, das ist nicht ganz so günstig.
Aber heutzutage bin ich mehr als froh, dass ich hierher ausgesandt wurde, und ich habe darin die Erfüllung meines Lebens gefunden.

Sie haben die Apartheid angesprochen.
Das war also noch ein ganz anderes Südafrika als heute.
Was waren denn ihre ersten Eindrücke in dieser neuen fremden Welt?

Es war eigentlich ganz interessant.
In den ersten drei Jahren, als ich in der Mission war, von 87-1990 war ich in einer Buschpfarrei – und wenn ich "Buschpfarrei" sage – dann meine ich damit dass im ganzen Landkreis der Pfarrer und ich als  der Kaplan die einzigen Weißen waren.
Ich bin einmal auf eine Außen-Station gefahren und hab mir gedacht: „Jetzt musst Du die Leute mal fragen, wie es ihnen denn so geht mit dieser Ungerechtigkeit der Apartheid.“
Und ich habe sie gefragt: „Ja, wie fühlt Ihr Euch denn mit dieser Apartheid?“
Dann haben
  sie gefragt: „Was ist denn Apartheid?“
Dann habe ich das
  zu erklären versucht und sie hatten noch nie etwas gehört von der Apartheid, denn die haben so in einer heilen Stammeswelt gelebt.
Der Häuptling bestimmt, wo es lang geht und alle folgen „wie es war im Anfang …“ und damit ist die Welt in Ordnung und die waren sich gar nicht bewusst, dass sie eigentlich ja keine Rechte hatten.

Als ich dann aber 1990 nach Mandeni gekommen bin, habe ich die Apartheid so richtig intensiv erlebt.
Ich erzähle Ihnen gern ein kleines Beispiel:
Und zwar hatte ich mit meinem Fahrzeug einen psychiatrischen Patienten, der sich mit einer Rasierklinge schwer verletzt hatte an der Hand mit schwer blutenden Wunden in eine Arztpraxis gebracht und habe gesagt: „Bitte, Herr Doktor, schnell helfen Sie! Der Mensch verblutet uns sonst!“
Und dann hat er gesagt: „Nein, das tut mir leid, aber das ist ein Schwarzer. Den darf ich hier in der ‚weißen‘ Praxis nicht behandeln.“
Dann habe ich gesagt: „Wo ist denn Ihr ärztliches Ethos?“
Dann sagte er: „Ja, die entziehen mir meine Konzession wenn ich dem Schwarzen hier in der ‚weißen‘ Praxis helfe.“
Also, so habe ich die Apartheid damals erlebt und das war also schon ein mehr als unmenschliches System und gottlob ist dies vorbei.

Sie sind ja da in eine Region gekommen, die noch vom Tribalismus geprägt ist.
Hat das auch Auswirkung auf die Seelsorge?

Ja, natürlich hat dies Auswirkungen auf die Seelsorge.
Selbstverständlich, denn man muss die Leute ja dort abholen wo sie sind.
Mit philosophischen Weisheiten kommt man bei den Leuten nicht weit.
Und so muss man in der Seelsorge es genauso machen – eigentlich am Beispiel Jesu, und Jesus hat sich ja auch immer auf seine Zuhörer eingestellt.
Der hat auch keine philosophischen Vorlesungen gehalten, sondern er hat in ganz einfachen Gleichnissen aus der Lebenserfahrung seiner Zuhörer seine Botschaft verständlich gemacht.
Und hat sich konkret um die Hilflosen und Ausgegrenzten und die Ausgestoßenen und die Sünder angenommen, auf die andere mit dem Finger gezeigt haben, und ich denke, dies ist auch in der missionarischen Seelsorge so das ganz Wichtige, dass wir in konkreter Hilfe das Reich Gottes sichtbar etablieren dass wir den Menschen das Wort Gottes durch unsere liebende Tat verkünden.

Sie haben dann im Zululand viele Jahre zunächst als Kaplan, später als Pfarrer gearbeitet.
Welchen Nöten sind sie da konkret begegnet?

Ich meine, das Schlimmste ist eigentlich die schreiende Armut der Menschen.
Ich habe er sehr viele zerrissene Familien erlebt.
„Zerrissene Familien“ heißt Wanderarbeiter: Der Vater arbeitet Hunderte von Kilometern weg von Zuhause, die Mutter ist allein zuhause mit ihren Kindern.
Aber auch das Verschwinden der Familie: Es gibt bei uns kaum noch Familien. Erstens mal heiratet kaum noch einer und zum zweiten sind fast alle Kinder, die geboren wurden, dann außerhalb der Ehe geboren.
Das hat natürlich verschiedenste Gründe, aber die Auswirkung ist natürlich, dass die jungen Frauen dann überleben müssen, gerade wenn die Männer dann weit weg sind von zuhause, und wenn sie dann nicht verheiratet sind, dann ist es gleich zweimal schlimmer: Einfach um überleben zu können produzieren manche Frauen Kinder, (a) weil sie von ihren Freiern Geld für den Geschlechtsverkehr bekommen, aber auch zum anderen, man produziert Kinder damit man dann Kindergeld bekommt und von diesem Kindergeld leben kann und so aus dieser Promiskuität resultiert natürlich dann auch die höchste HIV Infektionsrate der Welt, die es bei uns im Zululand
 gibt.
Man nennt uns die „AIDS-Hochburg der Welt“.
Dies ist natürlich eine Riesen-Herausforderung.

Und die Erfahrungen, die sie da in der Seelsorge gemacht haben, die haben Sie dann dazu bewogen, eine Hilfsorganisation zu gründen, nämlich die „Brotherhood of Blessed Gérard“.
Was verbirgt sich hinter diesem Namen und gab es so etwas wie eine Initialzündung für diese Gründung?

Ja, wie Sie am Anfang gesagt haben, der Selige Gerhard ist der Gründer des ältesten Hospitalordens der Kirche, der eben der Malteserorden ist, und die „Brotherhood of Blessed Gérard“ ist die von mir gegründete Hilfsorganisation des Malteser Ordens in Südafrika.

Initialzündungen gab es eigentlich zwei:

Die eine Initialzündung war die, dass ich als Priester zu einer sterbenden Frau gerufen wurde, um ihr einfach die Krankensakramente zu bringen. Ich habe ihr dann die Krankenkommunion gegeben und ich habe ihr die Krankensalbung gespendet und habe dann gesagt: „Sie, ich bin nicht nur Priester, sondern ich bin auch im Rettungsdienst und in der Krankenpflege versiert. Was fehlt Ihnen denn? Warum sind Sie denn so krank?“ Und dann hat sie gesagt: „Ja, mein Rücken tut mir so weh.“ Dann habe ich gesagt: „Darf ich mir den Rücken mal anschauen?“
 und dann habe ich sie zur Seite gedreht und dann war der ganze Rücken eine einzige Wunde, man hat die Wirbelsäule offen liegen sehen, also die Dornfortsätze der Wirbelsäule in diesen Bettgeschwüren, die sie hatte. Und da sagte ich: „Ja, um Gottes willen! Sie müssen unbedingt sofort zum Doktor damit Ihnen da geholfen wird!“ Und dann habe ich sie nach einiger Überredung auf meinen Pick-up geladen und zum Arzt gebracht, der der Pfarrgemeinderatsvorsitzende unserer Gemeinde war, und  der hat sie dann ins Krankenhaus eingewiesen und da starb sie in derselben Nacht. Und dann hat mich der Doktor angesprochen und gesagt: „Mensch, Pater, könnte man denn da gar nichts machen, dass man den Menschen helfen kann, die einfach aus Vernachlässigung sterben?“ Und da hat er natürlich bei mir als langjährigem Malteser offene Türen eingerannt.

Und die zweite Initialzündung war die, dass wir mal einen Anruf bekamen in der Pfarrei, dass zwei Familien an unserem Ort, dass es denen sehr schlecht geht, dass die beiden Väter die Arbeit verloren haben und jetzt die Miete nicht mehr zahlen können und dass man sie rauswerfen will aus dem Haus, in dem die gewohnt haben. Die Kinder wurden aus der Schule entlassen weil die Eltern das Schulgeld nicht bezahlen konnten. Sie hatten nichts zu essen. Sie hatten gar nichts mehr. Und dann habe ich in der Kirche eine Verkündigung gemacht nach dem Gottesdienst und habe gesagt: „Mensch, könnte uns nicht jemand von euch helfen, dass wir dieser Familie ein bisschen unter die Arme greifen und dann kam eine Dame des Pfarrgemeinderates, die Frau Kalkwarf, auf mich zu und hat gesagt: „Ja, machen Sie sich keine Sorgen, das organisiere ich schon.“ Dann habe ich gesagt: „Ja, tun wir uns morgen treffen.“ Dann hat sie gesagt: „Nein, nein, tun Sie sich nicht runter, das mache ich schon.“ Und innerhalb von zwei/drei Tagen hat die die ganze Gemeinde organisiert. Die einen haben zu Essen gebracht, die anderen haben Kleidung gebracht, andere haben das Geld aufgebracht, das die in der Schule schuldig waren, und ein anderer hat für die beiden Väter Arbeit gefunden. Und das war für mich dann so eine Initialzündung, so ein Aha-Effekt: Es gibt also hier vor Ort Leute, die (a) das Herz am richtigen Fleck haben, aber die (b) auch das Organisationstalent haben, das Herz in die richtige Richtung einzusetzen.

Dann habe ich eben mit diesen Leuten gesprochen, mit diesem Arzt und seiner Frau, die Krankenschwester ist, und mit dieser Geschäftsfrau und ihrem Mann und dann haben wir die Idee geboren, eben eine katholische Hilfsorganisation zu gründen, um eben den Menschen vor Ort zu helfen durch Leute vor Ort, und zwar nicht, dass man Leute aus Europa irgendwo holt und jetzt in Afrika so richtig aufräumen lässt, sondern dass man die Leute vor Ort selber befähigt, begleitet und ihnen die Begeisterung schenkt, dass sie sich für andere Menschen einsetzen.

Vielen Dank! Bis hierher, Father Gérard.
Nach einer ganz kurzen Musik werden wir dann von Ihnen hören, wie Ihre Organisation den Menschen in Südafrika ganz konkret hilft.

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Ja, Pater Gerhard, dann schauen wir uns im zweiten Teil unseres Gesprächs mal einige dieser Aufgaben ihres Hilfswerks genauer an.
Sie haben das Stichwort AIDS schon genannt.
Das ist ja ein Thema in ganz Afrika, aber ich glaube in Südafrika besonders schlimm.
Wie groß ist dieses Problem?
Kann man das in Zahlen ausdrücken?

Ja, laut UNAIDS, also der AIDS-Organisation der Vereinten Nationen, und das heißt, dass das immer sehr konservative Angaben sind, die dort gegeben werden, und die neueste AIDS-Statistik dort sagt, dass es im Jahr 2009 5,6 Millionen HIV-positiver Menschen in Südafrika gab.
Das sind von den 15-49-jährigen sind 17,8 % HIV-positiv.
310 000 sind 2009 infolge von AIDS verstorben, das heißt auf Deutsch ungefähr 1000 pro Tag.
Und es gibt 1,9 Millionen Kinder, die ihre Eltern durch AIDS verloren haben, so genannte AIDS-Waisen.
Und dies ist natürlich eine unheimliche Herausforderung an die ganze Gesellschaft und an die Kirche natürlich auch.

Ich habe mal irgendwo gelesen, dass gewissermaßen fast jeder in Südafrika in irgendeiner Weise von diesem Thema betroffen ist, aber wo liegen die tieferen Gründe?
Sie haben eben schon einen genannt, nämlich die Promiskuität.
Die Menschen binden sich nicht mehr in einer Familie.
Aber gibt es noch weitere Gründe?
Wie lässt sich das erklären?

Ja, neben der mangelnden Bildung, dass die Leute einfach nicht Bescheid wissen über die Gefahren der Ansteckung und auch der Verdrängung, dass sie Leute sagen: „Ach, mir kann schon nichts passieren“, ist es in erster Linie die Armut der Menschen und zum anderen die Ungleichheit der Geschlechter.
Dies ist auch das Forschungsergebnis eines Doktoranden der
University of Berkeley in Kalifornien, der mal herausfinden wollte, warum gerade KwaZulu/Natal und dort speziell Mandeni, der Ort, in dem ich lebe, die AIDS-Hochburg der Welt ist.
Und er hat da herausgefunden, dass die Leute, weil sie so arm sind, vor allem die Frauen, die weniger verdienen und auch, wenn sie was verdienen, weniger Geld in der Tasche haben, eben um zu überleben Ihren Körper an die Männer verkaufen, und zwar jetzt nicht so in einer – ich sage immer – Handtäschchen-Straßeneckenprostitution, so dass man so in Einzelfällen mal sich ein bisschen Zubrot verdient, sondern da geht es um das so genannte „Sugar Daddy System“.
Und ein Sugar Daddy ist ein mittelfristiger Geschlechtspartner, den sich die Leute anheuern.
Und wenn ich „mittelfristig“ sage, dann meine ich, dass die für Wochen oder Monate mit dem liiert sind, und der bezahlt auch nicht pro Geschlechtsakt, sondern er gibt sozusagen eine Art Taschengeld und für die muss die Frau dann eben ihm ihre sexuellen Dienste leisten.
Aber jetzt reicht einer dieser Sugar Daddys nicht aus, um zu überleben.
Jetzt brauche ich einen Sugar Daddy um Nahrung zu kaufen. Dann brauche ich einen anderen Sugar Daddy, um die Schulgebühren zu bezahlen, einen für die Miete und einen für die Lebensmittel und so ist also diese unendlich hohe Promiskuität, und die Sugar Daddys sind ihren Freundinnen mit treu, die Freundinnen den Sugar Daddys nicht, und dies ist der wirkliche Hintergrund, warum wir diese extrem hohen HIV-Infektionsraten bei uns haben, die in KwaZulu/Natal zwischen 50 und 66 % der Bevölkerung angesetzt werden.

Wie gehen Sie jetzt dieses Problem in ihrem karitativen Zentrum an, bei diesen enormen Zahlen, bei dieser enormen Herausforderung?

Ja, wir haben auf der einen Seite Gesundheitspflegeprojekte: Also unser Hospiz, wo wir uns um Sterbende kümmern, wo wir sowohl eine Inpatient-Unit, also ein stationäres Hospiz haben.  Wir haben das größte stationäre Hospiz Südafrikas mit 40 Betten. Dann haben wir ein AIDS-Behandlungsprogramm begonnen, schon im Jahr 2003, noch zu einer Zeit, wo unsere Regierung – sagen wir mal sehr höflich – nur halbherzig sich mit dem Problem AIDS beschäftigt hat, und dort haben wir jetzt knapp 1000 Leute in diesem AIDS-Behandlungsprogramm, von denen über 600, etwa 650 in der Behandlungsphase sind, und der Rest in der Vorbereitungsphase, ein AIDS-Aufklärungs-Programm,

und zum zweiten haben wir Kinderpflege Projekte: Eine Klinik für unterernährte Kleinkinder, ein Kinderheim, einen Kindergarten und einen Stipendienfonds, um begabten Kindern armer Eltern zu helfen, dass sie sich die Schulgebühren leisten können.
Und, um das ganze große Projekt abzurunden, wir sind auch in der Nothilfe tätig, einen Erste Hilfe und Notdienst, einen Nothilfefonds, auch in der Katastrophenhilfe waren wir schon tätig.
Und ein soziales Projekt haben wir noch als i-Tüpfelchen, und dies ist ein Seniorenclub.
Also, sie sehen schon, es ist ein sehr umgreifendes System der Hilfe, das wir hier vor Ort anbieten wollen und jedes einzelne dieser Projekte war eine konkrete Antwort auf eine konkrete Not, die sich aufgetan hat, und wo wir eben da helfen wollten oder helfen können.

Also eine sehr umfassende Hilfe, wie sie gerade gesagt haben.
Wie gehen Sie das Problem denn von der seelsorgerischen Seite an?
Was sagen Sie denn zum Beispiel einem Menschen, der unter AIDS leidet, als Priester?

Ich denke, das Wichtigste an der Seelsorge ist das Zuhören.
Das Wichtigste an der Seelsorge ist das Da-Sein.
Das Wichtigste an der Seelsorge ist, dass man nicht verurteilt.
Und dass man so ist, wie eben Jesus Christus auch war, der den Menschen, so wie er war, angenommen hat, und ihm durch seine Liebe geholfen hat, auf den rechten Weg zu kommen.
Und genau darum geht es in der Seelsorge.
Die Seelsorge drückt sich in der Leib-Sorge aus und geht über die Leib-Sorge hinaus, dann natürlich hinaus daraufhin, dass man es den Menschen ermöglicht und dass man Möglichkeiten schafft, dass er eben Gott begegnet und dies ist die Aufgabe, die wir als Missionare natürlich in ganz besonderer Weise haben.

Es gibt nicht wenige, die sagen, dass der Kampf gegen AIDS in Afrika überhaupt nicht zu gewinnen sei.
Stimmt das, oder haben Sie auch konkrete Erfolge erzielen können in ihrer Arbeit?

Die Mutter Theresa wurde mal von einem sehr kritischen Pressemann gefragt, und der hat gesagt: „Ja, Mutter Theresa, Sie kümmern sich hier um Hunderte von Ausgestoßenen und um Hunderte von Schwerkranken in Kalkutta, aber es gibt ja Zehntausende. Sie können ja doch nicht allen helfen.“
Und da hat die Mutter Theresa dann eine sehr kluge Antwort gegeben und
hat gesagt: „Schauen Sie, wir können nicht diese ganze Welt retten, aber für jeden einzelnen den wir retten, bedeutet das die ganze Welt.“
Also jedes gerettete Menschenleben ist unendlich viel wert.
Und ich habe Ihnen gerade schon gesagt,
 wir haben ja knapp 1000 Patienten im AIDS-Behandlungsprogramm und denen können wir das Leben retten.
Denn Sie müssen ja wissen: In Afrika ist die Lebenserwartung sehr gering und wenn ich durch die AIDS-Behandlung einem Patienten noch weitere – sagen wir mal – 25-30 Jahre lebenswerten Lebens bei guter Gesundheit weiter schenken kann, ist das so viel wie ihm ein ganzes Leben zu schenken …

Also das ist mittlerweile möglich, das Leben so weit zu verlängern?

Gottlob ist es so und dies ist wirklich ganz großartig und deshalb setzen wir uns ja gerade in der AIDS-Behandlung mit ganz großem Nachdruck ein, und die Leute rennen uns Tür und Tor ein.
Unsere Patientenzahlen haben sich innerhalb des ersten Halbjahres um etwa 30 % erhöht.
Also es kommen immer mehr, immer mehr, immer mehr, und es wird immer schwieriger, dass wir diesen Anforderungen gerecht werden, aber bislang haben wir noch keinen wegschicken müssen.

Es gibt ja unterschiedliche Ansätze wie man dieser Pandemie beikommen kann.
Die Kirche, die setzt auf Enthaltsamkeit, setzt auf Familie und Treue, die Vereinten Nationen zum Beispiel die setzt vor allem auf die Verteilung von Kondomen.
Was halten Sie von diesem Ansatz?

Ich möchte behaupten, dass 99% unserer Patienten gar nicht wissen, was die UN ist und was deren Politik sein mag.
Aber ich möchte sogar so weit gehen und sagen: „Wer nur Kondome verteilt, macht sich der unterlassenen Hilfeleistung schuldig!“
Denn die Leute brauchen mehr als ein Kondom.
Das Problem mit dem Kondom ist nämlich: Es ist keine Lösung, schon gar nicht bei uns, weil fast keiner ein Kondom verwenden will.
Es gibt massenweise Kondome in jedem öffentlichen Gebäude, in jedem Postamt, in jeder öffentlichen Gesundheitseinrichtung, Ämtern, Behörden.
Überall können Sie sich die Taschen voll stopfen mit den Gummis, aber die Leute verwenden sie nicht.
Sie wollen ihre Virilität beweisen, dadurch, dass sie viele Kinder zeugen, und sie wollen fürs Alter vorsorgen und sie meinen: „Wenn ich viele Kinder habe, dann können die im Alter mal für mich sorgen.“
  
Also, wer nur aufs Kondom setzt, der tut zu wenig und deshalb bieten wir eben so ein Komplettpaket an an Hilfe, nämlich die Aufklärung, die Behandlung und die Begleitung, so dass die Patienten dann auf lange Frist ihre Medikamente einnehmen und nicht aufhören, die Medikamente einzunehmen.
Das ist die Voraussetzung, dass sie eben noch sehr lange bei guter Gesundheit weiterleben können.

-          Musikeinlage -

“Weltkirche aktuell” auf Radio Horeb, Radio Maria und Radio Gloria.
Wir sprechen heute über Südafrika und die größte katholische Hilfsorganisation des Landes, die „Brotherhood of Blessed Gérard“.
Telefonisch verbunden sind wir mit ihrem Gründer, dem Missionsbenediktiner Pater Gerhard Lagleder.
Pater Gerhard, Sie haben gerade schon gesagt, ein großer Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt bei den Kindern.
Es gibt viele Waisenkinder, viele AIDS-Waisen.
Warum haben es aus ihrer Sicht Kinder in Afrika, in Südafrika, besonders schwer?
Liegt das vielleicht daran, dass es so etwas wie Kindheit, wie wir sie bei uns in Europa kennen, gar nicht gibt?

Ich denke, Sie haben den Nagel auf den Kopf getroffen:  Bei uns ist die Familienstruktur zusammengebrochen. Es gibt viele allein erziehende Mütter.
Und die Kinder, die laufen daheim nur einfach rum, so wie die Hühner und die Ziegen draußen herumlaufen, so laufen die Kinder rum.
Die Mütter haben gar keine Zeit, um sich um die Kinder zu kümmern, oder sie werden von irgendwelchen Nannys, also sagen wir mal Kinder-Betreuerinnen, die man bittet, sich um die Kinder zu kümmern, oder von der Großmutter großgezogen.
Oft sind auch die Mütter sehr jung.
Wir haben oft diese
Teenage-Pregnancies, also wo Kinder als Teenager bereits Mütter werden.
Und die müssen natürlich weiter zur Schule gehen.
Also die meisten Kinder werden hier von der Oma großgezogen.
Und dann kommt natürlich dazu, wenn die Mutter dann stirbt infolge von AIDS, dann
hat die Oma vielleicht zehn, 15, 20 Kinder ihrer verstorbenen Kinder, also 20 Enkelkinder, um die sie sich kümmern muss, und irgendwann stirbt die Oma und dann gibt es die von Kindern geleiteten Haushalte, wo zwölf-, 13-, 14-jährige oft Haushaltsvorstand sind und alles tun müssen, was sonst die Eltern tun würden, aber das große Problem ist, dass diese Kinder ja keine Einkünfte haben.
Sie bekommen ja kein Kindergeld für ihre Geschwister und müssen dann auf krummen Touren irgendwie schauen, wie sie überleben können, sei es durch Stehlen oder sei es, dass die jungen Mädel wieder ihren Körper an die Männer verkaufen, und das ist eigentlich eine ganz fatale Situation, in der wir hier stehen.


Pater Gerhard, sprechen wir auch noch über Kirche in Südafrika ganz allgemein.
Bei uns in Deutschland ist die Kirche ja strukturiert bis ins Kleinste, sie ist gut organisiert, sie verfügt trotz steigender Kirchenaustrittszahlen ja noch immer über viele Mittel finanzieller Art.
Das ist ja in den meisten Kirchen auf der Welt überhaupt nicht der Fall.
So etwas wie Kirchensteuer gibt es da nicht.
Was zeichnet aus Ihrer Sicht Kirche in Südafrika aus?

Ich denke eine sehr große Spontaneität: Es ist bei uns alles nicht so kompliziert, und alles nicht so, wie Sie sagen, strukturiert.
Wenn ich etwas vom Bischof brauche, zum Beispiel, dann rufe ich ihn einfach mal am Handy an oder ich komme kurz bei ihm auf einen Kaffee vorbei, oder umgekehrt.
Es ist also nicht ungewöhnlich, dass der Bischof auch mal ganz unangemeldet an der Tür läutet und sagt: „Na, wie geht’s Dir denn?“
Unser Bischöfliches Ordinariat ist ein Einmannbetrieb.
In Deutschland leben die meisten Pfarrer weitaus herrschaftlicher als unser Bischof lebt, in einem ganz einfachen Häuschen.
Geld haben wir keines.
Die Diözese lebt von der Hand in den Mund und auch wir selber als Hilfsorganisation sitzen auch nicht auf irgendwelchen Geldern, sondern wir sind zu 100% auf Spenden angewiesen und dies macht einen riesengroßen Unterschied zu einer Kirche aus, die sehr viele Rücklagen, wie zum Beispiel die Kirche in
 Deutschland hat.

Sie sagen, sie sind zu 100 % auf Spenden angewiesen.
Wie kommen Sie denn dann zu dem Geld das sie für ihre segensreiche Arbeit benötigen?

Ich sage immer ein bisschen spöttisch: „Ich bin Bettler von Beruf.“
Und das heißt auf Deutsch, dass leider ein Großteil meiner Arbeit darin besteht, Spendenwerbung zu betreiben.
Ich bin der einzige in unserer Organisation hier vor Ort, der Deutsch spricht, also den deutschen Bereich muss ich eben selber abdecken und
 aus dem deutschen Bereich bekommen wir 69% all unserer Spenden-Einnahmen.
Also es ist sehr wichtig, dass man die Spenderpflege betreibt und dass man neue Spender gewinnt und insofern ist es also ganz wichtig, dass ich mich da einsetze, dass wir diese Spendengelder auch akquirieren können und das wissen Sie ja selber, es wird ja immer schwieriger, dass man Spenden bekommt in der heutigen Zeit, (a) weil es auf der einen Seite Berichte gibt über Dinge, die schieflaufen in anderen Organisationen und weil (b) natürlich auch die wirtschaftliche Situation nicht mehr ganz so rosig ist, wie sie schon mal war.
Allerdings, die Deutschen jammern oft auf sehr hohem Niveau, und es geht einem Hartz-4-Empfänger in Deutschland besser, als einem der Vollzeit in einer Fabrik in Südafrika arbeitet.

Eines würde mich noch interessieren, Pater Gerhard:
Sie sind ja Missionsbenediktiner und der Begriff Mission ist ja so ein bisschen missverständlich heute, oder teilweise auch sogar negativ besetzt.
Was bedeutet für Sie persönlich Mission heute?

Um ganz ehrlich zu sein, was für mich Mission heute bedeutet ist, den Menschen die Liebe Gottes einfach spürbar zu machen und gar nichts anderes.
Es geht also nicht darum, jetzt mit der Weihwasserspritze die Massen alle zu taufen oder Leute zu überreden, dass sie ihren Glauben ändern.
Dies kommt ganz von selber, wenn die Leute sehen, dass die Kirche glaubwürdig ist und ich denke, das ist auch ein ganz wichtiges Element und gottlob ist es in Südafrika so, dass die Katholische Kirche ist zum Beispiel der größte Anbieter an AIDS-Hilfe und AIDS-Behandlung neben der Regierung in Südafrika und so – obwohl wir nur 4,8% Katholiken haben landesweit gesehen – und damit haben wir diese Glaubwürdigkeit, dass wir nicht nur reden und fromme Sprüche machen, sondern dass wir eben – wie gesagt – die Liebe Gottes in die Tat umsetzen und dies spricht die Leute an und da lassen sie sich dann auch gewinnen.
Und wenn die Leute dann kommen und sagen, sie wollen katholisch werden, ist uns das natürlich recht.
Allerdings ist es genauso wie in Deutschland, dass man dazu natürlich eine lange Vorbereitungszeit braucht, aber bei der Mission geht es nicht nur darum, dass man jetzt möglichst viele Leute tauft, sondern es geht einfach darum, dass man die Kirche gegenwärtig macht, die Kirche in ihrem vollen Umfang ihrer Tätigkeit, nicht nur in der Liturgie und in der Verkündigung, sondern eben auch im karitativen Dienst, und dies ist unsere Aufgabe.

Seit 26 Jahren leben und arbeiten Sie jetzt in Südafrika.
Gab es in dieser langen Zeit Schicksale, gab es Menschen, die Ihnen besonders nahestanden, die Ihnen besonders nahegegangen sind?

Da gibt es viele:

Ein Schicksal war der Siphosenkosi, ein Junge, den wir nicht mit AIDS-Medikamenten behandeln konnten, weil damals die Regulierung noch so war, dass Sie das Sorgerecht über einen Menschen haben müssen, bevor Sie die Unterschrift leisten dürfen, dass er die AIDS-Behandlung bekommt. Und weil wir das damals nicht hatten, und deshalb musste er sterben, weil wir ihm die Medikamente aus rechtlichen Gründen nicht geben konnten. Damals wäre ich fast explodiert und
  damals haben wir uns eben dann entschlossen, dass wir ganz rigoros in der AIDS-Behandlung diese anbieten.

Was mir natürlich auch sehr an die Leber geht, das sind natürlich sterbende Kinder. Es ist ganz klar,

oder eine Patientin – erinnere ich mich – die erstickt ist, weil ihre Tuberkulose die ganze Lunge zerfressen hatte;

eine andere Patientin, die auch Tuberkulose hatte, und die ein großes Blutgefäß in der Lunge angefressen hatte, und dieses Blutgefäß ist dann geborsten und sie ist an einer Massenblutung gestorben;

oder ein Patient mit einem Polytrauma, das heißt, dass er alles gebrochen hatte und aus jeder Wunde am Körper geblutet hat und den habe ich dann schwerstverletzt ins Krankenhaus gebracht im Krankenwagen – ich bin auch Rettungssanitäter – und musste dann mit dem Arzt streiten, dass er sich um den Patienten überhaupt gekümmert hat. Natürlich ist der dann sehr bald verstorben.

Und, was mir auch unheimlich an die Nieren gegangen ist, das war vor sechs Jahren die Ermordung meiner Stellvertreterin, die zuhause erschossen worden ist durch einen, der einen Überfall auf ihr Privathaus gemacht hat.

Pater Gerhard, Sie haben aus bescheidenen Anfängen die größte katholische Hilfsorganisation des Landes geformt.
Haben Sie noch Wünsche, Träume für die Zukunft?

Hmmh, da gibt es viele Wünsche und Träume für die Zukunft:

Auf der einen Seite ist mein ganz großer Traum, dass die medizinische Forschung endlich mal ein Medikament finden könnte, das das HI-Virus im menschlichen Blut töten könnte und damit AIDS Geschichte wird. Trotz intensiver Forschungen ist man immer noch nicht so weit und ich hoffe und bete, dass dies irgendwann mal geschieht.

Ein zweiter ganz großer Wunsch wäre der, dass die Menschen einfach offen werden, dass die Menschen auch hier in Südafrika noch mehr ihre Verantwortung erkennen, um für andere da zu sein und da ist eben gerade das Beispiel dann sehr wichtig, dass es eben Menschen gibt – man sagt immer: „Die Afrikaner sind faul“ und „die Afrikaner tun nichts“ – und, wie Sie sagten, wir sind mit unseren weit über 1000 ehrenamtlichen und 76 hauptamtlichen Mitarbeitern die größte katholische Hilfsorganisation – und das sind alles Südafrikaner, die etwas tun. Also, dass dieses Beispiel dieser Menschen hineinstrahlt in die Umgebung und die Menschen zu Menschen werden, die sich mehr um ihre Mitmenschen annehmen.

Natürlich ist ein anderer großer Wunsch der, dass wir irgendwann mal unsere Arbeit auch finanziell langfristig absichern können, aber das bleibt momentan eben immer noch ein Kampf, jedes Jahr die Spenden aufzubringen, die wir brauchen, um unsere Dienste in dem Umfang weiter leisten zu können, wie wir das heute tun.

Und wer sich über diese Arbeit informieren möchte, wer sie unterstützen möchte, der kann das tun auf Ihrer Net-Seite.
Ich werde gleich dazu noch einige Angaben in der Abmoderation machen.
Pater Gerhard, ich sage ganz herzlichen Dank für dieses Gespräch, wünsche Ihnen Gottes Segen für Ihr weiteres Wirken und ich darf Sie ganz zum Abschluss noch um Ihren priesterlichen Segen für unsere Hörer bitten.

… und den gebe ich Ihnen gerne und erst möchte ich mich bedanken für die liebe Einladung zum Gespräch und zum anderen gebe ich Ihnen jetzt den Segen in der Zulu-Sprache:

Wunderbar!

Der Herr sei mit Euch!

Und mit Deinem Geiste!

Makanihlahlamelise uNkulunkulu uSomandla, uYise, beneNdodana noMoya ocwebileyo! Amen!

Amen!

Jetzt wünsche ich Ihnen und den Hörern von ganzem Herzen Gottes reichsten Segen, alles Liebe und Gute, und vielen Dank, dass Sie mir zugehört haben!

Vergelt’s Gott!

Segne es Gott!

-          Musikeinlage –

Das war „Weltkirche aktuell“ über Südafrika und die Hilfsorganisation „Brotherhood of Blessed Gérard“ haben wir heute gesprochen mit ihrem Leiter Pater Gerhard Lagleder.
Über seine Arbeit können Sie sich im Internet informieren unter der Adresse bbg.org.za 


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