Pater Gerhard zu Gast bei Frank Elstner in der Sendung "Menschen der Woche" am 30. Mai 2009

 

Frank Elstner: Hallo, guten Abend! Wir melden uns aus dem alten E-Werk in Baden-Baden. Herzlich willkommen zu einer neuen Folge von Menschen der Woche. Ich habe interessante Themen, interessante Gäste, die übrigens alle was gemeinsam haben: Alle haben es zu etwas gebracht.


Dann eingeladen habe ich einen Mann, der die weiteste Reise hinter sich gebracht hat. Er kommt aus Südafrika, leitet dort das AIDS-Hospiz in Südafrika, das er auch selbst mitbegründet hat: Pater Gerhard. ... Mein nächster Gast ist sehr weit gereist. Er kommt direkt aus Südafrika.


Südafrika: Autofahrt durch eine Todeszone. In den zahlreichen Siedlungen beiderseits der Fahrbahn tobt ein grausamer Krieg, den wohl kaum jemand hier überleben wird.


Ganze Landstriche sind schon verwaist


und auch in den Industriezentrun, wie hier in Mandeni, droht das Aussterben der gesamten Bevölkerung innerhalb nur einer Generation. Nirgendwo auf der Welt gibt es höhere HIV Infektionsraten.


Und mittendrin eine Station der Barmherzigkeit,


ein Hospiz für AIDS-Patienten im Endstadium.


Frank Elstner: Herzlich willkommen!


Der Missionsbenediktiner Pater Gerhard.


Wenn ich dies richtig gelesen habe, Pater, da gibt's schon einen Heiligen Gerhard.
Pater Gerhard: Es gibt einen Heiligen Gerhard, aber der hat mit uns nichts zu tun. Es gibt den Seligen Gerhard und der Selige Gerhard ist der Gründer des Malteserordens, und der hat vor neunhundert Jahren in Jerusalem den Malteserorden gegründet und nach dem ist auch unsere Organisation benannt. Ich bin auch sehr froh und glücklich, daß dies mein Ordensname geworden ist, weil wir uns den im Kloster selber aussuchen dürfen.
Frank Elstner: Sie sind aber Benediktiner ...
Pater Gerhard: Ich bin Missioonsbenediktiner, richtig ...
Frank Elstner: ... und sind einmal weggeschickt worden. Einmal hat einer Ihrer Chefs gesagt: "Junge, Du mußt ins Ausland!"
Pater Gerhard: Mein Erzabt, der jetzige Abtprimas des Benediktinerordens in Rom, Notker Wolf, hat mich am 6. Januar 1987 ausgesandt in die Mission ins Zululand in Südafrika und da bin ich im Gehorsam mit großer Freude hingegangen.


Frank Elstner: Sie haben dort einen sehr schweren Beruf. Sie haben ein Hospiz gegründet, sie haben Krankenstationen, Schulen. Sie helfen den Menschen. Sie greifen ihnen unter die Arme wo Sie nur können und trotzdem sagen Sie: "Ich möchte mit keinem Menschen auf der Welt tauschen."
Pater Gerhard: Wenn man eine Aufgabe hat wie ich findet man seine Erfüllung darin, daß man seinen Glauben in die Tat umsetzt. Ich sage den Leuten immer, die mich fragen: "Wo nimmst Du die Kraft her, das zu tun, was Du tust?" dann sage ich: "Aus meinem eigenen Glauben heraus, denn ich kann mich als Priester nicht auf die Kanzel stellen und nur fromme Worte predigen, sondern ich muß diese frommen Worte in die Tat umsetzen und den Menschen die Liebe Gottes spürbar machen, indem ich mich um ihn kümmere. Ich sage immer: "wenn mir während der Predigt einer verhungert ist meine beste Predigt nicht gut genug und so muß ich eben beides tun. Es gehört zu den Wesensaufgaben der Kirche, sich um die zu kümmern, denen es schlecht geht auf der Welt. Und das sehe ich als meine ganz persönliche Berufung an und ich bin froh, daß ih diese Berufung bekommen habe und Sie haben recht, es gibt nichts Schöneres und ich möchte wirklich mit niemand in dieser Welt tauschen.


Frank Elstner: Aber wenn Sie in einem Hospiz, wo Sie vierzig Betten haben, diese jungen Menschen sterben sehen, da muß man doch manchmal ein bißchen zweifeln.
Pater Gerhard: Ich habe noch nie gezweifelt. Woran ich zweifle sind die Menschen, aber ich habe noch nie an Gott gezweifelt oder am Schicksal dieser Menschen. Sie müssen wissen: Wenn wir diese Leute aus dem Slum herausholen, der Patient liegt vielleicht in den eigenen Fäkalien, völlig unterernährt, keiner kümmert sich um ihn. Sie müssen wissen, daß der Durchschnitts-Zulu davon überzeugt ist, daß Krankheit durch böse Geister, Verhexung, Verwünschung, Verzauberung hervorgerufen ist und wenn er sich jetzt um einen Kranken kümmert, dann mischt er den bösen Geistern ins Handwerk, und die bestrafen ihn dann. Und deshalb hat er Angst, sich um einen Kranken zu kümmern. Jetzt wenn wir oft zu diesen Kranken in den Busch hinauskommen, sind die völlig am Ende. Und wenn der Patient dann zu uns kommt, in einem sauberen Bett liegt, ordentliche Nahrung bekommt, alle medizinische Versorgung bekommt und dann - ich sage immer: Der erlebt so einen Kulturschock der Liebe, daß er auf einmal wichtig ist, daß ich ihn frage: "Ja, hätten Sie noch gerne eine zweite Scheibe Brot zum Frühstück? Was kann ich sonst noch für Sie tun?", daß sich einer ans Bett hinsetzt, ihm die Hand hält, Verständnis hat für ihn, auch wenn er mal weint und heult und wenn's ihm miserabel geht, einfach bei ihm bleibt, die Hand hält, und wenn ich dann als Priester auch noch mit dabei bin und für ihn oder mit ihm bete, dann ist dies eine wunderschöne Berufung und daraus bekomme ich meine Kraft.


Frank Elstner: Die Kranken, die bei Ihnen sind, sind fast alle AIDS-krank. 80% der Bevölkerung sind dort mit dem HIV-Virus angesteckt. Ist das wirklich so?
Pater Gerhard: Man muß dies relativieren: Landesweit gesehen in der Republik Südafrika sind es etwe ein Drittel. In der Provinz, das ist was hier in Deutschland einem Bundesland entspricht, kwaZulu/Natal sind es etwa zwei Drittel der Bevölkerung und dann gibt es, was wir auf Englisch "pockets of high infection rate" nennen, also endemische Gebiete, in denen die Ansteckungsrate besonders hoch ist und Mandeni hat leider traurige Berühmtheit erlangt als die AIDS-Hochburg der Welt. Schwarz auf Weiß nachweisen kann ich im Januar 2004 76% der HIV-Tests, die positiv ausflielen und etwas später wurden Industriearbeiter in einem Industriegebiet in unserer Nähe durchgetestet. Da warn 88% davon HIV-positiv. Bei uns im Hospiz sterben pro Tag bis zu fünf Patienten. Oft ist das Bett nach gar nicht kalt bis der nächste Patient wieder rein kommt. Das ist wirklich eine schlimme Situation, aber sie ist deshalb nicht so schlimm, weil wir dem Menschen ja helfen, weil er einen guten Tod haben kann, weil er einen Tod hat ohne Schmerzen, weil er einen Tod hat, wo ich mich um ihn kümmere.


Frank Elstner: Könnten Sie den Menschen nicht ein bißchen früher helfen ...
Pater Gerhard: Wenn die kommen würden!


Frank Elstner: Könnten Sie nicht Kondome verteilen?
Pater Gerhard: Es werden viel zu viele Kondome fraglos unters Volk geworfen, aber das Problem ist, daß der Durchschnitts-Schwarze kein Kondom will. Er muß sich ja beweisen, seine Virilität beweisen an der hohen Kinderzahl und das haut mit den Kondomen nicht hin, wenn er die verwendet. Außerdem will er ja für sein Alter vorsorgen und er denkt zumindestens wenn er viele Kinder hat, daß er eben dann im Alter versorgt ist und das ist ein Riesenproblem. Es gibt bei uns schon so eine Pro-Kopf-Rente, aber die ist zu wenig, um zu überleben und zu viel, um zu sterben und damit kann man nicht überleben, auch im Alter nicht und dies ist ein riesengroßes Problem.


Frank Elstner: Sind Sie denn der Meinung, daß die Katholische Kirche denn genug tut, um aufzuklären?
Pater Gerhard: Man kann gar nicht genug tun, um aufzuklären. Wir müssen dies mit ganz enormer Vehemenz tun. Wir tun dies auch selber. Es ist Teil unserer Aufgabe, die Leute aufzuklären, a. über die Wirklichkeit: Wo kommt die Ansteckung her? Wie kann ich mich anstecken? Wie kann ich diese Ansteckung verhindern, aber dann auch die Leute aufzuklären, wie kannst Du trotz dessen daß Du HIV-positiv bist, positiv leben? Und dies ist das Allerwichtigste, daß der Patient die Infektion nicht weiterträgt und zum dritten ist es ganz wichtig: Wir wissen, oder vielleicht wissen es doch viele nicht, daß sich bei jedem Geschlechtsverkehr die Virenzahl im Körper hochschaukelt. Wenn also ein HIV-Positiver mit einem anderen HIV-Positiven Geschechlechtsverkehr hat, dann steigt die Virenladung an. Aber das große Problem mit den Kondomen ist, wenn das Kondom einfach so als Patentlösung verkauft wird und, wie ich schon sagte, wenn die Kondome unters Volk geworfen werden, dann fühlt sich der Mensch in einer falschen Sicherheit und meint: "Es ist ganz egal wie ich mich sexuell benehme. Es kann mir ja eh' nichts passieren." Aber dies ist leider ein Trugschluß weil auch die Qualität der Kondome in unseren Breiten leider sehr schlecht ist.


Frank Elstner: Dort unten leben so furchtbar viele arme Menschen und trotzdem ist das älteste Gewerbe der Welt florierend. Man spricht von "sugar daddies". Das kenne ich eher aus Romanen und aus Hollywood-Filmen. Das scheint da unten an der Tagesordnung zu sein. Wie kommt es dazu?
Pater Gerhard: Es war einmal ein Doktorand der University of Berkeley in Kalifonien bei uns, um herauszufinden, warum ist Mandeni die AIDS-Hochburg der Welt? Und er ist zu zwei Schlüssen gekommen, nämlich a. es sei die Ungleichheit der Geschlechter und b. es sei die Armut. Wie sich das auswirkt ist, daß viel weniger Frauen Arbeit haben und daß die Frauen, die arbeiten, weniger verdienen als die Männer und damit haben die Männer das Geld in der Tasche und die Frauen haben nichts und die geben sich eben dann dem ältesten Gewerbe der Welt hin und zwar nicht in der Art so mit dem Handtäschchen an der Straßenecke zu stehen, sondern dies sogenannte "sugar daddy"-System und das heißt: "Ich miete mir, oder ein Geschlechtspartner mietet mich mittelfristig an und die Leute haben dann so für ein paar Monate oder ein Jahr einen Freund, aber einer eicht nicht. Jetzt brauche ich einenzweiten und einen dritten und einen vierten. Der eine zahlt das Schulgeld für die Kinder, der andere zahlt meine Lebensmittel, der dritte zahlt mir die Miete und der Vierte zahlt die Kleidung und auf diese Art und Weise ist bei uns die Promiskuität extrem hoch und damit haben wir natürlich diese extrem hohen AIDS-Raten, über die wir überhaupt nicht stolz sind, sondern im Gegenteil, die uns unheimliche Sorgen bereiten.


Frank Elstner: Wie bringen Sie das Geld zusammen für all das, was Sie Gutes tun?
Pater Gerhard: Ich bin Bettler von Beruf, d.h. ich muß um Spenden bitten. Wir bekommen keinerlei Zuschüsse von der Regierung. Die Regierung kann ihre eigenen AIDS-Programme nicht ausreichend finanzieren, d.h. wir müssen rein aus Spenden leben und das tun wir. Also, wir betreiben internationale Spendenwerbung und ich bin sehr stolz auch sagen zu können, daß wir dreißig Prozent unserer Spendeneinnahmen aus Südafrika selber bekommen, weil wir ganz bewußt auch eine Organisation geschaffen haben die nicht vom Ausland allein abhängig ist, wie dies leider so viele andere Organisationen sein müssen und wir haben also auch Rüchhalt im Land selbser.
Frank Elstner: Vielleicht können wir all denjenigen, die ihre Augen jetzt nach Südafrika lenken wegen der Fußball-WM den Tipp geben, vielleicht ma über Sie sich zu erkundigen, bei Ihnen vorbeizuschauen. Vielleicht bleibt ja von dem Kartengeld ein Bißchen etwas für Sie übrig.
Pater Gerhard: Das wäre schön!
Frank Elstner: Ich würde es Ihnen von ganzem Herzen wünschen. Gibnt es irgendetwas, was Ihnen noch am Herzen liegt, was Sie loswerden möchten?
Pater Gerhard: Was ich loswerden will ... außer unserer Kontonummer, ich weiß nicht, ob dies vom SWR her erlaubt ist ...
Frank Elstner: Es ist erlaubt.
Pater Gerhard: Es ist erlaubt! Ja, das wäre die Kontonummer 12021 - ich wiederhole: 12021 - un die ist bei der Sparkasse Neuburg-Rain und ie Bankleitzahl weiß ich nie auswendig. Das ist die 72152070 - ich wiederhole: 72152070 - und da bekommen Sie auch eine Spendenquittung, wenn Sie uns den Absender geben.


Frank Elstner: Ich bin ganz sicher: Der ein oder andere wird jetzt zuhören und wir werden die Kontonummer natürlich auch einblenden. Also es wird so sein, daß Sie mit Sicherheit ein bißchen was dazubekommen. Dankeschön! Vielen herzlichen Dank! Ich möchte Sie noch nicht gleich wegschicken hier, weil wir werden nachher nochmal über Afrika sprechen. Auch meine Gäste, die ich jetzt noch habe, haben ihren Blick schon nach Afrika gerichtet. Ich möchte nur von Ihnen wissen, wie oft kommen Sie iegentlich nach Deutschland zurück?
Pater Gerhard: So ungefähr alle zwei-drei Jahre.
Frank Elstner: So lange sind Sie dann immer weg?
Pater Gerhard: Ja. ja, ich muß ja auch etwas arbeiten.


Frank Elstner: Und sie können mit den Einheimischen in ihrer Sprache sprechen?
Pater Gerhard: Selbstverständlich!
Frank Elstner: Sie kommen aus Regensburg ...
Pater Gerhard: Ja. richtig!
Frank Elstner: ... sind als junger bayerischer Geistlicher nach Afrika gegangen ...
Pater Gerhard: Ja.
Frank Elstner: Und können Sie sich jetzt mit einem Zulu unterhalten?
Pater Gerhard: Selbstverständlich kann ich das.


Frank Elstner: Stellen Sie sich doch mal vor ich bin Zulu. Wie reden Sie mit mir?
Pater Gerhard: Hawu, sawubona Mnumzane! Ngiyajabula kakhulu ukuthi wangimema ukuthi ngizokhuluma nani mayelana neNculaza enangisimuAfrika. Sifanele ukucabanga enqondweni lethu ukuthi sifanele ukuvimbela lesisifo ngempela. (Guten Tag, mein Herr! Ich freue mich sehr darüber, daß Sie mich eingeladen haben, daß ich mit Ihnen über AIDS in Afrika spreche. Wir müssen in unserem Geist Gedanken schmieden, daß wir diese Krankheit wirklich verhindern müssen.)


Frank Elstner: Man muß Sie sofort bei der Deutschen Welle unterbringen! Sensationall! Vielen herzlichen Dank, Pater Gerhard!


Pater Gerhard: Ich danke Ihnen!


Frank Elstner: Wer nichts fragt, erfährt nichts!


 ... Ein wunderschönes Wochenende! Erholen Sie sich gut! Bis zum nächsten Samstag!




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