Damit sie das Leben haben und es in Fülle haben

oder "In 99 Tagen um die Welt"

Die Brotherhood of Blessed Gérard ist in diesem Jahr in einer ganz besonderen Weise bereichert worden, nämlich durch die Ankunft und das Wirken von Diakon Thomas Müller und seiner Frau Angelika, die Arzthelferin ist. Die beiden kommen aus Oyten bei Bremen / Deutschland - ursprünglich aus Berlin - und sind seit dem 16. August 2005 für drei Jahre als freiwillige Helfer bei uns. Die Müllers sind absolut großartige und wirklich nette Menschen und haben einen echten Missionarsgeist, d.h. sie verkünden den Glauben durch lebendige Taten. Sie helfen wo sie können, wo immer eine helfende Hand gebraucht wird und sind ebenso treu wie froh in ihrem Dienst. Es ist nicht nur ein Vergnügen, sondern ein wahrer Segen, dass sie bei uns sind. Die Überschrift für diesen Artikel "Damit sie das Leben haben und es in Fülle haben", ein Zitat aus der Hl. Schrift (Joh 10,10) drückt in zweifacher Hinsicht aus, was es mit dem Hier sein von Thomas und Angelika Müller auf sich hat: Sie kamen zu uns aus dem Wunsch heraus "Glauben, Leben und Welt noch aus einer uns neuen Perspektive kennen zu lernen" und so eine vielleicht noch intensivere Fülle ihres Lebens zu erfahren. Ihr Wirken hier bei uns zeigt aber auch ganz deutlich, dass sie gekommen sind, damit die uns Anvertrauten im Hospiz und Kinderheim und all unseren anderen Projekten "das Leben haben und es in Fülle haben". In den ersten 99 Tagen sind sie nicht nur geographisch um die Welt gereist, um zu uns zu kommen, sondern haben auch in dem, was sie erlebten, neue Welten erschlossen und in dem, was sie tun, den ihnen Anvertrauten neue Welten eröffnet.

Diakon Müller veröffentlicht das, was er erlebt, in sehr tiefgründiger und menschlicher Weise auf seiner Homepage im Internet bei http://www.st-matthias-achim.de/wir/seelsorger/diakon.htm und wir drucken Ausschnitte davon mit seiner gütigen Erlaubnis hier ab, um Sie mit auf die Reise eines Außenstehenden zum Insider zu nehmen:


A forty two hours day

5.00 Uhr, ich hätte nicht schlecht Lust diesen aufdringlichen Wecker an die Wand zu schmeißen. Die Nacht war kurz, der gestrige Abend mit den Kindern aber sehr schön. Beide Söhne sind mit ihren Freundinnen zum Abschied nach Köln gekommen und wir haben das eine und andere leckere Kölsch verdrückt. Mein Kopf hat das noch nicht ganz vergessen und der Wecker interessiert sich nicht dafür, also raus, die Nacht ist vorbei, die vorerst letzte in Deutschland. Duschen und schon mal packen. Die Zeit ist knapp. Um kurz nach 12 geht unser ICE vom nahen Bahnhof Deutz. Am Hauptbahnhof kommen heute die Gäste für den Weltjugendtag an; 800 000 werden erwartet. Als die Koffer kurz vor dem Frühstück fertig sind, wiegen sie natürlich zuviel; obwohl wir vor zwei Wochen geübt hatten. Also noch ein paar Sachen raus. Wir entscheiden uns kurzfristig, einen kleinen Koffer nach Mandeni mit der Post zu schicken, damit es am Flughafen keinen Ärger gibt. Einen größeren Koffer schicken wir zu unseren Kindern nach Achim. In dem kleinen Auto, mit dem die vier plus Gepäck hier sind, ist wirklich kein Platz mehr. Weil die Zeit drängt teilen wir uns nach dem Frühstück und dem kurzen Abschiedsrundgang. Christian, unser ältester, fährt mich mit dem Auto zum Bahnhof, während Angelika die letzten Abrechnungen und Formalitäten im Haus erledigt. Im Bahnhof gibt es keine Schließfächer. Zum Glück hat Christian vor dem Eingang gewartet. Wir laden die schweren Koffer wieder ein und fahren zur Post. Die hat zum Glück offen und es ist auch nicht gerade voll. So werden wir die beiden Frachtkoffer los. Läuft bei Angelika alles? Ich weiß es nicht, unsere Handys sind abgemeldet und gehen seit Mitternacht nicht mehr. Wenn doch sonst immer alle so pünktlich wären. Nun schnell zurück zum Bahnhof damit Christian mit den anderen das Auto packen kann. Ich sitze auf unseren Koffern und warte auf Angelika.

Eine seltsame Anspannung breitet sich in mir aus. Heute werde ich Europa verlassen und in einem Land, in dem die Menschen ganz anders aussehen und leben, für drei Jahre Heimat beziehen. Müsste da nicht ein Orkan in mir toben? Es nieselt. Ich sehe hinaus auf das heute graue Deutz und hoffe, dass bei Angelika alles glatt gegangen ist und dass die ankommenden Jugendlichen schöne Tage in Köln haben. Ich bin ruhig und fühle mich trotz aller Unklarheiten und allem Neuen, was da kommen wird sicher und geborgen. Das Jesaja-Wort fällt mir ein: „Kann denn eine Frau ihr Kindlein vergessen, eine Mutter ihren leiblichen Sohn? Und selbst wenn sie ihn vergessen würde: ich vergesse dich nicht. Sieh her: Ich habe dich eingezeichnet in meine Hände …“ (Jes 49,15f) Diesen Bibelvers hat der Pfarrer, der mich auf den Weg zum Diakonat brachte, für mich herausgesucht. Ja, Gott vergisst uns nicht, auch wenn wir manchmal lange Zeit nichts von ihm zu spüren meinen.

ICE 725 Abfahrt 12.12 Uhr aus Gleis 11Viertel vor 12 ist Angelika am Bahnhof, genug Zeit, dass sie sich noch über Bahnhofslautsprecher eine Raucherbelehrung anhören kann, extra für sie durchgesagt. Nach nicht einmal einer Stunde steigen wir in Frankfurt aus. Der Flughafen ist umwerfend. Wie auf einen Ameisenhaufen wuselt alles umeinander, im Gebäude, davor und auf dem Rollfeld. Alles scheint eingespielt. Ein undurchdringlicher Mechanismus. Die Kinder kommen mit dem Auto nach und wir genießen gemeinsam die Internationalität und eine Pizza. Noch ein Kuss zum Abschied und wir sind allein. Nun ist es soweit. Mir gehen die letzten Tage und Wochen durch den Kopf. So intensiv, so ereignisreich, so tief, fast zuviel für einen bzw. zwei. SA 261. Pünktlich um 20.45 Uhr rollt die Maschine an. Um Punkt 21 heben wir ab. Am Heckflügel des Flugzeuges ist ganz oben eine Kamera montiert, die Livebilder auf die kleinen Monitore an den Sitzen überträgt. Schnell senkt sich die Nacht und wenn wir nicht unentwegt irgendetwas hätten essen oder trinken sollen, wären wir nun sicher zur Ruhe gekommen.

Als die Außenbordkamera wegen der Dunkelheit keine Bilder mehr liefert, schalte ich auf den GPS-Channel um und verfolge unseren Flug auf der skizzierten Karte. Von Frankfurt gerade nach Zürich, dann weiter zum Westzipfel von Sizilien, hier ein leichte Schwenk in östliche Richtung nach Libyen. Gegen 23.00 Uhr erreichen wir die Nordküste Afrikas. Von hier geht es fast schnurgerade quer über den Kontinent nach Johannesburg. Schlafen kann ich immer nur sehr kurz einmal. Zu voll sind mein Kopf und mein Herz. Ich denke an die Familie und die Freunde und versuche mir vorzustellen, was da auf uns zukommt, oder besser, worauf wir da zufliegen. Wir haben uns lange vorbereitet, aber wie sieht die Wirklichkeit aus? Ich bin langsam. Ich brauche immer viel Zeit um mich einzuleben, mich hineinzufinden und mich heimisch zu fühlen. Wie wird das gelingen unter den Bedingungen in Mandeni?

Die Sonne geht auf. Unbeschreiblich schön hier über den Wolken: „Über den Wolken …“. Die Kamera liefert wieder Bilder. Wie ein kleiner Junge verfolge ich den Landeanflug und die Landung; traumhaft. Hinter den Scheiben ist Afrika. Der Boden sieht genauso rot aus wie auf den Fotos. In Flughafengebäude läuft alles auf Englisch. Es sind auch sehr viele weißhäutige unterwegs, viel mehr, als ich erwartet hatte. Nun der Gang durch Pass- und Zollkontrolle. Schon im Flugzeug konnten wir Zollerklärungen ausfüllen, was sich als ausgesprochen hilfreich erweist. Die endlosen Schlangen bei der Passkontrolle lösen sich schneller auf als Sommernebel beim Sonnenaufgang und der strenge Zöllner grüßt freundlich, weißt uns in Südafrika willkommen und winkt uns durch, nachdem er unsere Zollerklärung entgegengenommen hat.

Wir sind wirklich hier. Wieder einmal so ein Moment in dem ich sagen wollte: Komm zwick mich mal, ich will wissen, ob das hier alles wahr ist oder Traum.

Leider ist der Himmel von Wolken dicht bedeckt. So sehen wir die Sonne erst wieder, als wir im Flugzeug nach Durban sitzen, dafür sehen wir nichts von Südafrika. Man kann eben nicht alles haben. Etwas früher, als der Flugplan es vorsieht sind wir in Durban; 9.55 Uhr. „Na endlich! Also jetzt kann schon fast nichts mehr schief gehen. Ich stehe auf jeden Fall am Dienstag, den 16. August 2005 genau an der Tür, aus der Sie kommen werden, wenn sie in Durban angekommen sind …“ Diese Worte von Pater Gerhards Mail gehen mir durch den Kopf, als wir unsere Koffer von Band nehmen. „Nun kann fast nichts mehr passieren“, aber eben auch nur fast. Hinter der Tür, und es gibt hier tatsächlich nur die eine, die in Frage kommt, stehen viele Leute, die jemanden abholen. Ein bisschen wie im Kino, in den Filmen, wo die Leute am Flughafen abgeholt werden; so mit Schildern „Schmidt“ oder „Hotel XY“ oder so. Nur Pater Gerhard steht nicht da. Ein Schild hätte er nicht gebraucht, wir kennen uns. Nun, denken wir uns, wir sind hier in Afrika, hier gehen die Leute anders mit Zeit um, als bei uns. Eine Stunde vergeht. Wir sind noch da. Die Szene wiederholt sich bei jedem Flugzeug, aber niemand kommt, den wir erkennen würden. Inzwischen lesen wir auch die Schilder, kann ja sein, dass Pater Gerhard verhindert ist und jemanden schickt, der uns nicht kennt. Aber nichts. Nun, wir sind in Afrika. Wir haben also Zeit. Was tun? Einen Kaffee trinken. Wir haben noch keine Rands aber die Wechselstube natürlich längst entdeckt. I need your Passport! Meinen Pass? Zum Geldwechseln. Nun, ich gehe zu Angelika und hole meinen Pass. Bitte füllen sie das hier aus. „Entschuldigen sie, ich wollte nur etwas Geld wechseln. Ich komme aus Deutschland und brauche ein paar Rand.“ „Ja, bitte füllen sie den Bogen aus.“ Mit Pass und Formular verschwindet sie. Nach weniger als 45 Minuten habe ich die horrende Summe von 300 € doch tatsächlich in die Landeswährung ungetauscht. Das war damals in der DDR aber leichter. Nun was soll’s, wir können jetzt wenigstes einen Kaffee trinken. Das funktioniert auch absolut reibungslos. Kurz vor 12. Mein Deutschsein nimmt Überhand. Ich will was tun. Wir rufen in Mandeni an. Oder zumindest wollen wir das. Die aufgestellten Telefone sind zwar mit Erklärungen versehen, funktionieren aber offensichtlich anders als es draufsteht. Jedenfalls können andere telefonieren und wir nicht. Die Welt ist ungerecht, ich hab es immer geahnt. Zu unserer Freude funktioniert wenigstens Angelikas Handy. Sie hatte sich in Köln noch eine prepaid Karte geholt. Wir erfahren so, dass Father, wie er in der Bruderschaft von allen liebevoll genannt wird, auf dem Weg zum Flughafen ist. Na, dann ist ja alles im Lot. Der Kaffee meldet sich. Im Toilettenbereich spüre ich erstmals, dass ich in einer Aids-Hochburg bin. Ein Spender bietet kostenlos Kondome an.

Bald kommt Pater Gerhard und begrüßt uns mit einer so herzlichen Umarmung, dass wir uns fühlen, als kämen wir nach Hause. Es ist ein wirklich schönes Gefühl willkommen zu sein.

Unser unbegleitetes Gepäck schreibt derweil ein eigenes Kapitel. Davon später mehr.

Tugela RiverNach einem kräftigen Mahl in der Flughafengaststätte geht es ab Richtung Mandeni. Es ist unglaublich gewöhnungsbedürftig, dass hier alle auf der falschen Seite fahren. Ich meine, wenn es alle machen, dann ist es ja nicht wirklich schlimm, aber ich kann mich nur sehr langsam daran gewöhnen. Ans Herz geht aber nicht der Linksverkehr, sondern die ersten Armenviertel, die wir entlang der Autobahn sehen. Nun kommt die Armut greifbar dicht heran. Hundert mal habe ich solche Viertel im Fernsehen gesehen, auch viel größer, aber die waren alle weit weit weg. In krassem Gegensatz zu den Armensiedlungen stehen die Einkaufspaläste der Reichen, zu denen auch ich gehöre und vor allem die wunderschöne Landschaft. Kurz vor Mandeni zeigt sich auch zum ersten Mal der Tugela.

Gegen 16.00 Uhr treffen wir im Care Centre in der Anderson Road ein. Die Anderson Road ist eine gepflegte Straße, die es so auch irgendwo in Italien oder Spanien geben könnte. Auch das Care Centre zeigt sich schöner, als es auf den Fotos aussah, die wir in Deutschland gesehen hatten. Nach einer Blitzeinführung haben wir erste einmal Zeit unsere Sachen auszupacken und uns etwas frisch zu machen. Über unsere kleine Wohnung schreibe ich später mehr. Als ich dann kurz vor dem Abendessen auf der Straße stehe und ein wenig die Gegend bestaune, läuft nur 20 m von mir entfernt ein Affe über die Straße; ja, wir sind nun wirklich in Afrika.

Das Abendessen ist kein gewöhnliches, sondern ein Willkommensmahl. Ganz außergewöhnlicher Weise, aber was ist bisher an unserem Unternehmen nicht ganz außergewöhnlich gelaufen, sind heute acht Deutsche im Haus. Zwei junge Frauen, die als Volontäre hier arbeiten, eine noch eine, die andere noch vier Wochen. Eine von beiden hat Besuch von ihren Eltern, das macht vier Deutsche, dazu kommt ein Pater (na ja, wenigstens deutschsprachig) aus Österreich, Pater Gerhard und wir beide. Das ist die Runde, die sich im Empfangsraum von Pater Gerhard zum Essen versammelt. Für uns natürlich wunderbar, weil wir nicht sofort nur noch englisch sprechen müssen. Ein rundum leckeres warmes Abendessen und ein wunderschöner Abend. Mehr als 42 Stunden sind wir auf den Beinen, als wir kurz vor Mitternacht erschöpft aber von Herzen froh in Bett sinken.


Landung in DurbanSanfte Landung

Nach rund 10-stündigem Flug betreten wir erstmals afrikanischen Boden, als wir am 16.8. bei Sonnenaufgang das Flugzeug in Johannesburg verlassen. Die endlos langen Schlangen an der Passkontrolle sind erstaunlich schnell überstanden, und der Zoll winkt uns mit einem freundliche „Welcome in South Africa“ einfach durch. Hinter dem Zoll steht ein Helfer in gelbem Overall hilft uns mit dem Gepäck und bringt uns zu unserem nächsten Flugzeug. Reibungslos kommen wir nach Durban, wo wir von Father Gerhard abgeholt werden.

Am Abend gibt es ein deutsches Willkommensmahl für uns. Außer Pater Gerhard sind noch für kurze Zeit zwei deutsche Volontäre im Haus, von denen eine Besuch von ihren Eltern hat. Dazu kommt ein deutscher Missionar, Pater Severin, der nach seinem 5. Herzinfarkt zur Rehabilitation im Hospiz untergebracht ist. Er wird, wenn es ihm besser geht in der Hausseelsorge helfen. Mit Angelika und mir sind das dann acht Deutsche! Überraschend und für den ersten Abend überaus angenehm, weil unser Englisch immer noch verbesserungsbedürftig ist. Auch von den übrigen Mitarbeiter/innen werden wir freundlich aufgenommen und erst einmal sehr geschont. Inzwischen arbeiten wir so gut es geht mit und versuchen mindestens niemandem im Wege zu stehen, wenn wir selbst nicht weiterkommen. Sanfter kann man kaum in einer fremden Welt landen.


Bushtour

Anderson Road, rechts das Care Center9.00 Uhr, 21°, Sonnenschein und ein sanftes Lüftchen weht über Mandeni, es ist noch immer Winter. So beginnt für uns der erste komplette Tag in unserer neuen Heimat. Formalitäten und Einweisung stehen auf dem Programm. Nicht unbedingt das Spannendste, aber wichtig ist es schon, kennen wir uns doch überhaupt nicht aus und ob im Ernstfall jemand in der Nähe ist, den wir ausreichend verstehen ist nicht gewiss. Pater Gerhard macht das aber auch recht lebendig und abwechslungsreich. Wir erfahren nun auch, warum es zwei Schreibweisen gibt: Mandini und Mandeni. Beides leitet sich von der Mandafarm ab, die früher das ganze Gebiet beherrschte. Da man später beide Sprachregelungen, die sich parallel über den Zwischenschritt eMandeni eingebürgert hatten, erhalten wollte, bekam ein Ortsteil von Mandeni die Bezeichnung Mandini. Es gibt also tatsächlich auch heute beides. Mandeni besteht aus drei Ortsteilen: Mandini, Tugela und Sundumbili. Bis zu 40 km um das Care Centre herum werden Einsätze gefahren und Patienten abgeholt. Es gibt aber auch Patienten, die von ganz weit weg kommen, die kommen dann aber selbst organisiert.

Die Mahlzeiten hier sind ein Erlebnis. Nicht wegen des Essens, das ist ausgezeichnet, reichlich und immer lecker. Da müssen wir noch stärker auf unser Gewicht achten, als in Köln. Wir sitzen, wenn es geht mit den Einheimischen am Tisch. Wie schon erwähnt gibt es da kleine Sprachhürden. Wenn wir aber die ersten Zuluworte lernen und ganz leise aussprechen, lacht der ganze Speisesaal. Es ist kein Auslachen, eher anerkennendes Lachen und Freude über den guten Willen, der durch unsere Bemühungen erkennbar wird.

Nach einer ausgiebigen Führung durch den gesamten Komplex raucht uns der Kopf und wir sind dankbar, dass zum Tagesausklang sich wieder die kleine deutsche Kolonie bei Father einfindet. Morgen geht es auf die große Buschtour, eine Fahrt durch den Einzugsbereich des Centres.

Da rückt die Armut nun noch dichter heran. Schon bei uns im Haus haben wir sterbenskranke gesehen, aber die waren wenigstens sauber und in den Umständen entsprechend gutem Pflegezustand. Auf der Buschtour sehen wir nackte Armut.

'Friedhof' am Rande eines Armenviertels, Gräber am WegrandDie schöne Landschaft und der malerische Tugela im Hintergrund können über das Elend nicht hinwegsehen lassen. Aus ärmsten Verhältnissen kommen unsere Patienten, Frauen, Kinder, alte Menschen, selten erwerbsfähige Männer, die sind fort oder schon an Aids gestorben. Das Kinderheim, das zum Care Centre gehört, ist quasi von selbst entstanden. Da kamen Mütter zum Sterben ins Hospiz und brachten ihre kleinen Kinder mit. Soll man diese nach dem Tod der Mütter auf die Straße hinausjagen? Verwandte finden sich nicht immer. Vielleicht ist ihnen die Beerdigung zu teuer, vielleicht hat sich die Familie wirklich aus den Augen verloren, wer will da Richter sein? Wo das Dunkel am größten ist, da brennt eine Kerze am hellsten, wenn man denn den Mut hat sie zu entzünden. Hier in Mandeni geschieht das jeden Tag mehrmals. Es geht immer ums Leben, leben bis zum letzten Atemzug. Leben hat schöne Augenblicke, auch wenn die Bedingungen grausam sind. Besonders gut ist das zu spüren, als wir wieder daheim sind und das Kinderheim besuchen. Father, Father rufen die Kinder, 9 Monate bis 12 Jahre alt, und begrüßen erst einmal Pater Gerhard. Dann wenden sie sich uns zu, befühlen unsere Haut und untersuchen vor allem meine Haare auf den Armen. Dem Zulu wächst selten ein Bart, aber niemals hat er Haare auf den Armen, das ist etwas Besonderes für die Kinder.

Was die Kinder hier bekommen scheint auf den ersten Blick nicht sehr viel und ist doch alles was ein Mensch wirklich braucht: Ein Dach über dem Kopf, sauberes frisches Wasser, ausreichend gesunde Nahrung, Kleidung und vermittelt durch viele Helferinnen und Helfer, Liebe und Geborgenheit. Pater Gerhard nennt das in einem Artikel treffend: Ein Himmel von Pflege in der Aidshölle von Südafrika.


Gute Fahrt

Der Einstieg fing ganz sacht an, gewann dann aber zusehends an Fahrt. So haben wir beide inzwischen sowohl im Hospice wie auch im Children´s Home gearbeitet und erste Eindrücke gesammelt. Erfahrungen, die unter die Haut gehen, Arbeit, die so wichtig und erfüllend sein kann.

Angelika vor ihrer ersten und einzigen FahrstundeAuf eine ganz andere Art und Weise spannend war unsere Einführung in den Südafrikanischen Linksverkehr. Das klappte aber viel besser, als wir uns das in Deutschland ausgemalt hatten. Inzwischen dürfen die Fahrzeuge der Brotherhood fahren. Zweimal war ich seitdem mit dem Krankenwagen draußen, wie man hier so sagt.

Ansonsten geht hier langsam der Winter zu Ende, die Temperaturen steigen sachte und erreichen sicher bald die 30° Marke. Es gibt viel Sonne und, was den Pflanzen nicht gut tut, wenig bis gar keinen Regen.

Kurz gesagt, es ist spannend, interessant, tief von der Erfahrung und außerordentlich herzlich vom Kontakt mit allen hier lebenden und arbeitenden Menschen, ob schwarz oder weiß.


Bathed for heaven

Nie in meinem Leben habe ich Menschen im Altenheim oder im Krankenhaus als Pfleger betreut. Ich wusste wohl um die Dienste, die in solchen Einrichtungen geleistet werden, schließlich arbeitet Angelika seit Jahren im Krankenhaus, aber selbst habe ich höchstens einmal mit angepackt, wenn jemand umzudrehen war, oder so etwas. Nun arbeite ich als Pfleger in einem Hospiz. Fikile, die schwarze Caregiverin, ist eine Seele von Mensch und führt mich in die Kunst fachgerechter Pflege ein. Sie ist dabei eine genauso liebenswürdige wie strenge Lehrerin. Der erste Patient ist ein relativ junger Mann, ich kann das Alter der Zulus sehr schwer einschätzen, vielleicht 30, dessen Beine versteift und seitlich abgewinkelt sind. Auch seine Hände kann er wegen Versteifungen nicht mehr gebrauchen. Er ist also rundum auf Hilfe angewiesen. Sein Kopf ist im Bereich der Haare verschorft. Wir ziehen ihn aus und waschen ihn, dann versorgen wir seine Bettgeschwüre. Fikile gibt mir die Gaze und lässt mich die Wunden reinigen.

Ich will diese Vertrautheit nicht durch Fotos zerstörenDer zweite Patient hat keine Wunden und ist insgesamt gesundheitlich besser beieinander, braucht aber auch Vollpflege. Bei ihm sind es die Windeln, die mir eine neue Erfahrung vermitteln, mit allen Sinnen. Als wir an das Bett des dritten Patienten kommen, stellt Fikile sich auf die rechte Seite, die, an der ich bisher gestanden hatte. Fröhlich lächelnd zwinkert sie mir zu: „That´s your turn.“ „Was, ich soll ihn waschen und versorgen?“ „Ja, ich will sehen, wie Du das machst.“ So wusch ich meinen ersten Patienten völlig selbständig, zog ihm frische Kleidung an und richtete sein Bett. Er war kaum zur Mithilfe fähig. Für mich war das in diesem Moment eine echte Herausforderung. Als er fertig versorgt war und auch noch bestätigte, dass es ihm - den Umständen entsprechend - gut ging, war ich doch recht froh. Fikile ist ein Zuluname und hat wie alle Zulunamen eine aus dem Leben gegriffene Bedeutung. Fikile heißt Ankunft. Wie passend, nun bin ich wirklich bei den Armen und Kranken angekommen; hautnah im wahrsten Sinne des Wortes. Als wir eben dabei waren Geräte und Gegenstände zu desinfizieren wurde ich zur Dienst habenden Schwester gerufen. Ein Einsatz draußen, wie hier alle sagen. Ich sollte den Krankenwagen fahren. Es gibt hier nicht so viele Mitarbeiter mit Fahrerlaubnis. So war ich die nächsten zwei Stunden unterwegs. Nach unserer Rückkehr aßen wir erst einmal Mittag, die Küche hatte Bescheid bekommen und für uns später Essen bereitet. Danach ging ich wieder in die Pflege. Windeln wechseln, Saft anreichen, das Bett aufschütteln, höher oder tiefer stellen, Patienten auf die Terrasse bringen usw. Da fragt mich die Schwester: „Wären sie bereit einem Sterbenden die letzte Begleitung zu geben?“ „Selbstverständlich, dass ist meinem Beruf näher als alles andere, was ich heute getan habe.“ Zuerst sollte ich aber die Arbeit beenden, bei der ich gerade war. Ich war noch nicht fertig, da tönte der Schwesternruf aus Nr. 5, dem Raum, in dem der Sterbende lag. Ich ging mit hin, der Patient war gestorben. Als ich in sein Gesicht sehe, erkenne ich den jungen Mann, den ich gewaschen und versorgt hatte.

Gott schuf nichts, was keine Schönheit hatIch hatte ihn vorbereiten dürfen, vor unseren Schöpfer zu treten. Es war ein total neues und umwerfendes Gefühl. Ich kann es nicht beschreiben. Hätte er in verkoteten Windel, verschwitzt und nach Schweiß riechend vor unseren Herrn treten sollen? Ist es nicht ein wahrhaft existentieller Dienst ihm einen würdigen Übergang ins Ewige Leben zu bereiten? Ich mache hier schon in den ersten Tagen so tiefe Erfahrungen. Was werden die kommenden Jahre noch für mich bereit halten?


Samstagabend

Frisörsalon in der GarageGerade habe ich die Garage gefegt, in der meine Haare herumflogen, Angelika hat mir wieder eine ansehnliche Frisur verpasst und hier ist es am leichtesten einen provisorischen Frisörsalon aufzuräumen. 19.30 Uhr, das Telefon geht, Father. Eine Einladung zu einem Hausgottesdienst in seiner kleinen Kapelle im ersten Stock. Ja, das würde sicher jetzt gut tun. Es ist Samstag, da hatten wir nicht wie sonst Hl. Messe am Morgen. Der Tag ging unter die Haut, wieder einmal. Zwei Sterbefälle. Beide kannte ich, ich hatte sie gewaschen und versorgt. Ein Jugendlicher, gleich in der Frühe.

Um 6.45 Uhr beginnt mein Dienst. Als Siyabonga, dem ich heute zugeteilt bin, einen Patienten zum waschen vorbereitet, hören wir lautes schmerzvolles Schreien. Weil es nicht enden will geht Siyabonga nachsehen. Das Schreien hält an, 1,2 Minuten, vielleicht noch länger, eine Ewigkeit, wenn da ein Mensch vor Schmerzen so laut schreit. Ich beginne Sandile zu waschen, er bekommt heute ein „Vollbad“. Das heißt, dass wir ihn mit Hilfe eines Rollstuhls ins Bad gefahren haben und er richtig abgeduscht und abgeseift wird. Siyabonga kommt wieder uns sagt mit verhaltener Stimme: „Es war Tammy aus Ward 8; er ist tot.“ Tammy, so wurde er hier nur genannt, war 17 Jahre alt. Er wollte leben. Er hatte sich einen CD-Player von seiner Familie bringen lassen. Seine Familie besuchte ihn täglich und Freunde. Er hatte ein Handy und telefonierte und schickte SMS. Er hatte in der Aidshölle alles richtig gemacht und war nicht HIV-positiv, er hatte Krebs. Wenn wir ihn wuschen liefen ihm die Tränen, solche Schmerzen verursache selbst eine behutsame Wäsche. Er sagte keinen Ton, ertrug alles in eiserner Disziplin. Und doch musste er sterben; ich könnte heulen. Wir kümmern und weiter um Sandile. Er lebt, er braucht unsere Hilfe und er genießt es geduscht zu werden und kann uns das auch noch sagen. Nach einer Stunde liegt er sauber und mit gut versorgten Wunden wieder im Bett und wir bereiten uns auf unseren nächsten Patienten vor. Es ist ein sehr großer Mann und, was hier bei uns die absolute Ausnahme ist, er hat weiße Haut, er liegt in Word 7. Er sieht etwas verwegen aus und ich weiß auch nicht wie er heißt. Gestern hatten wir ihn schon versorgt. Er wirkte panisch und hatte zwischen klaren Momenten immer wieder Zeiten, in denen er scheinbar nichts von der momentanen Realität aufzunehmen schien. Ich spreche ihn sofort an und versuche in meinem gebrochenen Englisch den Kontakt nicht zu verlieren. Immer wieder schaut er mir zwischenzeitlich fest in die Augen. „Ja, wir sind wirklich hier um Dir zu helfen, dass Du Dich wohler, sauberer und frischer fühlen kannst“, möchte ich ihm sagen und versuche es auch, so gut es geht. Immer wieder greift er nach meinem Arm, schaut mir schweigend in die Augen. Er scheint Schmerzen zu haben, trotz Schmerzbehandlung. Es geht ihm schlecht. Von der Schwester, die ihn zwischenzeitlich untersucht, erfahren wir, dass er vor einer Woche noch alleine Auto fahren konnte und nun der Krebs die Oberhand zu gewinnen scheint. Nun, das Telefon rief uns zur Messe und wir gehen.

Hauskapelle beim FatherOben treffen wir Veronika. Sie ist für fünf Wochen als Volunteer hier und sieht auch ziemlich geschafft aus. Sie war heute im Children´s Home. Popkorn hatte sie mit den Kindern gemacht, aber die waren alles andere als friedlich und zufrieden. Sie machten ihr das Leben schwer und so ist sie froh, dass nun Feierabend ist und sie nicht allein war. Gerade, als Father kommt, klingelt das Telefon; Der Mann aus Word 7 ist soeben gestorben. Vor einer Woche ist er noch Auto gefahren! Ich spüre, dass nicht jeder Tod wie der andere ist. Natürlich habe ich für jede und jeden die Gewissheit, dass Gott sie in seine liebenden Arme nimmt, immer wieder einmal führt mich der Tod doch auch an meine Grenzen. So schnell, so radikal. Warum? Warum nicht? Mein Herz ist ziemlich durcheinander. Auch seine Familie hatte sich rührend um ihn gekümmert, Frau, Kinder und Enkel. Father kommt und die Messe beginnt. Sie ist sehr dicht unter dem Eindruck des Tages, Veronika weint. Father, Mrs. K, Veronika und wir beide, sonst ist niemand da. Besonders lang dauern die Fürbitten, viel Stille, tiefe Bitten. Bei einer Fürbitte für unsere Familien in Übersee kullern auch bei Angelika die Tränen. Der Tag ist nicht spurlos an uns vorüber gegangen. Und hier hat ALLES Platz, ALLES können wir mit auf den Altar legen, still oder in Worten. Danke für diese Zeiten, danke für einen Glauben, der alles trägt. Anschließend sitzen wir noch zusammen. Auch diese Runde atmet den Geist des Tages. Wir berichten von unseren Erlebnissen und können uns ganz offen begegnen. Trotzdem fehlen Freude und Humor keineswegs. So nimmt beispielsweise auch Fitz Platz an unserem Tisch, weil Father beim Aufdecken der Gläser nicht richtig gezählt hat. Und wieder geht das Telefon, und wieder geht Father zur Aussegnung einer Verstorbenen. Das ist Hospiz, das ist unsere Aufgabe.

Kurz vor 11 sind wir wieder in unserer kleinen Wohnung. Die Albe muss noch gebügelt werden, morgen ist Sonntag. Angelika legt sich schlafen, sie hat Frühschicht, ich muss erst um 9.30 Uhr antreten und schaue noch in die Texte vom Sonntag: Keiner von uns lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber: Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Ob wir leben oder ob wir sterben, wir gehören dem Herrn. Denn Christus ist gestorben und lebendig geworden, um Herr zu sein über Tote und Lebende (Röm 14,7-11).


A

„Schreiben sie einfach >A< Mr. Miller“, antwortet die Schwester, als ich nach unserer Rückkehr den Fahrtenbogen ausfülle und nach dem Zweck der Fahrt frage. A steht für assessment und meint, dass wir schauen waren, ob eine kranker Mensch zu uns ins Hospiz kommt, in die Klink oder ins Hospital muss oder aber ob er gar nicht so krank ist, was allerdings solange ich hier bin noch nicht vorgekommen ist. A für ein Menschenschicksal.

Wir mussten gut 30 Minuten fahren, die meiste Zeit auf denkbar schlechten Wegen. Zuerst hatten wir einen Jungen abgeholt. Er musste uns den Weg zeigen. In einem Armenviertel gibt es keine Straßennamen und auch keine Hausnummern. Eine Adresse kann schon mal beschrieben werden mit: Am Container links und dann hinter dem Baum noch einmal links. Dann immer geradeaus bis wir winken. Trotzdem gibt es Gott sei Dank in vielen Hütten Strom und einen Kühlschrank. Sonst würde alles verderben und noch mehr Krankheiten wären die Folge. Die letzten 200 Meter mussten wir zu Fuß über einen schmalen Trampelpfad gehen.

Weil wir eine Patientin abholen wollen, die nicht mehr gehen kann, nehmen wir unsere leichte Trage mit, der Trolli geht hier nicht. Der Pfad ist gewunden und schon ohne Trage schwer zu gehen. Die Hütte ist etwa 6 mal 3 m groß und besteht aus zwei Räumen, die jeweils nur von außen zu betreten sind. Der Boden ist zementiert, die Wände bestehen aus einem Doppelten Drahtgeflecht in das faustgroße Steine gefüllt sind. Dann wurde alles bis zu einer Höhe von ca. 150 m mit Lehm abgedichtet. Oben sieht man das Drahtgeflecht. Die Decke besteht aus Wellblech. Ein Kühlschrank und ein winziges Schränkchen sind die einzige Einrichtung. Die Patientin liegt auf einer Strohmatte auf dem betonierten Fußboden.

Sofort bei unserem Erscheinen laufen einige Leute zusammen, junge und alte, Kinder und Erwachsene. Die Schwester redet mit der Patientin und entscheidet dann, dass sie mitfahren kann, was ihr Wunsch war. Den Trampelpfad geht es nun zurück. Obwohl die Frau spindeldürr ist wird sie immer schwerer. Wir sind bemüht die Trage möglichst waagrecht zu halten. Endlich am Krankenwagen. Im Schritt-Tempo und manchmal noch langsamer geht es nun zurück über die Bad-Road. Ich bin heil froh, als wir in der Gluthitze die Teerstraße erreichen, rund 1 ½ Stunden sind wir nun schon unterwegs.

Ein anderes Mal können wir bis vor die Tür fahren. Wieder besteht die Hütte aus zwei Räumen, diesmal aber innerhalb miteinander verbunden. Der erste Raum ist fast leer. Auf dem Boden sitzen entlang der Wand etwa 10 Zulufrauen. In der Ecke brennt eine Kerze. Im Nebenraum stehen ein einfaches Doppelbett und ein Schrank. Im Bett liegt unsere Patientin. Sie weiß noch gar nicht, dass in der Nacht ihr Bruder gestorben ist, der sie versorgt hatte. Für ihn brennt nebenan die Kerze. Möglichst schonend wird ihr ihre schwierige Situation beigebracht und sie willigt schließlich ein mit ins Care Centre zu kommen, sie ist die letzte ihrer Familie, die Frauen im Nebenzimmer sind Nachbarn.

Am selben Tag fahren wir zu einem jungen Mann, 17 Jahre alt. Er ist schwer krank und kann sich nicht mehr allein versorgen. Seine Eltern sind beide gestorben, nun lebt er mit seiner 15-jährigen Schwester in einem gut gepflegten kleinen Haus. Er stirbt wenige Tage später, für seine Schwester können wir nichts tun. Im Fahrtenblatt steht auch in seiner Spalte - 42 km - 1:45 houres outside - driver Thomas Müller - A.


Veronika

Als wir am 16. August in Mandeni ankamen, dachten wir, dass Pater Gerhard, oder Father, wie er hier nur genannt wird, der einzige ist, der außer uns deutsch spricht. Wir waren dann recht überrascht und froh, als noch andere Deutsche im Haus waren, wenn auch nur für kurze Zeit. Eine von ihnen war Veronika. Sie ist Mitte zwanzig und studiert Englisch und Sport und ist inzwischen schon wieder in Deutschland. Sie hat viel dazu beigetragen, dass wir hier so sanft landen konnten. Durch ihr freundliches Wesen und ihre nette Ausstrahlung gepaart mit der Gabe sowohl Deutsch als auch Englisch zu sprechen, hat sie uns immer wieder Brücken gebaut zu Patienten, Kindern und Kollegen. Besonders überraschten mich ihre tiefen Gedanken. Mit 25 denken viele an Karriere und Freizeit. Sie machte sich Gedanken über Sinn und Ziel des Lebens und Sterbens. Sie war aber auch eine gesellige Type, zu Späßen und guter Laune stets aufgelegt.

Als ich ihr eines Abends sagte, dass ich im Internet über meine Erfahrungen berichte, war sie sofort bereit, auch ihre Erlebnisse an dieser Stelle zur Verfügung zu stellen. So brauche ich gar nicht so viel über sie zu schreiben und lasse sie lieber selbst zu Wort kommen. Die Texte sind ursprünglich zwei Mails, die sie an ihre Lieben daheim geschickt hat.

1. Mail, Mitte August

Halli Hallo an alle, ich bin seit einer Woche in einem Aids Hospiz in Mandeni. Hierher kommen die Menschen, die bereits im Endstadium der tödlichen Krankheit sind, um einen mehr oder weniger würdevollen Tod zu sterben. Ich muss sagen, dass ich ganz schön daran zu knabbern habe. Gleich am ersten Tag ist jemand gestorben und der hiesige Leiter hat mich gleich ins Krankenzimmer mitgenommen und das war echt hart für mich. Das war das erste Mal, dass ich jemanden gesehen habe, der tatsächlich tot war. Hatte ganz weiche Knie. Ansonsten pflegen wir die Kranken, bringen ihnen Essen, reden mit ihnen und wechseln Windeln. Anfangs hatte ich wahnsinnige Angst, dass ich mich infizieren könnte, nicht unbedingt mit AIDS, sondern auch mit TB oder anderen Diseases, aber man härtet wirklich ab. Krankheit und Sterben werden zum Alltag. Ich hätte nie gedacht, dass mir das mal so gehen könnte. Ich bin auf einmal so dankbar, dass ich gesund bin und eine gute Ausbildung genieße und ein schönes Zuhause habe: das lernt man wirklich zu schätzen!! Gestern durfte ich auch zu einem Krankenbesuch in den "Busch" mitfahren. Der Patient, den wir dort vorgefunden haben, hat in einer kleinen Lehmhütte gewohnt und lag auf einem komischen Bettgestell, ohne Matratze. Von Innen waren die Wände nur mit Pappkarton verkleidet. Wir haben ihn in ein Krankenhaus gebracht, wo bestimmt an die 600 Leute darauf gewartet haben behandelt zu werden. Es war heiß, alle haben gehustet, Kinder haben geschrieen- totales Chaos. Aber die Ärzte dort hat das kaum berührt. Die haben Däumchen gedreht und die Leute nicht behandelt. Wahnsinn. Und wer bis sechs Uhr nicht dran war wird wieder heimgeschickt!! Teilweise stellen sich die Menschen bereits um drei in der Früh an, um dann eventuell am nächsten Tag behandelt zu werden. Ich würde euch gerne ein paar Photos schicken, aber das funktioniert nicht. Hier im Haus gibt es nämlich auch ein Heim für Kinder, die nach dem Tod ihrer Eltern übrig geblieben sind und die keiner mehr haben will. Sind echt süße Fotos. Für eventuelle Rechtschreibfehler entschuldige ich mich, aber die Tastatur hier ist so anders als die deutsche :-)))))))))))))))))))))))
(Veronika)

2. Mail, Anfang September

Hallo Ihr daheim, mich gibt's noch. Sorry, dass ich länger nichts mehr von mir hör'n hab lassen, aber ich bin leider so gut wie nie am Computer. Ich hoffe, euch geht es allen gut. Hab schon gehört, dass das Wetter die letzten Wochen nicht so prickelnd war .Mir geht's gut. Ich hab die letzten Wochen recht viel erlebt und möchte euch gerne davon erzählen: Eines, der tiefsten Erlebnisse, die ich je hatte, war vor ein paar Tagen. Ich hab unten im Hospiz gearbeitet, als eine Schwester zu mir kam und mich bat, mich ein bisschen um den Patienten in Bett 1 zu kümmern, weil er recht schwach sei und Beistand bräuchte. Ich kannte den Mann ganz gut und hab ihn wirklich gern gemocht, weil er mich immer so nett gegrüßt hat. Als ich dann an sein Bett kam war sofort zu erkennen, dass der arme Kerl im Sterben lag. Er hatte große Schwierigkeiten beim Atmen und röchelte leise. Sein Körper war total abgemagert und sein Gesicht hat eigentlich schon wie das eines Toten ausgesehen. Ich hab mich also an sein Bett gesetzt, seine Hand genommen und angefangen ihm deutsche Kinderlieder vorzusingen. Alle paar Minuten musste ich ihm mit einer Spritze kleine Wassermengen in den Mund tröpfeln. Ich saß bestimmt fast 2 Stunden an seinem Bett, als die Abstände, in denen er Luft holte länger und länger wurden. Zu diesem Zeitpunkt war ich alleine mit ihm im Zimmer und so langsam hab ich dann wirklich ein komisches Gefühl bekommen. Nach jedem Atemzug hab ich auf den nächsten gewartet und hätte am Liebsten nachgeholfen. Ich kann die Gefühle, die ich dabei hatte gar nicht wirklich beschreiben. Es war, als ob eine ganz tiefe Bindung zwischen dem Sterbenden und mir bestünde. Schließlich hat er auch auf meinen Handdruck nicht mehr reagiert und seine Augen ganz komisch verdreht. In dem Moment kam die Schwester rein. Sie hat sich neben mich gesetzt und wir haben gemeinsam seine Hand gehalten, bis er schließlich für immer eingeschlafen ist. Richtig friedlich. Trotzdem haben mich die Gefühle dann übermannt und ich hab einfach zum Heulen angefangen und Schwester Sheila mit mir. Das ist jetzt schon wieder ein paar Tage her. Mir geht's gut und bin nun unheimlich dankbar, dass ich diesen Mann auf seinem letzten Weg begleiten durfte. Es ist schwierig nach einer Geschichte wie dieser eine passende Überleitung zu finden. Ich wollte nur sagen, dass ich meine Zeit hier wirklich genieße, mich aber schon total drauf freue, wenn ich wieder heim komme und euch alle wieder sehe. Ich drück euch ganz fest und denke ganz oft an euch.
Alles Liebe, eure Vroni
(Veronika)

Da ich sicher bin, dass Veronika diesen Artikel hier im Internet selbst noch einmal lesen wird, ein kurzer Gruß: „Liebe Veronika, danke für eine gute, wenn auch kurze gemeinsame Zeit hier in Mandeni und danke, dass ich die Texte verwenden durfte. Ich wünsche Dir alle Liebe und Gute für Deine Zukunft.“


A special day

6.45 Nursing conference, damit beginnt mein Dienst heute. Der Wecker hatte um 5.30 Uhr geklingelt. Wir lassen uns etwas Zeit, weil wir vorübergehend im ersten Stockwerk schlafen; in unserem Schlafzimmer sind die Handwerker zugange. Jeder Patient wird einzeln aufgerufen und die Nachtwachen berichten ob es besondere Vorkommnisse gab. Es war insgesamt eine ruhige Nacht. Dann geht die Nachtschicht und die Frühschicht wird eingeteilt: “Mr. Miller Ward 8 and 9 and help where a helping hand was needed.” Das hört sich nach einem wenig aufregenden Sonntagsdienst an. In Ward 8 liegt nur ein Patient, es ist ein Einzelzimmer und in Ward 9 liegt Pater Severin, der wird heute vom Father ausgefahren. Sie fahren nach Durban. So gehe ich erst einmal zu meinem „Neuen“. Als ich die Tür öffne bleibt mir fast die Luft weg, so extrem ist der beißende Geruch. O Gott, denke ich, was ist bloß mit diesem armen Kerl los, dass er so entsetzlich stinkt. Ich begrüße ihn. Er spricht sehr leise, aber immerhin Englisch, so dass ich wenigstens etwas verstehe. Ich öffne das Fenster und gehe dann erst einmal zur Diensthabenden Schwester um mich zu erkundigen, was der Patient überhaupt hat. „Haben Sie ihn schon aufgedeckt?“ „Nein, noch nicht.“ „Dann werden Sie seine Beine sehen. Sie können ihn auch nicht im Bett waschen, ich schicke ihnen jemand, der hilft. Sie müssen ihn in Rollstuhl zur Dusche bringen.“ Bald kommt eine junge Caregiverin, so nennt man hier die freiwilligen Helfer/innen. Wir decken den jungen Mann auf. Noch einmal schlägt mir eine übel riechende Wolke entgegen, aber schlimmer ist was ich sehe. Von unterhalb des Bauchnabels bis zum rechten Knie ist der Körper total verunstaltet. Es sieht aus als sei es Schaum, wie wenn man Säure auf einen Kunststoff gießt. „Er hatte keine Gestalt mehr und keine Schönheit, ein Mann der Schmerzen, mit Krankheit vertraut.“ Dieses Jesaja Wort ging mir unwillkürlich durch den Kopf. „Du führst mich hinaus ins Weite, du machst meine Finsternis hell….“ Im Psalm 18 steht dieser Vers, der zum Leitvers meiner Diakonenweihe wurde. Heute ist mein 12. Weihetag. Und er, dieser arme Kerl, den wir nun so vorsichtig wie möglich waschen und versorgen, wer macht seine Finsternis hell? Gibt es für ihn noch einmal eine Weite, oder wird er erst im Himmel wieder Raum und Kraft bekommen. Nachdem er wieder im Frischbezogenen Bett liegt bedanke ich mich bei der Caregiverin und mache das Zimmer sauber. Es wird Zeit, weil die Messe gleich beginnt und ich mich noch umziehen muss.

Wechselbad der Gefühle. Gleich nach dem Aufstehen die Glückwünsche von Angelika, dann diese diakonische Aufgabe den Kranken zu versorgen, nun Hl. Messe. Bei der Eröffnung weist Father auf meinen Weihetag hin und gratuliert. Am Schluss der Messe singen alle ein Segenslied für mich.

Nach der Messe gehe ich zu unseren Sondergästen. Vier Jungen zwischen 7 und 14, die wegen familiärer Probleme übers Wochenende bei uns im Hospiz untergebracht sind. Für sie ist es hier besonders langweilig. Gerade als ich ihnen unsere wenigen Spiele zeige und erkläre kommt Schwester Sheilagh und ruft mich zum Krankenwagen. Erst einmal Richtung iSithebe, wie so oft. In iSithebe wurden vor 3 Jahren alle Fabrikarbeiter auf HIV getestet und 88%! waren positiv. Vor 12 Jahren waren es 10%. Eine Zulufrau, die recht gut englisch spricht, fragt mich woher ich bin. Ich sage, dass ich aus Deutschland komme und für drei Jahre in Mandeni arbeiten werde. Traurig spricht sie weiter: „Hier sind viele krank; sehr krank; alle.“ Eine lange Pause. „Sie sterben, einer nach dem anderen. Sie sind alle schwer krank.“ Wieder geht es über Bad-Roads zu der Hütte des Patienten. Ein ca. 30 Jahre alter Mann. Sein Bruder hat uns gerufen. Er hat Tränen in den Augen, als wir seinen Bruder auf die Trage legen und ins Auto schieben. Er weiß, dass bei uns die letzte Station ist und sicher hätte er gern mit seinem Bruder noch viel erlebt.

Weniger als Schritttempo ist hier nur möglich, zumal wenn hinten jemand drin ist. So brauchen wir für die gerade 8 oder 9 km fast eine Stunde. Wir versorgen den Patienten und machen das Auto wieder startklar, dann endlich Mittagessen, ich habe reichlich Appetit. Gerade sitze ich am Tisch, da wird es unruhig im Speiseraum. Die Schwester kommt: „Deacon, there is a snakein the children´s home.” Eine Schlange im Kinderheim, da muss schnell etwas passieren, aber was? Ich habe mein Lebtag noch keine wirkliche Schlange in freier Natur gesehen. Außerdem habe ich hier in Afrika Angst vor Schlangen, ich weiß doch nicht ob die giftig sind. Bevor mir etwas einfällt sagt die Schwester: „I have an idea!“, und verschwindet. Ich fahre mit dem Fahrstuhl rauf ins Kinderheim, das sich im 2. Stockwerk befindet. Als der Fahrstuhl hält rasen meine Gedanken - Blöde Idee mit dem Fahrstuhl zu fahren, wenn die Schlange nun genau vor der Tür liegt und durch das Öffnen irritiert wird und zubeißt. Sie liegt nicht vor der Tür. Ich erfahre, dass sie auch nicht im Haus ist, sondern an der Außenwand gesehen wurde. Ich gehe nach draußen, wo in sicherer Entfernung fast alle Kinder stehen und wie gebannt auf den untersten Treppenabsatz blicken. Die Schlange ist allerdings nicht mehr da. Sheilagh kommt und bringt eine Nachbarin mit, die sich mit Schlangen auskennt und auch eine richtige Schlangenausrüstung mitbringt. Sie befragt alle, die die Schlange gesehen haben und sagt dann, dass wir uns keine Sorgen machen müssen, die Schlange sei völlig harmlos. Und sie beginnt ohne Ausrüstung nach der Schlange zu suchen, findet sie aber nicht. So löst sich auch der Menschenauflauf auf und gehe nun endlich zu meinen vier Jungen und spiele mit ihnen. Nach der zweiten Runde kommt Schwester Sheilagh erneut und sagt, dass die Schlange nun wieder da sei. Ich spurte und hole meinen Fotoapparat. Die Schlange liegt auf der Treppe und bewegt sich kaum. Ich beginne zu fotografieren und komme ganz langsam immer dichter an die doch recht hübsche Schlange heran. Hoffentlich hat sich die Schlangenexpertin nicht geirrt. Nun sind es gerade 15 cm die meine Hand vom Schlangenkopf entfernt ist. Als wenn sie neugierig ist kommt sie nun auch langsam auf mich zu. Zeit zum Rückzug denke ich, ein paar schöne Fotos habe ich ja schließlich. Ich habe die Schlange nicht gebissen, sie mich auch nicht, wir können also in Frieden Lebewohl sagen. Noch eine Stunde bis zum Feierabend. Eine gute Zeit um einmal durch alle Wards, so nennt man hier die Krankenzimmer, zu gehen und wo möglich ein paar Worte zu wechseln und kleine Hilfestellungen zu geben. Und wie immer finden sich genug Möglichkeiten den Patienten das Leben ein ganz klein wenig zu erleichtern. Ob es ein Glas Wasser ist oder jemand eine Schmerztablette wünscht, ob ein Ventilator eingeschaltet oder ein Bett höher gestellt werden soll, oder ob es einfach darum geht die Zeit miteinander zu verbringen. Es ist schon nach vier als ich das Hospiz verlasse und in unsere kleine Wohnung gehe. Angelika ist schon da und empfängt mich mit einer Umarmung. Für den Abend habe ich zum Essen eingeladen, allerdings Father gebeten ein Lokal auszuwählen, weil ich ja hier nichts kenne, aber noch haben wir Zeit. Da klingelt das Telefon. Father berichtet, dass er und meine anderen Gäste noch in Durban sind und dass es etwas später wird mit dem Essengehen. Für uns ist das okay. Ich schreibe ein paar Gedanken auf, die vielleicht auch ins Internet kommen. Es gab ganz schöne Rückmeldungen auf die ersten Berichte. Da macht es doppelt Freude weiter zu schreiben. Wieder klingelt das Telefon. Unsere Leute sind immer noch in Durban. Damit es nicht gar so spät wird verabreden wir einen Treffpunkt: Ballito auf dem Parkplatz. Der Tag bleibt ein einziges Abenteuer. Wir suchen Ballito auf der Karte und fahren los. Zu meiner Freude und Überraschung finden wir den verabredeten Parkplatz auf Anhieb und was noch besser ist, kurz hinter uns fährt Father ein.

Ausklang WeihetagDas Essen und die nette Runde an Leuten war so schön, dass wir erst ans fotografieren dachten, als der Tisch abgeräumt war. Father hat den Fotoapparat in der Hand. Auf der linken Seite sitzen Father Severin im Rollstuhl und sein Bruder, dann das Ehepaar Kalkwarf und wir. Gegen neun sind wir wieder in Mandeni und lassen diesen außergewöhnlichen Weihetag bei einem Gläschen Wein ausklingen.


Samungu - Fotobericht

Mit dem Fotoapparat nach Samungu.


Diesmal fahre nicht ich den Krankenwagen, sondern Wiseman, so konnte dieser kleine Fotobericht entstehen.


Das Einkaufszentrum Sundumbili Plaza, noch in Mandeni. Eine Mischung aus Einkaufszentrum und Wochenmarkt.


Ein Imbiss gefällig? Eine kalte Cola? Im Hintergrund Sundumbili, ein Ortsteil von Mandeni. Sundumbili ist ein Township, einfach und oft ärmlich, aber nicht zu vergleichen mit den Elendsvierteln wie Mandafarm gleich nebenan, wo es weder Strom noch Wasser gibt.


Die Berge kommen in Sicht. Im Vordergrund bessere Häuser von Sundumbili, aber noch längst nicht die schönsten.


Kurz hinter dem Ortsende beginnt eine sehenswerte Berglandschaft. Wie im Urlaub, auch die nächsten Bilder.


Nun geht es nur noch über Schotterstraßen, allerdings über gut ausgebaute. Das hier ist keine Bad Road! Sie ist in meiner Autokarte noch als gutbefahrbare Fernstraße markiert.


Wir sind nicht die einzigen, die sich über diese Straße freuen, auch ein paar Kühe gehen lieber hier als auf unwegsamen Pfaden.


Eine katholische Außenstation. Heute fahren wir nur vorbei. Und weiter durch die Berglandschaften.


Ein traditionell gebauter Zulukral. So leben auf dem Land bis heute die Zulugroßfamilien, in Rufweite voneinander entfernt. In den größeren Ortschaften bevorzugt man heutzutage aber auch im Zululand Steinhäuser nach europäischem Muster.


Unser Ziel für Heute: die Samungu Clinic. In solchen Kliniken arbeiten ein bis drei Krankenschwestern, die die medizinische Grundversorgung ihren Patienten sicherstellen. Nur in schwierigen Fällen werden die Menschen zum Arzt oder ins Hospital geschickt. Wir nehmen eine Patientin auf, für sie gibt es keine Heilung mehr. Dann fahren wir Heim.


Rechts ein recht großer Kral. Auf dem Bild ist auch die Form der Streusiedlung zu erkennen, in Rufweite voneinander entfernt.


Die Berge gehen zu Ende. Vor uns liegt wieder die weite Ebene in der auf riesigen Farmen Zuckerrohr angebaut wird. Hier gab es auch die Mandafarm, der Mandeni seinen Ursprung verdankt.


Dieses Bild ist nicht auf meinem Mist gewachsen, ich habe es aus der Internetpräsenz vom Father: www.bbg.org.za, sehr zum Besuch zu empfehlen. Rechts von der Bildmitte sieht man unser Care Centre, am grünen Dach gut zu erkennen. Das Gebäude mit dem roten Dach ist das Pfarrhaus und dazwischen die Pfarrkirche von Mandini, die zur Zeit nicht genutzt wird. In Sundumbili gibt es eine größere Kirche. Hier in Mandini kommen nur wenig Gemeindemitglieder zum Gottesdienst. Diese kommen dann sonntags in die Kirche des Care Centres. Es gibt nicht nur Krankheit und Elend in und um Mandeni. Gott hat alles erschaffen und er sah, dass es gut war.


A Day Off

A Day Off ist ein Tag, an dem wir keinen Dienst haben. Es ist hier so geregelt, dass es je sechs Tage Arbeit gibt, dann zwei Tage frei, oder eben off, wie man im Englischen sagt. Fallen die beiden freien Tage auf ein Wochenende, ist auch der folgende Montag frei. Was macht man mit so einem Day Off? Bisher gab es da für uns noch keine Probleme. Wenn wir sechs Tage je 9 Stunden arbeiten und zusätzlich Essenszeiten einhalten und die Hausgottesdienste besuchen, dann bleibt für ein oder zwei Days Off genug zu tun. In der Regel wachen wir um 6 Uhr früh auf. Wir drehen uns am Day Off gern noch einmal um, aber in der Regel gehen wir um 7.30 Uhr zur Messe in unserer hauseigenen Kirche. Nach dem sich anschließenden Frühstück sind in der Regel Aufgaben in der Wohnung dran. Gründlich sauber machen, Wäsche waschen, kleine Instandsetzungsarbeiten oder Verschönerungen usw. Dann ist auch schon wieder Zeit zum Mittagessen. Sindi, unsere Köchin, schafft es immer wieder, dass wir unseren Vorsatz wenig zu essen nicht einhalten. Seit Mai nehmen wir fast ständig zu. Erst in den letzten 14 Tagen ist eine kleine Verbesserung zu vermerken. Das Essen ist jedenfalls immer lecker und abwechslungsreich. Dabei war Sindi, so wurde uns berichtet, anfangs eine Notlösung. Als aber klar wurde, dass sie gut und gerne kocht, wurde sie zur Hauswirtschafterin ausgebildet und führt nun sehr erfolgreich die Küche des Hauses, die immerhin für 40 Patienten, 40 Kinder und im Schnitt sicher 20 haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter/innen sorgt. Sieben Tage die Woche. Ans Essen schließt sich häufig ein Spaziergang durch Mandeni an.

Mandeni ist nicht so dicht bebaut, da finden sich überall schöne Plätze, die zum Ansehen und Verweilen einladen. Unsere Runden werden dabei immer größer. Ich muss zugeben, dass mir, wenn wir auf kleinen Wegen durch die Natur unterwegs sind, mulmig ist, weil ich nicht weiß, was hier so alles krabbelt und sich schlängelt, aber bisher haben wir keine unangenehmen Überraschungen erlebt. Wir sind eher erfreut, dass wir auch von Zulus gegrüßt werden und so den Eindruck gewinnen, als könnten wir hier recht gut leben. Immer wieder geben Häuser und Gewächse auch den Blick auf die umliegende Landschaft frei. Sie ist nicht so spektakulär wie die Alpen, aber doch so schön wie der Bayerische Wald, an den uns hier schon öfters Berge und Täler erinnert haben. Nach einem kurzen Powerneck gibt es Kaffee in unserer kleinen Wohnung. Wir haben ein Wohnzimmer von ca. 3,5 mal 3,5 m, ein Schlafzimmer, das sogar etwas größer ist, eine Miniküche, Dusche und Clo. Wenn man nun bedenkt, dass wir voll verpflegt werden und abends oft bei Father zu Gast sind, ist das wirklich mehr als genug. Bis zum Abendessen um 6, Supper genannt, bleibt Zeit Mails, Briefe oder Berichte zu schreiben. Supper nehmen wir wie alle Mahlzeiten gemeinsam mit den hier arbeitenden ein. Danach sitzen wir oft mit ein paar Freunden hier aus dem Haus zusammen oder gehen, weil es um 6 schon dunkel wird, wieder in unsere Wohnung etwas lesen oder einfach ein Bisschen erzählen oder rumdösen. Meistens beschließen wir unsere Tage mit der Vesper in unserem Wohnzimmer, bei der wir gern und viel zur Gitarre singen.


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(Fast) Jeden morgen stehe ich vor diesem Bild. Hier beginnt, von der Gemeinde ungesehen für Father, Mrs. K und mich die Hl. Messe. Wir sind im Boardroom im Firstfloor, dem Vorzimmer von Mrs. K und Father, dessen Büro noch hinter dem ihren liegt. Der schale Verbindungsflur beider Büros ist unsere Sakristei. Aber dieses Bild, wenn man es in Ruhe betrachtet und die Ruhe haben wir hier im Süden Afrika weg, ist tief und regt zum Nachdenken an.
Auf dem Thron sitzt Gottvater. Der Thron sieht für mich aus wie ein Altar aus dem Alten Testament. Von Jesus hat das Volk Israel noch nichts gewusst, aber von Abraham. Abraham zog umher und baute dem Herrn einen Altar. Einen hier und einen dort, nachzulesen im Pentateuch, den ersten fünf Büchern der Bibel. Es geht also um den Gott, der Israel aus Ägypten herausgeführt hat, um den Gott, der Abraham auf die Probe stellte, um den Gott, der Jesaja und Jeremia berief, um den Gott, der Judith die Kraft gab usw., um den Gott des Alten und des Neuen Bundes, um unseren Gott, den Gott der Christen und der Juden. Er hält das Kreuz seines Sohnes. Hier trennen sich Judentum und Christentum. Das Kreuz! Heilszeichen! Zeichen der Torheit! Folterinstrument! Das Zeichen der Christen. Im Kreuz und in der Auferstehung schlägt Gott durch seinen Sohn Jesus Christus die Brücke zwischen Himmel und Erde. Eine Brücke zwischen der Hoffnungslosigkeit aidskranker Zulus und dem Leben in Fülle, zwischen zerstrittenen Menschen, zwischen Feinden! Jesus hebt die Hände, die Menschen doch festgenagelt hatten, aber es waren eben Menschen und er ist der Sohn, Gott selbst. Und so wird das Kreuz zum Baum, dessen Wurzeln deutlich sichtbar sind. Ja, es geht um einen Glauben, der in der Erde wurzelt. Der nicht irgendwo in fernen Himmeln schwebt. Ein Glaube, der sich in Deutschland genauso erweist wie in Südafrika, der seine Wurzeln überall hat. Und das alles vor einem rot-goldenen Hintergrund, einer Mischung aus Himmel (Gold) und Liebe (rot), einer Verschmelzung von Himmel und Liebe. Pater Gerhard hat einen Artikel über die Arbeit hier im Care Centre überschrieben mit: Ein Himmel von Pflege in der Aids-Hölle Südafrikas. Himmel und Erde sind Eins in Gott. Nur in Ihm ist vollkommene Einheit möglich. Gott ist unteilbar! Himmel und Erde sind in IHM Eins, heute schon und immer.
Im Hintergrund des Bildes ist eine Flamme sichtbar. Der Heilige Geist. Für mich auch der Dornbusch. Der Ort, an dem ich tatsächlich oder in meinem Herzen die Schuhe ausziehe, weil ich heiligen Boden betrete, wenn mich ein Mensch in sein Herz schauen lässt, wenn ich eintreten darf in das Heiligtum eines Anderen, der Souverän bleibt und sich mir doch total ausliefert, weil er alles preisgibt. Altes Testament im Jahr 2005, in Deutschland, in Südafrika, in der ganzen Welt. Heiliger Boden auch dann und da, wo sich Gott selbst als Wolkensäule und Feuerflamme, als Wegweiser im Wirrwarr des Lebens zu erkennen gibt.
Als mich vor einem Jahr Leute fragten: „Warum willst Du nach Südafrika?“, sagte ich: „Ich will die Welt aus einer anderen Sicht kennen Lernen.“ Schon nach sechs Wochen tritt genau das ein. Ich lerne die Welt aus einer anderen Perspektive heraus kennen. Schau dieses Bild an!

Welches Meer ist das? Die Nordsee? Der Atlantik? Der Indische Ozean? Es ist nicht wirklich zu sehen. Ja, es ist tatsächlich der Indische Ozean, aber der Unterschied liegt nicht in den Wellen, er liegt im Herzen! Es ist dasselbe Rauschen, das jeder in Cuxhaven hören kann. Das Wasser ist nicht anders salzig als in Portugal. Das Herz nimmt anders wahr! Hier stehen wir auf der Unterseite der Welt, von Europa aus betrachtet. So habe ich selbst noch vor zwei Monaten empfunden. Nun stehe ich hier und sehe auf das Meer. Am anderen Ende dieses Meeres liegt das Land, das Land, das zum letzten Jahreswechsel so furchtbar von einer Flutwelle eben dieses so beschaulichen Wassers heimgesucht wurde. Alles ist anders, wenn man den Blickwinkel wechselt. In Oyten habe ich vor wenigen Jahren ein Lied kennen gelernt, was sich mir nur langsam erschloss. Nun hat es wieder eine neue Deutung erfahren: Bleibe hier bei uns. Da heißt es in der 3. Strophe:

Die Menschheit, die uns umgibt,
kämpft, leidet und hofft.
Wie eine Erde, die in Trockenheit zum Himmel fleht,
zum Himmel ohne Wolken.
Doch er kann ihr noch immer Leben schenken.
Wir werden Quellen reinen Wassers sein,
wenn du mit uns bist, wird die Wüste neu erblühn.

Diesen Text lernte ich in Oyten kennen! Was ist Trockenheit? In Oyten, in Afrika? Was ist ein wolkenloser Himmel, ein hoffnungsloser Blick nach oben, wenn alle sterben, weil sie Aids haben und ich vielleicht auch infiziert bin? Keine Chance, keine Wolke, die Hoffnung schenkt, kein Medikament, das Aussicht auf Heilung gibt. Mein Gott, die Menschheit in Deutschland kämpft, glaubt man den Schlagzeilen im Internet, um den Benzinpreis. Hier in Mandeni geht es einfach nur ums Leben, nur! Nur! uns Leben. WIR? werden Quellen reinen Wassers sein? Welches Vertrauen gehört dazu, dieses Lied hier im Zululand zu singen. Wie anders dieses Lied nun klingt, dieses Lied und So vieles was mir noch gestern vertraut vorkam. Ja, ich hoffte auf eine neue Sicht. Es sieht alles danach aus, dass sich dieser Wunsch erfüllt.


uShaka

Es wird tatsächlich „uShaka“ geschrieben, nicht, wie Deutsche wohl vermuten würden Ushaka. Frag mich keiner warum, das werde ich später vielleicht verstehen, wenn ich etwas tiefer in die Sprache der Zulu vordringen kann. Shaka ist jedenfalls ein geschichtsträchtiger Zulukönig gewesen. Als Überschrift habe uShaka gewählt, weil ein Freizeit-, Einkaufs- und Erholungsgelände in Durban so heißt. Von Anfang an haben Father und Mrs K darauf Wert gelegt, dass wir auch die schönen Seiten des Zululandes kennen lernen. Dazu gehört zweifellos uShaka! Bei einem Ausflug lernen wir das Gelände kennen. Gleich nachdem wir es betreten tanzen etwa ein Dutzend Zuluboys einen vielleicht traditionellen Tanz in vielleicht traditioneller Kleidung. Das kann ich nicht beurteilen und heute läuft hier keiner mehr so herum. Aber es war trotzdem nett anzusehen und anzuhören. Dann entdecke ich ein Wrack.

Wir sind direkt an der Küste des Indischen Ozeans, aber so ein Wrack hatte ich hier nicht erwartet. Beim Näher kommen wird deutlich, dass es unmöglich ein einfaches altes Boot sein kann. Große getönte Scheiben unterhalb der Wasserlinie sind bei Wracks doch eher selten. Und so erfahren wir, dass es sich um ein Aquarium handelt, bei dem beim Besucher der Eindruck vermittelt wird, als befände er sich auf einem gesunkenen Frachter. Und so finden wir alles, was so eine Landratte in einem Unterwasser-Wrack erwarten kann. Dabei haben alle Räume, auch die Mannschaftstoilette, die heute aber reiner Ausstellungsraum ist - sein Geschäft erledigt man diskret auf modernen WCs - große Fenster, durch die man in riesige Bassins sehen kann.

Und da tummelt sich alles, was auch vor der Küste sein Zuhause hat. Seepferdchen und Haie haben es mir besonders angetan, aber auch enorm große Wasserschildkröten und Rochen beeindrucken mich durchaus. Amüsant sind zwei Schwimmer, die scheinbar nicht gewahr sind, dass hier unten Leute sind, die sie ganz gut beobachten können. Eine Delphinshow nach amerikanischem Muster rundet unseren Nachmittag ab. Mit Blick auf den Indischen Ozean genießen wir unser Supper und fahren Heim nach Mandeni. Ja, es ist wirklich so, schon nach 6 Wochen sind wir hier Zuhause.


Monster

Eigentlich ist es hier genauso wie in Deutschland. Alle kennen das, dass es einmal gute Tage gibt, dann wieder solche, die an besten gar nicht erst beginnen sollten. Es ist Sonntag und ich habe Spätdienst im Children's Home, von 10 bis 19 Uhr. Natürlich läuft der Betrieb an Wochenenden in vollem Umfang weiter, wir können die Kinder ja schließlich nicht auf die Straße schicken und auch unsere Kranken sollen den Sonntag nicht als notfallbesetzten Ausnahmezustand erleben. Da wir um 9.30 Uhr gemeinsam die Hl. Messe feiern, gehe ich erst danach hinauf. Draußen ist es bewölkt und sieht nach Regen aus. Ich bin gerade dabei die Wohnungstür abzuschließen, da kracht es so, dass ich fast den Schlüssel fallen lasse. Ein Blitz war nicht zu sehen, der Donner lässt aber darauf schließen, dass er ganz in der Nähe eingeschlagen ist. Nun, ich gehe hoch, mein Kopf ist schwer, ich bin leicht erkältet. Die Kinder empfangen mich wie immer mit einem lautem: Hällooo Diiicon Miller (so ungefähr sprechen sie es aus). Come, come, we saw the men, we saw them! Come Deacon Müller! Und sie zerren mich über den Flur zum hinteren Ausgang und deuten auf eine Gruppe von Männern, die sich auf dem Nachbargrundstück aufhalten. Und die waren es?, frage ich. Die haben den lauten Donner gemacht? Ja, wir haben es gesehen! So weiß ich nun endlich auch, wo so ein Donner herkommt. Den Blitz hatten auch die Kinder nicht gesehen. Mein Kopf macht mir zu schaffen und ich habe den Eindruck als seinen heute alle Kinder besonders laut. Ich kann mich nicht durchsetzen und gute Einfälle was ich mit den Kleinen spielen kann habe ich heute auch nicht. Da bin ich froh, das eine Caregiverin kommt und mir zweigt, dass ein Babybett defekt ist. So gehe ich Werkzeug holen. Ruhe. Ich gehe bewusst langsam; nicht mein Tag heute. Unten sehe ich, dass die Garage offen ist. Zwischenzeitlich hatte es geregnet, aber nun sind die ersten Stellen der Zufahrt schon wieder trocken. Draußen sitzt etwas. Ich kann es nicht richtig erkennen. Die leichten Kopfschmerzen führen auch zu schlechterem Sehen bei mir. Was ist das? Eine Vogelspinne? So dicht bei unserer Wohnung. Müssen wir einfach viel vorsichtiger werden? Ich gehe rauf um einen Kollegen zu holen. Der soll sich das Ungeheuer ansehen und sagen was es ist. Aber wie es so ist, wenn man einem braucht ist keiner da! Eben wie in Deutschland. Ich treffe Angelika. Gemeinsam gehen wir wieder hinunter. Ich hole den Fotoapparat. Das Monster ist etwas weiter weg und hat sich gedreht. Nun sieht es fast aus wie ein Krebs. Mit einem Besen testen wir, wie angriffslustig der Eindringling ist. Der weicht aber ängstlich zurück. Hoffentlich irren wir uns auch diesmal nicht und es ist wirklich ein Krebs. Gibt es in Südafrika gefährliche Krebse? Giftige vielleicht? Keine Ahnung. Wenn ich diese Frage eindeutig klären will, auch die was das hier für eine Kreatur ist, muss ich dicht heran um ein gutes Foto zu bekommen. Sieht wirklich aus wie ein Krebs. Als ich später die Schwester treffe und ihr das Bild zeige bestätigt sie es und wir erfahren, das wir noch viele davon zu sehen bekommen werden. Es sind Flusskrebse, die es hier in großer Zahl gibt. Okay, die Aufregung ist vorbei, ich gehe zurück an meine Arbeit und repariere das Babybett. Danach gibt es Mittagessen. Das Essen ist gut wie immer, aber die Kinder sind heute wirklich lauter als sonst. Nach dem Essen gehen die Kleinen zum Mittagsschlaf auf ihre Zimmer, und wir verteilen uns auch auf die Zimmer, damit es ruhig werden kann. Aber wie das so ist an solchen Tagen, die Kids tanzen mir auf der Nase herum und ich habe nicht die Worte um diese andere Art von Monstern zu bändigen. Wenn ich schimpfe halten sie es für ein neues Spiel und treiben es ärger als zuvor. Ich weiß keinen anderen Ausweg und gehe einfach aus dem Zimmer. Mein Kopf dröhnt. Ich gehe zu den Großen, vielleicht kann ich die zu einem ruhigen Spiel animieren. Aber auch die sind heute völlig überdreht. Sie toben wie die Verrückten über Betten und Tische. Ich bin genervt, aber sie lachen mich an und machen weiter. Es ist zum Auswandern, aber wohin, in Afrika bin ich schließlich schon. Um wenigstens nicht noch mehr zum Chaos beizutragen gehe ich und repariere zwei kleine Sachen, die mir aufgefallen waren. Nach der „Mittagsruhe“ scheint die Sonne und wir gehen mit allen Kindern raus. Ein Segen für mich und ich denke auch für die Kinder. Nun entspanne ich ein bisschen und es macht auch wieder Freude mit den Kindern zu sein.

Ja, ich vergesse fast meine Kopf- und Gliederschmerzen. Die sind auch nicht so gewaltig, aber in einer Situation, in der man tunlichst zu 100% wach ist, da ist es spürbar, wenn mal nur 80% zur Verfügung stehen. Die Sonne tut uns jedenfalls gut und wir verbringen einen schönen Nachmittag. Besonders interessant wird es für die größeren Kinder, als Jody mit einem lebendigen Frosch ankommt. Armer Kerl (der Frosch), aber ich kann nicht wirklich etwas für ihn tun. Ich achte nur darauf, dass die Kinder ihn nicht quälen und zum Feierabend hin ihn wieder frei lassen. Er hat Glück und überlebt. Die Luft ist gut nach dem Regen und es ist auch nicht so schwül wie manchmal. Um 5 gehen die Kurzen rein. Ich bleibe mit der Größeren noch eine halbe Stunde draußen. Wir räumen auf und schauen nach dem Kingfisher und der Taube, die auf einem benachbarten Grundstück nisten. Nun ist auch für uns Zeit fürs Abendbrot. Ein langer und für mich recht anstrengender Tag geht zu Ende. Ich bin heilfroh, als die kleinen Monster alle im Bett sind und mache meine Runde. Ich gehe zu jeder und jedem Ans Bett, wünsche ihnen eine gute Nacht und mache ihnen ein Kreuz auf die Stirn. Von vielen kenne ich die Vor- und Krankengeschichte. Einige werden das Schulalter nicht erreichen, andere haben einen schweren Knacks an ihrer kleinen Seele. Nein, es sind keine Monster, es sind unendlich liebenswerte kleine Zulukinder und ich darf hier sein und mit ihnen leben und ihnen den Segen und den Schutz unseres Gottes zusprechen. Wie vielen Eltern geht es genauso auf der ganzen Welt, wenn die Kinder mal völlig über die Stränge schlagen oder die Eltern durch Beruf, andere Aufgeben oder gesundheitliche Schwäche einmal nicht gut drauf sind. Die Sonne soll über eurem Zorn nicht untergehen. (Eph 4:26) So heißt es im Epheserbrief. Ich wünsche von hier aus allen Eltern das Geschenk, wenigstens abends uneingeschränkt die Liebe zu den Kindern zu spüren und zu genießen.

Und nun schlaf gut kleiner Syabonga und verzeih mir, wenn ich heute ungeduldig war. God bless you: In the name of the Father, and of the Son, and of the Holy Spirit. Amen. Bye little one, see you tomorrow.


dry

Manchmal ist es nicht zu glauben. Da lebt man nun auf einem anderen Kontinent und doch sind es so ganz kleine Dinge, die den Alltag bestimmen. Hier in Mandeni ist Frühling. An sonnigen Tagen kommen wir auf gut 30° bis 35° am kühlsten Schattenpunkt des Hauses gemessen, aber wir haben ja schließlich eine Airconditioning, eine Klimaanlage; ganz neu. Wir benutzen sie natürlich und freuen uns, dass es in unserer kleinen Wohnung nun angenehme 10° kühler ist als draußen. Auch am Folgetag halten wir die Temperatur etwa auf dem selben Level. Wir hätten es gern noch ein wenig kälter, aber die eingestellten 18° schafft die Maschine leider nicht. Ganz im Gegenteil, die Wohnung wärmt sich noch etwas an, es ist ja auch nur eine kleine Klimaanlage.

Als Tags darauf die Temperatur nach einem Regen kräftig fällt wundern wir uns doch: draußen nur noch 20°, drinnen mit Aircondition inzwischen 27°! Eingestellt sind immer noch die 18° von Vorgestern. Wir tauschen unsere gesamten Kenntnisse über die Aircon und die Fernbedienung aus uns kommen zu dem Schluss, dass wir eigentlich beide keinen blassen Dunst haben, wie das Ding funktioniert. Einen kurzen Besuch von Misses „K“ nutzen wir sie zu fragen, wie die Aircondition arbeitet und wie wir die Arbeit beeinflussen können. Sie sieht sich unsere Fernbedienung an und drückt auf einen Knopf. „Die ist ja gar nicht richtig eingeschaltet, haben sie mal eine Leiter oder einen Stuhl, ich will mal oben nachsehen.“ (Im Originalton natürlich Englisch.) Sie öffnet eine kleine Klappe und legt einen Schalter um. „So, nun muss es eigentlich gehen. Sehen sie mal hier, das ist die Mode Taste. Im Augenblick arbeitet die Anlage im Modus >dry<, das heißt, sie trocknet lediglich die Luft, verändert aber die Temperatur nicht.“ Und sie erklärt uns, wie wir mit der für uns neuen Technik umgehen können. So ist das, da trocknen wir tagelang die Luft in unserem Schlafzimmer und wundern uns, dass es nicht kühler wird. Typisch Greenhorn würde ich mal so sagen. Genauso wie wir uns erst mit der afrikanischen Technik vertraut machen müssen, geht es uns mit allem, was hier so krabbelt, fliegt, hüpft und sich schlängelt.

Diese Gottesanbeterin, die uns eines Abends besuchte ist völlig harmlos und ließ sich denn auch noch brav fotografieren, sie ist auch nur ca. 13 cm groß. Ganz anders war es mit einer kleinen schwarzen Spinne, die hier hüpfend und springend ihrer Wege zog. Ich hatte sie nicht einmal wahrgenommen, sie mich aber schon und sie fand mich wohl zum anbeißen. Jedenfalls fand ich eines Morgens an meine Körper ein paar rote kleine Punkte. Nun, das sind wohl Mücken, Fliegen, Moskitos oder so was, dachte ich bei mir und maß der Sache keine größere Bedeutung bei. Ein paar Tage später guckt Angelika und sagt: „Was hast Du denn da?“ Einer der kleinen Punkte hatte sich heftig entzündet und eiterte nun still vor sich hin. Das gefiel mir natürlich überhaupt nicht und ich griff zu unserer Hausapotheke, wir sind ja schließlich vorbereitet. Die richtige Salbe war schnell gefunden und ein Pflaster auch - und fertig! Zwei Tage später ist die Entzündung kreisrund und misst inzwischen 5 cm im Durchmesser. Außerdem tut es nun auch noch weh. So mache ich mich denn doch auf den Weg zur Schwester, ich komme sowieso jeden Tag an ihrem Behandlungszimmer vorbei, und zeige ihr das Dilemma. Sie sieht sofort dass es ein Spinnenbiss ist, will aber Rücksprache mit dem Doktor halten. Nun bekomme ich richtige Tabletten und ein langsamer Heilungsprozess beginnt; ein Spinnenbiss! Mach diesem Erlebnis ist uns unserer kleiner Hausgenosse, den wir vorgestern entdeckt haben, doch ein lieber Gesell: ein Gecko.

Eine afrikanische Eidechsenart, völlig harmlos und zudem sehr am Verzehr von Insekten, auch Spinnen!, interessiert. So erhält er eine Aufenthaltsgenehmigung für unsere Wohnung, zumal es auch ein armer Kerl ist; er hat seinen Schwanz eingebüßt. Wahrscheinlich stand er bereits schon einmal auf der Speisekarte eines Stärkeren, vielleicht einer Schlange. So ist das Leben. Hier, wo Internationalität auf bitterste Armut trifft, wo Tod und Leben als Nachbarn zusammen wohnen, hier setzt sich der Alltag wie überall auf der Welt aus tausend kleinen Ereignissen und Erlebnissen zusammen.

Enden möchte ich mit einem Gebet. Ich weiß nicht ob und wie es zu dem Geschriebenen passt, aber es geht mir durch den Kopf und darum soll es einfach hier den Abschluss bilden:

Du starker Gott, der diese Welt
im Innersten zusammenhält,
du Angelpunkt, der unbewegt
den Wandel aller Zeiten trägt.

Geht unser Erdentag zu End´,
schenk Leben, das kein Ende kennt:
führ uns, dank Jesu Todesleid,
ins Licht der ew'gen Herrlichkeit.

Vollenden wir den Lebenslauf,
nimm uns in deine Liebe auf,
dass unser Herz dich ewig preist,
Gott Vater, Sohn und Heil'ger Geist. Amen.


Ngapumelela

Es ist viertel vor Zwei am frühen Nachmittag, die meisten Kinder schlafen, die anderen beschäftigen sich still. Ich bin im Spielzimmer des Children's Home. Mein Dienst wird noch bis 19 Uhr gehen, die Arbeitstage sind lang in Mandeni. Mir gegenüber sitzt eine Frau, die ich als Mutter von ein oder zwei Kindern einschätze. Sie ist eine Zulufrau und über die Ruhepause genauso froh wie ich. Denn noch beginnt sie ein Gespräch und sagt unvermittelt: „I´m HIV positive.“ „Wie lange weiß Du das schon?“, frage ich zurück. „Meine Geschichte steht in seiner Zeitung, in der da,“ und sie weist dabei auf den letzten Rundbrief der Brotherhood of Blessed Gérard, der auf der Fensterbank liegt. In Englisch, aber inzwischen geht das schon ein Bisschen. Sie hilft mir ihn zu finden. Danach erzählt sie, dass sie mit dem Leben abgeschlossen hatte und es ihr denkbar schlecht ging. Sie wollte nur noch ihre Tochter irgendwo sicher unterbringen und dann sterben. Heute sitzt sie vor mir, das blühende Leben, fröhlich, gut genährt, schön anzusehen und voller Energie, wenn es nicht gerade die verdiente Mittagspause ist. Ich erzähle ihr von meinen Freunden in Deutschland und von meiner Internetseite und sie willigt ein sich fotografieren zu lassen und den Artikel zur Verfügung zu stellen:

Die Geschichte der Ngapumelela Ngosizo

Ein bewusstloser Patient mit Tuberkulose und Gehirnhautentzündung wurde 1999 im Blessed Gérard's Hospiz stationär aufgenommen. Er kam aus einer sehr gut sorgenden Familie, die eine Helferin für seine Pflege angestellt hatten. Das war Ngapumelela Ngosizo*. Ngapumelela beschloss, auch weiterhin für ihren Patienten zu sorgen und so absolvierte sie unsere Ausbildung für Pflegekräfte und wurde ein Mitglied der Brotherhood of Blessed Gérard.
Ngapumelela kam jeden Tag, um sich um ihren Patienten zu kümmern und sie nahm sich auch um die anderen Patienten an, die mit ihm das Zimmer teilten. Bei seiner Entlassung sorgte sie weiterhin für ihn zu Hause. Letztendlich starb er und Ngapumelela half weiterhin als freiwillige Helferin im Blessed Gérard's Hospiz und kümmerte sich so um andere kranke Leute. Dann fand sie Arbeit in einer Fabrik und hatte wenig Zeit zur ehrenamtlichen Mitarbeit, blieb aber mit uns in Verbindung.
Eines Tages im Juni dieses Jahres klingelte das Telefon in meinem Büro. “Ngapumelela Ngosizo ist hier und möchte mit ihnen sprechen”, wurde mir gesagt. Wie immer war ich sehr glücklich, ihr lächelndes Gesicht zu sehen. Als ich ins Erdgeschoss ging, um sie zu treffen, lächelte sie nicht. Ich wusste, da stimmt etwas nicht. Wir setzten uns und Ngapumelela bat mich, ihre Tochter ins Blessed Gérard's Kinderheim aufzunehmen. “Warum?”, fragte ich. Ngapumelela begann zu weinen. Sie erzählte mir, dass sie gerade eben aus dem Krankenhaus entlassen wurde und an Tuberkulose leidet. Sie sagte mir, dass sie AIDS hat. Sie war wirklich krank und es ging ihr jeden Tag schlechter. Ihre Schwester, die sich vorher ihrer angenommen hatte, hatte sie davon gejagt, weil sie krank war. Ihre Mutter und Geschwister hatten sie ebenfalls ausgestoßen. Ngapumelela hatte nicht gearbeitet und musste sich auf ihre Schwester verlassen, damit sie und ihre Tochter leben konnten. Ohne diese Unterstützung war Ngapumelela verzweifelt. “In Ordnung” sagte ich, “aber ich möchte Ihnen gern ein besseres Angebot machen.” Ngapumelela blickte mich mit ihren verweinten Augen fragend an.
“Ich möchte Ihnen genug Zeit anbieten, Ihre Tochter groß zuziehen, zur Arbeit zurückzukehren und Freude an ihrem Leben zu haben.” Ngapumelela weinte lautlos weiter als ich fortfuhr: “Wir sind gerade dabei, unser Behandlungsprogramm mit antiretroviralen Medikamenten zu beginnen und ich möchte Ihnen anbieten, eine der Ersten zu sein, die bei diesem Programm mitmachen.” Ngapumelela hörte zu weinen auf und ihr Gesicht spiegelte Hoffnung und Erleichterung wider. Sie hinterließ ihre derzeitige Telefonnummer und ging nach Hause.
Zwei Monate später hatte ich die große Freude Ngapumelela anzurufen und sie zur Blutuntersuchung und zum ersten HAART Vorbereitungskurs einzuladen. Sie schloss ihren Kurs ab und weil sie alle Kriterien erfüllte, die Voraussetzung sind, zum Programm zugelassen zu werden, bekam sie ihre antiretrovirale Therapie. Sie hatte an keinerlei Nebenwirkungen zu leiden, sie hat viel zugenommen und sieht jetzt viel gesünder und glücklicher aus.
Eine der schönsten Auswirkungen ist die Tatsache, dass Ngapumelelas Tochter ihre Mutter zurückbekommen hat!

* Dies ist eine wahre Geschichte, aber der Name ist aus Datenschutzgründen frei erfunden. Sie wird erzählt von Father Gerhard, dem Leiter des Care Centres.

Aids ist NICHT heilbar, entgegen allen Behauptungen, die immer wieder einmal zu lesen sind. Aber mit Hilfe der HAART (Hoch-Aktive-Anti-Retrovirale-Therapie) kann den Menschen entscheidend geholfen werden. Man rechnet damit, dass die Lebenserwartung eines Aidspatienten in der HAART etwa um 10 bis 20 Jahre verlängert werden kann. Und zwar als kräftiger, arbeits- und freizeitfähiger Mensch mit, wenn die Finanzen es erlauben, hoher Lebensqualität. Ein HAART-Patient verursacht monatliche Kosten von etwa 150 bis 200 €. Leider wirklich € und nicht Rand, was uns die Arbeit hier sehr vereinfachen würde. Das Foto zeigt Patienten, die sich im Unterricht auf die lebenslange HAART vorbereiten, ein Weg, den auch Ngapumelela gegangen ist.


Celebration

46 Neumitglieder standen um den Altar, in ihren Uniformhemden und mit der eben erhaltenen Mitgliederplakette um den Hals. Zuvor hatte ein waschechter Baron als hoher Vertreter des Malteserordens unserem Father Gerhard die Ehrenzeichen seines neuen Standes innerhalb des Ordens überreicht. Ein Zeichen der Ehrung für Pater Gerhard, aber auch ein Zeichen dafür, dass inzwischen weit über die Grenzen Südafrikas hinaus sein Wirken für die Armen, Schwachen und Kranken gesehen und geschätzt wird. So wurde nicht nur er geehrt, sondern mit ihm alle, die die Brotherhood mittragen und unterstützen, egal ob im Gebet, durch Spenden und Mitgliedsbeiträge oder durch unmittelbare Mitarbeit. Ein Grund zu feiern, zumal das Fest des Seeligen Gérard zu begehen war (13.10.), unseres Patrons, der schon vor fast 1000 Jahren in Jerusalem ein Hospiz gegründet und Sterbende gepflegt hat. So war auch der Gottesdienst sehr festlich. Angefangen hatte er mit 1 ¾ Stunden Verspätung, weil wir auf den Diözesanadministrator gewartet haben. Die Leute konnten das mit Ruhe ertragen, selbst die Kinder. Das ist doch ein gravierender Unterschied zu meiner deutschen Heimat. Es wurde halt gesungen und man unterhielt sich und es kamen immer noch weitere Gäste, die auf diese Weise den Gottesdienst in voller Länge erleben konnten. Um 12.30 Uhr strömt dann die ganze Festgemeinde auf die hergerichtete Terrasse, schönes Wetter war fest eingeplant.

Weil das Essen noch nicht ganz fertig war, wurden kurzerhand die Grußworte und der Festvortrag, den der Baron hielt, vorgezogen. Niemand machte sich die Mühe zu zählen, aber die Küche berichtete später, dass sie etwa 300 Essen herausgegeben haben. Während draußen gefeiert wurde, fanden sich im Haus immer genügend helfende Hände, um die Gäste zu versorgen und den laufenden Betrieb weiter zu führen, denn auch die Patienten, ob klein ob groß, sollten sich wohl fühlen, so gut es ihnen möglich war.

Besondere Freude brachten dann am frühen Nachmittag die Kinder des Kinderheims und unseres Kindergartens, die jeweils eigene Tänze und Lieder zum Besten gaben. So wurde auch beim Feiern wieder deutlich, dass wir hier in einer großen Familie leben. Waren anfangs alle streng nach Gruppen sortiert, mischte sich die Gesellschaft doch im Laufe des Festes immer mehr. Da hatten Gäste aus Nah und Fern plötzlich unsere Children's Home Kinder auf dem Schoss und Caregiver und angereiste Gäste standen in bunten Gruppen beieinander.

Im Laufe des Festes wird mir immer deutlicher, dass sich hier etwas Großartiges ereignet. Hier arbeiten nicht nur Menschen miteinander, sie leben ein Stück weit miteinander und ergänzen sich gegenseitig. Die freiwilligen Helferinnen und Helfer sind fast ausnahmslos Zulus, also Menschen die hier in Mandeni und der näheren Umgebung aufgewachsen sind und leben. Menschen, die eben da leben, wo wir unsere Patienten herholen, es sind deren Nachbarn. So ist die Brotherhood nicht eine wesensfremde Einrichtung, sondern Teil des Lebens in Mandeni. Es ist ganz offensichtlich gelungen Glaube, mindestens zwei verschiedene Kulturen und die Lebenswelt der Zulus miteinander zu verbinden. Dabei werden diejenigen, die die Patienten waschen oder den Flug fegen, genauso geschätzt und geachtet, wie diejenigen, die sich in fernen Länder zum Gebet für die Brotherhood verpflichtet haben oder durch ihre regelmäßigen Mitgliedsbeiträge die Arbeit hier vor Ort finanzieren. Die meisten von ihnen werden es gar nicht wissen, aber wir beten täglich in der Heiligen Messe für alle Mitglieder und Unterstützer, und besonders für die Geburtstagskinder unter den aktiven und fördernden Mitgliedern, wobei auch immer die Namen genannt werden. Da stehen dann Zulunamen und Deutsche Namen in bunter Reihe.

Sichtlich entspannt und froh fahren wir in kleiner Runde zum Abschluss des Tages an den Indischen Ozean in ein Restaurant direkt am Wasser. Das Rauschen des Meeres, der Duft des guten Essens und die netten Gespräche sind ein würdiger Abschluss für ein gelungenes Fest. Leben, arbeiten und feiern gehören zusammen, auch in der Aidshölle Südafrikas.


Zweiundvierzig

Ein langer Tag ist zu Ende. Wie fast immer war ich um 7.30 Uhr zur Messe, hatte mich aber heute falsch vorbereitet: 1.11., Allerheiligen. Allerheiligen wird hier am ersten Sonntag im November gefeiert und heute ist Dienstag, der 31. im Jahreskreis. Dienstags und donnerstags feiern wir Hl. Messe in Zulu. Das ist nur auf den ersten Blick problematisch. Ich kenne den Ablauf recht gut und kann problemlos folgen, nur die Akklamationen, die der Diakon normalerweise verkündet und das Evangelium übernimmt Father. Wenn ich dann im Vornherein die Lesungen anschaue, kann ich, was ich nicht verstehe mit eigenen Gebeten füllen. Beispielsweise bei der Präfation. Sie beginnt immer mit dem Wechselgebet: Der Herr sei mit Euch. Und mit Deinem Geiste. Erhebet die Herzen. Wir haben sie beim Herrn. Lasset uns danken dem Herrn unserem Gott. Das ist würdig und recht. Dann beginnt der wechselnde Text, der immer ähnlich fortfährt. Diesen bete ich dann in eigenen Anliegen und Gedanken, z.B. Ja, es ist würdig und recht, dir, Gott, allmächtiger Vater, dir immer und überall zu danken. Du hast uns berufen Dir in Mandeni zu dienen und hier von deiner Liebe Zeugnis zu geben. Wir danken dir für die Menschen, die uns hier so liebevoll aufgenommen haben. Zusammen mit ihnen dürfen wir Dir nahe kommen im Kranken und Sterbenden. An der Grenze zwischen Leben und irdischem Tod schenkst du uns eine Ahnung von Deinem Reich, das schon begonnen hat, mitten unter uns besteht, über alle Grenzen hinweg, sogar über den Tod hinaus. Dein Sohn Jesus Christus hat es verkündet. Ihm begegnen wir im Krankenbett und am Tisch, den er uns bereitet, wenn wir jetzt seinen Tod und seine Auferstehung feiern. Durch ihn rühmen dich Himmel und Erde, Engel und Menschen rund um den ganzen Erdball und singen wie aus einem Munde in so gleichen und verschiedenen Sprachen das Lob deiner Herrlichkeit. Heilig, heilig, heilig ....

Auch andere Teile der Eucharistie füllt mein Herz so mit eigenen Gebeten, die sich doch am Verlauf der Messordnung orientieren. So erlebe ich sehr wohl die Gemeinschaft mit den Zulu und den weißen Südafrikanern, bin aber auch durch eigene Gebete dem sprachlich ansonsten fremden Gottesdienst verbunden.
Beim Frühstück sehe ich die deutsche Journalistin wieder, die für 14 Tage hier im Care Centre wohnt. Sie macht seit einiger Jahren PR-Arbeit für die Brotherhood, überwiegend im Süddeutschen Raum, wenn ich das richtig mitbekommen habe. Eine nette aufgeschlossene Person, die nun zum ersten Mal in Mandeni ist und sich für alles hier interessiert. Um 10 Uhr beginnt meine Schicht im Children's Home, bis 19.00 Uhr. Es ist brutal heiß, auf dem Playground und im Haus direkt unter dem Dach. Trotzdem oder vielleicht sogar deswegen ist es recht schön. Wir sind viel draußen und die Kinder sind nicht so überdreht wie an manch anderen Tagen. Alle freuen sich über die häufigen Trinkpausen und nach dem Mittagessen ist tatsächlich schnell Ruhe im Haus, alle sind durch die Hitze erschöpft. Und nun, nach Feierabend und einer kalten Dusche, auch in unserer Wohnung sind 27°, höre ich draußen rhythmisches Kindergegacker. Und es knallt immer wieder; ziemlich heftig, fast wie Schüsse. Wir hatten schon einmal eine Schießerei gehört, aber heute klingt das irgendwie anders und es scheint nicht aufzuhören. Wir gehen nach draußen. ½ 9 Uhr abends, es ist stockdunkel. Die Anderson Road wird von fahlem Laternenlicht schwach erleuchtet. Gegenüber entdecken wir die Kinder, etwas 10 bis 15, das ist bei der Beleuchtung nicht genauer auszumachen. Irgendwo muss ein Feuerwerk sein. Die Kinder jubeln ausgiebig über eine Rakete, die bunte Streifen an den Himmel malt. Aha, da gibt es noch ein Feuerwerk und etwas später da auch und da, eigentlich überall und alle Lichter am Himmel und jeder etwas lautere Knall wird von der Kinderschar gefeiert. So eine Art Silvester am Allerheiligentag. Vielleicht feiern die Zulu aber auch was ganz was anderes, oder die Inder, die hier auch in erheblicher Zahl leben. Ich werde mich erkundigen und in nächsten Jahr zum 1.11. einen qualifizierteren Bericht über die Lichter am Himmel liefern; versprochen.
Wir gehen zurück in unser warmes Zuhause. Nachdem wir anfangs unsere Air-Conditioning falsch bedient hatten, ist nun der Außen-Kühler nicht bereit seinen Beitrag zu leisten, was uns 27° Innentemperatur beschert. Nun, wir sind in Afrika und mit einer Aircon konnten wir sowieso nicht rechnen.

Und es ward Abend und es ward Morgen, Allerseelen. 5.30 Uhr, das Außenthermometer zeigt 29°! Angelika hat Frühschicht und startet um ¼ vor 6 Uhr im klimatisierten Hospiz. Nach der Messe erledige ich Geschäftspost, aufs Frühstück verzichte ich heute, es sind um 8 Uhr 33°, mir bleibt ein wenig der Appetit weg. Um 10 startet bei mir der Dienst. Ein schöner Tag mit den Kindern. Den Rest des Vormittags verbringe ich erst einmal mit einem, wahrscheinlich durch die Hitze, geschwächtem Kind. Wir spielen und ruhen uns gemeinsam aus. Es ist eine großartige Erfahrung auf Arbeit Zeit für einen Menschen zu haben. Bitte, sagte die Leiterin, bleiben sie bei ihm bis zum Mittagessen. Ein Mitarbeiter für ein Kind. Zeit, dieses Wort werde ich nie wieder so benutzen können wie vor dem 16.8.2005. Möglich ist das, weil viele bereit sind mitzuarbeiten und viele bereit sind verlässlich Geld zu überwiesen. Gegen 12 Uhr kommen die anderen Kinder vom Playground wieder, tropfnass, als kämen sie, ohne sich abgetrocknet zu haben, direkt aus dem Schwimmbad. Es ist brutal heiß, das Thermometer zeigt 39°! Zum Mittag wird es dann wieder einmal spannend. Das Children's Home ist im 2. Stockwerk des Care Centres, die Küche im Erdgeschoss. Ein Fahrstuhl verbindet beide auf kürzestem Weg. Heute hängt ein Schild an der Fahrstuhltür: Wegen Wartungsarbeiten vorübergehend außer Betrieb. Vorübergehend! Und das in Südafrika. Was heißt das konkret, frage ich mich? Nur für ein paar Minuten oder Stunden, oder nur bis das Ersatzteil aus Johannesburg eingetroffen ist, oder was? Und ich beginne einen Plan B zu überlegen; typisch deutsch! Die afrikanischen Mitarbeiterinnen verstehen meine Sorgen nicht. Nicht nur meine Sprache und nicht meine Sorgen. Was ist schon passiert, der Lift geht nicht. Na und? Das Essen wird schon irgendwie kommen. Und es kommt tatsächlich, mit nur 15 Minuten Verspätung, die außer mir überhaupt niemand wahrnimmt. Wie lange werde ich hier sein müssen, um diese Menschen wirklich zu verstehen und von ihrer Ruhe und Gelassenheit zu lernen. Mir fällt das Fest des seligen Gerhard ein und die Festmesse, die mit 1 ¾ stündiger Verspätung begann und keiner fand das einer Bemerkung Wert.

Der Nachmittag bringt mich meiner persönlichen Höchsttemperaturmarke empfindlich nahe und zeigt an, sie wird in Kürze fallen. In Spanien hatte ich auf dem Jakobusweg, den ich 2002 von Südfrankreich aus nach Santiago de Compostela gegangen bin, in der Miseta als Höchsttemperatur 43°. Heute waren es in Schatten am Care Centre 42,5° und an der Wetterstation Mandeni laut Internet 42°. Und wir sind erst mitten im Frühling in Südafrika.

Auf dem Playground reagiere ich aus dem Bauch heraus, als ein Kind sieht, wie ich mir mit Wasser das Gesicht kühle, und kühle ihm mit zwei Händen voll Wasser selbst den Kopf. Die Reaktion ist bezeichnend für das Leben im Children's Home. Die anderen Kinder bekommen es mit und rufen in ihren hohen Stimmchen: „And me, and me!“ Und es kommen fast alle, um sich diese Erfrischung abzuholen. Draußen frage ich eine 2 ½-jährige: Und, war es gut? Und sie springt vor Freude in die Luft und ruft: Halleluja, halleluja. So habe ich diesen Jubelruf noch nie gehört. Und ich kann es nur kommentieren mit: Halleluja, halleluja.
Gegen Abend kommt starker Wind auf und die Temperaturen sinken wieder ein wenig und vielleicht kommen morgen die Aircon-Leute. Vielleicht aber auch nicht. Auf jeden Fall werden wir morgen Messe feiern und einen wachen Blick auf die Patienten haben und auf die Kinder, auch wenn wir zwei Tage off sind, denn vom Leben gibt es kein off. Nicht in Deutschland und nicht in Mandeni.


Diakon Thomas Müller und Angelika Müller

Unsere Adresse in Südafrika:

Angelika und/oder Thomas Müller
c/o Blessed Gérard's Care Centre
P O Box 440
Mandeni 4490
Republic of South Africa

E-Mail:
Angelika: angelika.mueller@bbg.org.za
Thomas: thomas.mueller@bbg.org.za

Telefon:
Angelika: 0027-72 7231280
Thomas:  0027-72 7231390
jeweils ab 19.00 Uhr Ortszeit

Diese Seite ist Teil des Rundbriefs Nr. 25 der Brotherhood of Blessed Gérard


Diese Seite wurde zuletzt am 08-10-2009 16:40:26 aktualisiert.


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