© bbg.or.za
 Ein Sieg im Kampf gegen AIDS in Afrika.

Südafrika ist eines der Länder mit der höchsten AIDS-Rate weltweit, fast jeder 5. dort ist HIV positiv.
Das sind beinahe 6 Millionen Menschen.
Jährlich gibt 390.000 Neuinfektionen.

Im Interview mit Radio Stephansdom erzählt Pater Gerhard Lagleder über die Schicksale hinter diesen Zahlen
und verrät, warum er einen Sieg im Kampf gegen AIDS in Afrika verkünden kann.

Mittwoch, 29. August 2012, 19.00 Uhr.
Eine Sendung von Johannes Tanzler.


© Radio Stephansdom, Wien

Perspektiven

Reportagen und Berichte, Gespräche und Hintergründe

heute mit Johannes Tanzler.

Zu Gast im Radio Stephansdom Studio ist heute aus Südafrika Pater Gerhard Lagleder. Grüß Gott!

Grüß Gott, ich freue mich, dass ich da sein darf.

Pater Gerhard, Sie sind Gründer und Leiter der Malteser in Südafrika und dort seit 25 Jahren als Missionar im Zululand tätig.

Stimmt! Ja.

Dort haben Sie eines der größten AIDS-Hilfe-Projekte des Landes aufgebaut und Südafrika ist eines der Länder mit der höchsten AIDS-Rate weltweit.
Fast jeder fünfte dort ist HIV-positiv. Das sind fast 6 Millionen Menschen. Jährlich gibt es 390.000 Neuinfektionen. Das sind zumindest die offiziellen Zahlen.
Sie arbeiten täglich mit den Kranken und den Infizierten zusammen. Wie erleben sie das, was hinter diesen Zahlen steht? Wie erleben sie die Schicksale der AIDS-Kranken?

Ja, was wir erleben ist, dass in unserm Hospiz täglich bis zu fünf Patienten an AIDS sterben und dass wir, wenn wir rausfahren in den Busch und die Leute besuchen, dass wir die in einer oft sehr desolaten Situation auffinden und wir erleben dieses AIDS eben nicht als statistische Zahl oder in Bildern oder in Filmen sondern als unsere Lebensrealität die hineingeht bis in unseren eigenen Bereich, das heißt dass natürlich von dieser hohen HIV-Infektions-Rate auch unsere haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter nicht ausgeschlossen sind, und dass AIDS allgegenwärtig ist, dass es eine Pandemie ist, also nicht mehr eine Epidemie, wo nur sehr viele davon betroffen sind, sondern wo eigentlich jeder im Land davon betroffen ist, und wenn unsere Mitarbeiter uns erzählen, zum Beispiel dass sie Ferien hatten und dass sie in den Ferien nichts anderes getan haben, als auf Beerdigungen zu gehen, wo Verwandte und Bekannte und Freunde von ihnen an AIDS gestorben sind, dann ist dies so ein Hineintauchen in die Realität von AIDS, in der wir eben leben.

Und dennoch, sie verkünden jetzt, dass es einen Sieg im Kampf gegen AIDS in Afrika gibt.
Kann man wirklich jetzt schon von einem Sieg sprechen?

Was ich „Sieg im Kampf gegen AIDS“ nenne, das ist die Tatsache, dass inzwischen die AIDS-Behandlung so gut geworden ist, dass sie einem Patienten selbst wenn er anfängt mit einem CD4-Helferzellen Wert von Null, das heißt, wenn er praktisch gar keine Abwehr im Körper mehr hat, dass wir ihm trotzdem noch helfen können und dass viele dieser Leute - man geht heute davon aus - bis zu 30 Jahren weiterleben können, und zwar bei guter Gesundheit.
Und jetzt müssen Sie natürlich wissen: Die Lebenserwartung in Afrika ist sehr gering, und 30 Jahre länger leben ist so viel wie eine Lebenszeit dort, und insofern spreche ich durchaus von einem Sieg.
Ich spreche nicht von einem gloriosen Sieg, dass wir AIDS besiegt hätten, im Sinne dass man das Virus im menschlichen Blut töten könnte, aber man kann es an der Vermehrung hindern und damit geht’s den Leuten wirklich wieder gut.
Jeder der sich behandeln lässt, dem kann geholfen werden, dass es ihm wieder gut geht und das auf Jahrzehnte hinaus, und dies ist wirklich ein großer Sieg, wenn man dies vergleicht eben mit den Menschen, die massenweise vorher gestorben sind an AIDS.
Natürlich werden sie nach diesen 25-30 Jahren auch sterben, aber sie können in dieser Zeit ihre Kinder groß ziehen. Sie können wieder arbeiten und dies ist natürlich eine großartige Sache, die wir nicht nur volkswirtschaftlich sehen, sondern auch emotionell sehen, dass die Menschen wieder lachen können und dass die Menschen sich des Lebens freuen können, und wenn wir dann am
Welt AIDS Tag zum Beispiel ein Fest des Lebens machen für alle Überlebenden, die in unserem AIDS Behandlungsprogramm sind, und wenn man da in die Reihen von Dutzenden oder hunderten von Patienten schaut, die tanzen und lachen und sich des Lebens freuen, dann können einem sogar fast die Tränen kommen, wenn man sieht, dass die Leute eigentlich mausetot wären, wenn sie die Behandlung nicht hätten, aber überleben können und dies nennen wir dann einen „Sieg im Kampf gegen AIDS“.

Und die Behandlung bekommen die AIDS-Kranken in den Einrichtungen, die Sie gegründet haben.

Nein, nicht nur in unseren Einrichtungen.
Die südafrikanische katholische Bischofskonferenz war ein Pionier in der AIDS-Behandlung in Südafrika.
Wir waren im Jahr 2003 die vierte Einrichtung bundesweit würde man es hier nennen, also landesweit für ganz Südafrika, die mit der AIDS-Behandlung angefangen hat, zu einer Zeit als unsere Regierung noch sehr halbherzig sich um AIDS angenommen hat, und deshalb haben wir eben dann angefangen, vor diesen neun Jahren, mit der AIDS-Behandlung, und sind jetzt ein sehr großes AIDS-Behandlungsprogramm.
Das AIDS Behandlungsprogramm der südafrikanischen katholischen Bischofskonferenz war einmal das größte Nicht-Regierungs-AIDS-Programm auf der Welt, wo unendlich viele Patienten in Behandlung waren, und wir sind Teil davon und da sind wir sehr stolz drauf und sind sehr dankbar dafür.

Wir werden darauf ein bisschen später nochmal zu sprechen kommen.
Jetzt möchte ich noch gern auf die Ursachen von AIDS und der hohen Infektionsrate zu sprechen kommen.
Wenn man nach diesen Ursachen fragt, dann bekommt man oft drei Antworten, dass es die drückende Armut dort ist, die Unterdrückung der Frauen und die vielen wechselnden Sexualpartner.
Sind das Ursachen gegen die man leicht ankämpfen kann?

Leider nicht!
Gegen Armut anzukämpfen ist natürlich nicht nur eine Lebensaufgabe, sondern dies ist die Aufgabe für den ganzen Staat.
Es ist die Aufgabe für das ganze Land und es wird ja unendlich viel getan, und dies muss man auch wirklich sehen, aber es ist natürlich ein unendliches Fass ohne Boden.
Wenn man eine Nation, von denen die meisten Einwohner unter der Armutsgrenze leben, wenn man denen eine Lebensgrundlage schaffen will, die es verhindert, dass sie durch alternative Einkunfts-Methoden, durch die sie sich eben dann mit HIV anstecken, ihr Geld verdienen, um überleben zu können, und dies ist das ganz bittere, vor dem wir immer wieder stehen, dass wir Menschen treffen, die uns sagen: „Ja mir ist ja nichts anderes übrig geblieben. Ich wäre sonst verhungert. Würde ich meinen Körper jetzt nicht verkaufen an die Männer, dann als hätte ich nichts zu essen und lieber werde ich jetzt AIDS krank und kann dann noch vielleicht zehn Jahre leben.“
Auch ohne Behandlung kann man ja etwa zehn Jahre leben bis dann das AIDS ausbricht, und die sagen: „Dann lebe ich lieber jetzt noch zehn Jahre als dass ich jetzt momentan sofort verhungere.“
Und dies ist eine ganz bittere Realität.

Pater Gerhard, Sie sind im Zululand tätig.
Wenn ich, so wie es heute gemacht habe, im Internet nach Bildern von Zulu sucht, man findet immer so Fotos von traditionellen Kriegern in ihren traditionellen Trachten.
Jetzt weiß ich nicht genau wie die Situation dort wirklich ist, wie die Menschen dort leben und wie sie diese Menschen dann dort überzeugen können, dass es sich behandeln lassen.

Nicht jeder Österreicher läuft im Dirndl rum, oder jede Österreicherin, und mit einem Trachten-Anzug, und so ist es eben auch bei uns.
Es gibt durchaus traditionelle Zulu, die mit der alten Stammestracht - nämlich dem Lendenschurz - bekleidet sind und gerade bei Festen zieht man sich dann gerne mit solchen Dingen an, aber insgesamt sind die Leute schon mehr - wenn sie es so nennen wollen - zivilisiert und sind eben - wie wir es nennen - westlich gekleidet, aber es gibt immer mehr ein Herausgehen aus den ländlichen Gebieten, was man so im Volksmund den Busch nennt, und die Leute werden von den Ballungszentren angezogen und dort verstädtert, und dann geht natürlich auch die alte Tradition zu Ende bzw. wird nicht mehr so wahrgenommen und wird nicht mehr so gelebt, und dies hat auch moralische Konsequenzen, denn in der alten Stammestradition hat man sich durchaus gefürchtet vor den Sozialzwängen dort und vor den
Ahnengeistern, die einem eins draufgeben, wenn man sich nicht so verhält, wie es sein sollte, und dies ist dann weg, wenn die Leute in den Elendsvierteln der Großstädte leben, weil da die Ahnengeister weit weg zuhause sind und das nicht sehen, was man tut, und das hat also sehr große Konsequenzen sowohl für das moralische Verhalten, als auch für die Befindlichkeit der Leute, die eben aus einem relativen Wohlbefinden im ländlichen Bereich herausgezogen wurden, mit den Geldscheinen angelockt wurden, um in der Industrie zu arbeiten, und dann eben diese was ich Wohlstandsverarmung nenne erlebt haben, dass sie zwar mit Geld entlohnt wurden für ihrer Hände Arbeit, aber dass jetzt auf einmal sie Miete zahlen mussten, dass sie jetzt sich Essen kaufen mussten, was sie vorher angebaut hatten, und unterm Strich eigentlich dann ärmer sind als sie vorher waren.

Und diese moralische Verwahrlosung die sie angesprochen haben, ist dann auch Grund, warum sich AIDS noch weiter ausbreitet.

Ja ganz eindeutig.

Es ist auch in vielen Ländern in den HIV und AIDS so weit verbreitet ist die Krankheit gleichzeitig ein absolutes Tabuthema.

Ja.

Wie schaut das bei den Zulu aus?

Ja, dies ist bei uns genauso.
Man spricht von einem Stigma, dass die Leute eben, wenn sie diagnostiziert werden, Angst haben, dass man mit Fingern auf sie zeigt und es werden dann auch diese Geschichten erzählt, wo irgendjemand gesagt hatte: „Ich bin HIV positiv getestet worden“, und er wurde von der Familie ausgestoßen.
Oder es gab mal so einen ganz tragischen Fall vor vielen Jahren wo so ein Mädchen dann auch ermordet wurde deshalb.
Aber jetzt in der Regel ist es doch so, dass immer mehr, vor allem unserer Patienten, die dann in Behandlung sind, den Mut bekommen aufzustehen und sich vor eine Gruppe ihrer eigenen Leute hinzustellen und sagen: „Jetzt pass mal auf! Jawohl ich bin HIV-positiv, aber ich bin in Behandlung und mir geht's jetzt so gut weil ich die Behandlung nehme. Um Himmels willen, lasst euch testen! Um Himmels willen, nehmt die Hilfe an, die euch angeboten wird! Ich kann’s nicht mehr anschauen, wie so viele sterben. So, kommt zur Behandlung, dann müsst ihr nicht sterben!“
Und dies ist eigentlich die beste Werbung, die man haben kann, wenn die Betroffenen selber dieses „Peer-Counselling“ machen, also diese Beratung ihrer Menschen, die in der gleichen Lebenssituation sich befinden, und denen sagen: „So wild ist es ja gar nicht! Man kann was tun und mir wird geholfen und weil mir geholfen wird geht's mir jetzt gut!“
Und dies ist wirklich eine großartige Sache.
Und da sind wir natürlich auch sehr dran und sehr interessiert, dass dies weitergeht.

Dieses „Peer-counselling“, also dass Betroffene anderen helfen?

Ja!

Das ist etwas, das sie mit ihrer Bruderschaft des Seligen Gerhard betreiben, aufbauen, dieses Programm?

Ganz genau!
Wir sind natürlich nicht die einzigen.
Dies ist eine Sache, die jeder macht, der in der AIDS-Behandlung tägig ist, aber wir haben damit auch vor langer Zeit schon begonnen und mit großem Erfolg.

Es ist ja überhaupt erstaunlich,  dass gerade die katholische Kirche ein Vorreiter, ein Pionier ist, was die AIDS-Behandlung angeht.
Sie haben das heute ja schon angesprochen.
So eine Vorreiterrolle, man hätte sie ja eigentlich von öffentlichen Einrichtungen erwartet.
Warum hat da die Kirche dieses Problem als erste erkannt und angepackt?

Ich denke, einfach aus der Erfahrung heraus, dass man nicht zuschauen kann, wie die Leute sterben, und aus dem Angebot, das uns die amerikanische Regierung gemacht hat.
Wenn ich von „uns“ spreche, meine jetzt die katholische Bischofskonferenz.
Die haben nämlich einen verlässlichen Projektpartner gesucht, der übers Land verteilt funktionierende Gesundheitseinrichtungen hat, und von da her eine derartige Aufgabe übernehmen kann.
Und die amerikanische Regierung hat eben damals – 2003 – gesagt: „Wir verlassen uns auf die katholische Kirche, die mit ihrem funktionierenden Netz von Kliniken - wie wir es nennen - und anderen Gesundheitseinrichtungen - auch Hospizen - diese Behandlung durchführen kann und durchführen wird.“ Und man hat sich da nicht so sehr nur auf Regierungspartner verlassen sondern eben auf die Nichtregierungsorganisationen.
Und das war eben in Form der katholischen Kirche der Fall.
Und die katholische Kirche hat es einfach als den Ruf der Zeit empfunden, dass wir bei einer AIDS-Rate, die in den neunziger Jahren ja unendlich angestiegen ist –
Ich kann mich erinnern,
1993 in einem Film, habe ich mal von einer zehnprozentigen HIV Infektionsrate gesprochen und wir wären froh, wenn es so wenig wäre dann erst so ab 93, 94, 95 ist diese Infektionsrate enorm gestiegen bis Ende der Neunzigerjahre und wir sind jetzt gottlob da angelangt, dass es etwas verflacht diese Anstiegsrate -
Und „Warum hat die Kirche dies gemacht?“
Ich denke aus unserer Berufung heraus, dass wir den Menschen, denen es schlecht geht, helfen.
Und Jesus Christus war auch derjenige, der immer auf die Kranken zugegangen ist, und die Kranken geheilt hat, und der uns gesagt hat: „Wie mich der Vater gesandt hat, zu sende ich euch!“
Und dies ist unsere Sendung, den Menschen dort zu helfen, wo sie der Schuh drückt, den Menschen dort zu helfen, wo sie die Nöte haben.
Und in Südafrika gibt's eine große Not, und die heißt AIDS, und da ist die Kirche gerufen.
Und wenn sie davon ausgehen, dass in Südafrika etwa 4,8 % Katholiken nur gibt landesweit, und die katholische Kirche der größte Nichtregierungsanbieter von AIDS-Hilfe und AIDS-Behandlung ist, dann ist dies durchaus eine Sache, wo man sehr stolz darauf sein kann, und wo wir eben auch froh sind, dass wir daran mitwirken konnten von Anfang an.

Zu Gast im Studio ist Pater Gerhard Lagleder, Gründer und Leiter eines AIDS-Hilfe-Programms der Malteser in Südafrika.
Sie haben gerade erzählt, was die Kirche alles tut und getan hat für die AIDS-Kranken, die HIV-Infizierten in Südafrika.
Die Regierung dort hat in der Regierungszeit von Thabo Mbheki allen Ernstes noch Knoblauch und Rote Rüben als Mittel gegen AIDS empfohlen.
Das war ab 1999.
Eigentlich kann man da nur fassungslos zuhören, wenn man so etwas hört.

Sie haben Recht: Jeder war fassungslos.
Auch wir waren fassungslos und es hat uns natürlich unheimlich geschadet, in dem Sinn, dass wir den Leuten wirklich gesagt haben, worum es bei AIDS geht und sie eben dann sagten: „Ja, aber die Regierung sagt so und so!“, nach dem Motto „Wer seid ihr, dass ihr etwas sagt, was gegen die Meinung der Regierung ist?“
Aber in dem Fall ging es einfach um die Verkündigung der Wahrheit und um die Hilfe, die eben notwendig war.
Und wir wurden geduldet in unserer Arbeit.
Aber wir haben jetzt eine neue Regierung.
Wir haben einen neuen Staatspräsidenten.
Unsere Gesundheitsministerin, die eben damals mit den roten Beeten und mit dem Knoblauch auf internationale AIDSkongresse fuhr und einen Stand aufbaute damit, die ist inzwischen selbst verstorben.
Und wir haben einen neuen Gesundheitsminister.
Und es gibt einen großartigen AIDS-Plan für Südafrika und der wird auch sukzessive jetzt in die Tat umgesetzt und die Regierung ist natürlich jetzt wirklich - so gut sie konnte - eingestiegen und tut was sie kann.
Aber das große Problem ist, dass nur etwa 20 % von denen, die die Behandlung brauchen, sie auch bekommen.
Also wir haben einen Riesen-Aufholbedarf und dies ist natürlich eine enorme Herausforderung, wenn man bei diesen Millionen von AIDS Kranken, die es gibt in Südafrika, die behandeln soll.
Und die AIDS Behandlung eines Patienten – wir haben das mal ausgerechnet im letzten Jahr, als wir in einer Finanzkrise waren – und da kamen wir etwa drauf, dass sie etwa 1100 € pro Jahr kostet.
Die kostet in Europa das zehnfache von dem, aber selbst wenn es nur 1100 € pro Kopf sind, aber wenn sie dies mal ein paar Millionen rechnen, ist es natürlich eine enorme Herausforderung, auch finanzieller Natur, und es ist natürlich nicht leicht, aber unsere Regierung tut was sie kann.
Die Kirche tut was sie kann, und mit gemeinsamen Kräften schaffen wir's.
Wir haben jetzt auch seit 1. April eine Partnerschaft eingegangen mit der südafrikanischen Regierung, mit unserem Landesgesundheitsministerium, das jetzt unsere Arbeit unterstützt, weil die Hilfe durch die amerikanische Regierung schwer reduziert werden musste wegen Budgetschwierigkeiten der amerikanischen Regierung, und so sind wir eben jetzt dankbar, dass auf diese Art und Weise die Behandlung weitergeht.
Und wenn ich ihnen sage, dass in den ersten fünf Monaten dieses Jahres unsere Gesamt-Patientenzahl sich um 25 % erhöht hat, dann sehen sie, was es für eine enorme Herausforderung ist, vor der wir stehen.
Und wir müssen also auch jetzt unser ganzes Budget neu überdenken, weil keiner damit gerechnet hat, dass er jetzt ein Viertel der gesamten Behandlungskosten mehr aufbringen muss.
Und drum bin ich eben schon wieder in Europa auf einer – wenn ich’s so nennen darf – Bettelreise, auf einer Fundraising-Tour, um Leute anzusprechen, uns zu helfen.

Wenn in Südafrika nur jeder Fünfte, der es braucht, auch die AIDS-Behandlung bekommt, liegt es da nur am Geld?

Nein, es liegt auch daran, dass es unsere größte Schwierigkeit eigentlich ist, dass wir die Leute nicht hinterm Ofen hervor locken können, dass sie sich endlich mal testen lassen.
Dies ist eine unserer größten Schwierigkeiten.
In Südafrika ist eine zwangsweise HIV Testung juristisch nicht möglich.
Also auf Deutsch gesagt: Sie können keinen zwingen, sich testen zu lassen.
Jetzt müssen wir die Leute überreden und wir tun dies, so gut wir können.
Und wenn sich dann testen lassen, dann kann man ihnen helfen, aber es gibt eben diese riesengroße Dunkelziffer von Leuten, die dann erst sich testen lassen, wenn sie mit dem Kopf unterm Arm ins Hospiz oder ins Krankenhaus kommen, weil sie so sterbenskrank sind, und dann eben der Doktor sagt: „Jetzt passen Sie mal auf,
 wir sollten Sie jetzt einfach sicherheitshalber auch auf HIV testen und da findet man eben dann heraus, das dies eigentlich die Ursache des Übels ist.
Also - wie gesagt - unser größtes Problem ist, die Leute zu überreden, sich testen zu lassen.

Pater Gerhard, wir haben heute schon gesprochen über die großartige Rolle die die Kirche in Afrika in der Bekämpfung von AIDS hat.
Hier in Europa erntet die Kirche aber immer wieder Kritik, weil sie sich gegen das Kondom ausspricht.
Diese Haltung der Kirche hat Papst Benedikt erst letzten November anlässlich seiner Reise nach Benin wieder betont – da hat er das Abschlussdokument zu Afrika Synode präsentiert - und darin heißt es im Kampf gegen die Immunschwächekrankheit seien vor allem eheliche Treue, sexuelle Enthaltsamkeit und eine Ablehnung sexueller Freizügigkeit wirksame Mittel.
Aus ihrer Sicht als Ordensmann und als Missionar, der täglich mit HIV-Infizierten zu tun hat: Hat er Recht, der Papst?

Ja, der hat wirklich Recht.
Das einzige Hundertprozentige ist wirklich die Enthaltsamkeit.
Es ist allerdings natürlich eine Schwierigkeit, weil Enthaltsamkeit zu predigen zwar korrekt und richtig ist, aber es ist nicht sehr erfolgreich.
Die eheliche Treue ist das Zweite.
In Südafrika, wenigstens für die Zulu kann ich es sagen, da gibt's ja die Mehr-Ehe, die Polygamie, und von daher ist der Mann gar nicht so auf eine Treue zu einer Frau hin angelegt bzw. es ist Teil seines kulturellen Selbstverständnisses, dass er mit mehreren Frauen geschlechtliche Beziehungen hat, und natürlich die Promiskuität ist eines unserer größten Probleme.
Also dort anzusetzen ist natürlich der richtige Ansatz.
Aber es gibt auch eine Aussage, die der Heilige Vater gemacht hat in einem Interviewbuch, das der Peter Seewald herausgegeben hat, wo er dann auch sagt, dass unter ganz bestimmten Ausnahmefällen das Kondom auch ein Mittel der Wahl sein kann, wenn dadurch eben verhindert wird, dass ein Mann seine Partnerin, seine Ehefrau, mit einer tödlichen Krankheit ansteckt, und drum bin ich eben froh, dass es da auch ein gewisses Verständnis gibt, und dass es da auch einen Konsensus jetzt gibt.
Allerdings muss ich auch sagen, dass was immer die Kirche über Sexualmoral sagt, im Zululand wirklich verhallt, denn ich hatte schon gesagt: Es gibt ja nur 4,8 % Katholiken landesweit, und von denen weiß keiner was „Humanae Vitae“ ist, geschweige denn, was da drin steht und dass es moralische Verlautbarungen gibt in diese Richtung, ist also dem Gros der Bevölkerung völlig unbekannt, und von daher kann man also wirklich nicht mit Fingern auf die Kirche zeigen, die Kirche sei daran schuld, dass es so viel AIDS gibt.
Ganz im Gegenteil: Die Kirche ist dran „schuld“, dass es jetzt weniger AIDS gibt, weil wir eben die Leute behandeln, und wenn die Leute behandelt werden, dann fahren wir ja die Zahl der Viren im menschlichen Blut von über 1 Million pro mm³ auf unter 50 zurück, und damit ist der (Kranke) kaum noch ansteckend.
Also, wenn sie den Patienten richtig behandeln, haben sie damit auch eine relative Sicherheit, dass sich der Patient nicht ansteckt.
Und dies ist natürlich auch eine Sache, die man wirklich nicht außer Acht lassen darf.

Pater Gerhard, wir haben heute viel über AIDS in Afrika gesprochen und – nur damit jetzt nicht der Eindruck entsteht, dass das ein Problem ist, das ganz weit weg ist – AIDS ist ja ein globales Problem und können wir Erfahrungen, die es im Kampf gegen AIDS in Afrika gibt, kann man da auch was für Europa lernen, wenn ich daran denke, dass in Russland oder in der Ukraine die HIV Infektionsraten massiv in die Höhe gehen?

Stimmt, ja!
Ich denke, was man lernen kann ist,
 dass man AIDS nicht mehr als eine Krankheit sieht, gegen die man nichts machen kann.
Und dies ist also in vielen Fällen so gewesen, dass die Leute eben meinten, es könnte ihnen nicht geholfen werden und was man auch lernen kann ist, dass man dadurch, dass man die Behandlung anbietet, dadurch dass man an dem Stigma arbeitet, dass die Menschen aus sich heraus gehen, dass die Menschen offen werden und sich behandeln lassen, ich denke, dies könnte man lernen.
Und was man noch lernen könnte wäre ein selbstverständlicherer Umgang mit AIDS-Kranken.
In Europa habe ich den Eindruck, dass sie noch viel mehr ausgegrenzt werden und noch viel mehr eine Randgruppe sind, als Sie bei uns sind.
Na gut, bei einer Ansteckungsrate von den astronomischen Ausmaßen bei uns, sind ja eben die meisten HIV-positiv und die wenigsten HIV-negativ, aber dass man die Leute mehr integriert und dass sie sich nicht ausgestoßen fühlen, ich glaube das könnte man wirklich auch lernen von Afrika.

Pater Gerhard Lagleder, vielen Dank für das Gespräch!

Danke für die liebe Einladung!

 


Diese Seite ist Teil der Medienschau der Brotherhood of Blessed Gérard



Zurück zur Homepage der Brotherhood of Blessed Gérard


Diese Seite wurde am 22.9.2012 erstellt. Letzte Aktualisierung am 07-04-2013 00:54:28