Nyekeni

Es ist Mittwoch der 9. Mai. Wir bekamen einen Anruf für einen Hausbesuch. Im Prinzip nichts Ungewöhnliches, denn oft rufen Verwandte oder Nachbarn bei uns an und teilen uns mit, dass es einen Kranken in der Verwandtschaft oder Nachbarschaft gibt. Wir fahren dann hin und schauen, was zu tun ist. Ob wir ihn mit ins Carezentrum nehmen oder ob er in die Basisgesundheitsstation muss oder ins Krankenhaus wird vor Ort entschieden. Dieser Anruf kam von einer Frau, deren Nichte es wohl schlecht geht. Also fahren wir hin und wollen uns das Kind ansehen. Als wir ankamen fanden wir Nyekeni*, ein etwa 4jähriges Mädchen völlig apathisch, mit offener Windel, auf dem Sofa liegen. Die Tante erzählte uns, das Kind hätte schon seit längerer Zeit Durchfall und seit etwa einer Woche laufe sie nicht mehr. Nyekeni lebte bei ihrer Tante und dem Onkel, da beide Eltern gestorben waren. Die Schwester nahm alle Formalitäten auf und wir nahmen Nyekeni mit zu uns ins Carezentrum.

Sie wirkte sehr verstört, lief nicht, redete nicht und konnte auch nicht richtig essen. Als ich sie baden und waschen wollte, gab es große Probleme, denn sie wollte sich nicht ins Wasser setzen und schon gar nicht waschen lassen, vor allem nicht im Intimbereich. Beim Abtrocknen und Eincremen bemerkte ich, dass irgendwas nicht stimmt und sagte unserer Krankenschwester bescheid. Sie schaute sich die Kleine an und stimmte mir zu. Sie holte unsere Ärztin, die das Kind untersuchte und meinte, auf alle Fälle sei an der kleinen „manipuliert“ worden. Der daraufhin hinzugezogene Amtsarzt stellte fest, dass es sich nicht um eine Vergewaltigung gehandelt hatte, doch die Tatsache, dass sie so verstört war und nicht mehr laufen und sprechen konnte oder wollte, war doch ein deutliches Anzeichen, dass Nyekeni missbraucht worden war. Die Polizei war zufrieden mit dem amtsärztlichen Zeugnis und leitete wohl aus Mangel an Beweisen keine Ermittlungen ein.

Seit jeher haben wir uns in unserem Carezentrum nicht nur um Sterbende angenommen, sondern auch um Menschen, die sonst keine Hilfe bekommen würden und so war es für uns ganz selbstverständlich, dass Nyekeni vorerst bei uns bleiben konnte. Wir versuchten nun zu erreichen, dass die Kleine sich bei uns wohl fühlt und spürt, dass sie keine Angst haben muss. Sie stopfte immer so viel in den Mund, dass sie die Menge kaum kauen konnte und hatte inzwischen aber schon wieder beide Hände  mit Essen voll, um es nachzustopfen. Das war schon sehr auffällig. Beim täglichen Waschen versuchte ich ihr beizubringen, dass sie das alleine machen kann, gerade im Intimbereich, wo sie das nun überhaupt nicht wollte, dass da jemand rankommt.

Nach ein paar Tagen probierten wir die ersten Gehversuche, es war sehr mühsam für sie und ohne Hilfe klappte es auch gar nicht, aber wir übten fleißig, denn sie wollte natürlich wie alle Kinder auch im Zimmer und auf der Terrasse herumlaufen.

Nach ein paar Wochen sah man schon einen Erfolg, wenigstens beim Laufen. Mit dem Essen klappte es noch nicht so gut und sprechen wollte sie überhaupt nicht. Sie spielte mit den Kindern, kam kuscheln wie die anderen auch, aber irgendwie wirkte sie immer noch sehr verstört. Sie machte weiter gute Fortschritte was das Laufen, Essen und Spielen mit den Kindern betraf.

Wochen später konnte Nyekeni entlassen werden, nachdem es ihr wesentlich besser ging und wir müssen darauf vertrauen, dass die hinzugezogene Sozialarbeiterin das Umfeld so saniert hat, dass es ihr auch weiterhin gut gehen wird.

Angelika Müller

* Nyekeni (Zulu für "Laßt mich in Frieden!") ist nicht ihr wirklicher Name.


Diese Seite ist Teil des Rundbriefs Nr. 27 der Brotherhood of Blessed Gérard


Diese Seite wurde zuletzt am 08-10-2009 16:54:09 aktualisiert.


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